Kapitel 13: Telepathen II

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Endlich erreichte die Gruppe ein kleines Dorf, an dessen Tor bereits ein dicklicher älterer Herr auf sie zu warten schien. Seinem Blick nach zu urteilen, war er jedenfalls nicht sehr überrascht über das Auftreten der acht Krieger.

"Hallo, ihr Fremden! Willkommen in Nirnuk!", rief er ihnen zu und einige zogen die Augenbrauen hoch, als sie dem Mann näher kamen. Der Alte sah aus wie jemand, der dem Alkohol täglich zusprach und besonders oft zu duschen, schien er auch nicht, wenn man nach seinem Geruch und dem Fett in seinen Haaren ging. Er stand an dem, was man hier offenbar als eine Art Stadttor sah, welches eigentlich nur eine unsauber zusammengezimmerte Kombination aus Holz und Stroh war und grinste die Neuankömmlinge an. 

"Guten Tag!", grüßte Palk höflich. "Sie können uns nicht zufällig sagen, wie wir auf dem schnellsten Weg durch Ihr Dorf kommen?"

"Das könnt' ich schon, Kind, aber das wollt ihr bestimmt nicht", winkte der Alte ab.

"Und warum wollen wir das nicht?", wollte Palk wissen und legte den Kopf schräg.

"Na, weil dahinter das Meer ist und da wollt ihr bestimmt nicht reinfliegen", erwiderte der Mann.

"Wir wollen das Meer weniger überfliegen, als vielmehr daran entlanglaufen", erklärte Palk ihm.

"Ihr seid doch nicht den ganzen Weg aus der Hauptstadt gekommen, damit ihr an unserem Strand spazieren gehen könnt", lachte der alte Mann schallend. 

"Nein", antwortete Palk ernst. "Wir suchen nach jemandem und wollen sehen, ob er hier ist."

"Hier waren vor 'n paar Stunden noch welche", meinte der Mann nachdenklich. "N Paar Fremde, die sich hier wohl mal umsehen wollten. So wie ihr."

"Wie haben diese Fremden ausgesehen und wie viele waren es?", fragte Palk und der Mann legte die Stirn in Falten.

"Was ist das hier überhaupt für 'n Verhör? Sind das Verbrecher oder wie?"

"Allerdings sind das Verbrecher, zumindest gehen wir davon aus", antwortete Lakran auf die Frage.

"Einer von denen war eine Frau, glaub ich", dachte der Mann nach. "Die war auch nicht mehr die Jüngste aber hatte ne schicke Haltung." Er wurde ruhig und stand nur noch da. Er wankte ein wenig und irgendwann trat Makkatū vor und tippte ihm mit dem Finger auf die Schulter.

"Würden Sie bitte weitersprechen? Sie können später noch über diese Frau nachdenken", sagte er ungeduldig und der Alte schüttelte sich peinlich berührt.

"Du bist 'n Telepath, du kannst meine Gedanken lesen", stellte er fest und Makkatū rollte mit den Augen. "Ach so, ja!", rief der Mann und schlug sich selbst gegen den Kopf. "Da war noch so ein Junge bei, vielleicht gehört der zu euch."

"Wahrscheinlich nicht, können Sie ihn beschreiben?", fragte Palk und ballte die Faust, ohne es zu wollen. 

"Joa, der hatte rote Haare und 'n schwarzen Mantel an. Eigentlich war alles schwarz, was der bei sich hatte", erinnerte sich der Mann weiter. "Und dann war da..-" weiter kam er nicht denn Palk rief dazwischen.

"Haben die das Dorf schon verlassen?!" Der Mann überlegte. Es waren Sekunden, die der Gruppe wie Stunden vorkamen. 

"Ne, ich glaub nicht", sagte er schließlich und auf einmal ging alles ziemlich schnell. Palk gab Anweisungen und fünf von ihnen, rannten ins Dorf. Nur Makān, Itiama und Mizlok blieben bei dem Tor zurück, um darauf zu achten, falls jemand zu fliehen versuchen sollte. Der alte Mann grinste und sah die Übrigen an. "Na, die haben's aber plötzlich eilig, die Kids."

"Wer war der Letzte, den Sie gerade beschreiben wollten?", wollte Itiama wissen.

"Das ist mal ne gute Frage", erwiderte der Mann und sein Lächeln wurde mit jedem verstreichenden Augenblick weniger freundlich. "Das war der Mann, der mir gesagt hat, dass ich euch umbringen soll, wenn ihr hierherkommt."

Ehe einer der jungen Männer reagieren konnte, rammte der Alte seinen rechten Fuß in den Erdboden und erzeugte damit ein sichtbare Bewegung im Untergrund. Ein Stoß dreckiger Erde traf die drei Reisenden, wie eine Welle aus Gestein, die durch das weinen einer gigantischen Träne auf bloßem Stein ausgelöst worden war. Jeder von ihnen, konnte auf seine Art, einen schweren Sturz vermeiden, doch der alte Mann war schneller als sie erwartet hätten. Er stürmte zuerst auf Makān los, der auf einem Knie und der rechten Hand auf dem Boden, gelandet war. 

Anstatt sich zu wehren, wich er den folgenden Schlägen nur ungeschickt aus. Mizlok ging dazwischen und rammte dem Alten seine Faust ins Gesicht. Ihm flog kurz der Kopf zur Seite, dann riss er ihn herum und packte Mizlok an seinem noch ausgestreckten Arm. Wie beim Hammerwerfen drehte er sich herum und ließ Mizlok mehrfach im Kreis fliegen, dem bereits die Welt vor den Augen, zu einer absurden Malerei eines geistig verwirrten Kindes verschwommen war. Als Makān auf ihn losging, um die Dreherei zu stoppen, ließ der Alte los und Mizlok flog davon. 

Itiama sprintete hinterher um ihn aufzufangen und verschwand aus dem Sichtfeld der beiden Übrigen. Sie umkreisten sich einen Moment lang, bis der Mann ihn angrinste.

"Du bist hier der mit Abstand Nutzloseste, stimmt's?", fragte er höhnisch und Makān versuchte den Blick zu erwidern, doch ihnen beiden war klar, dass der Fremde Recht hatte. "Deshalb hat man mir auch die Anweisung gegeben, speziell dich umzubringen, bevor es dunkel wird", klärte der Mann ihn auf und Makān schluckte. Für seinen Geschmack, wusste sein Gegner entschieden zu viel über die Gruppe. Makān war nicht entgangen, dass der Alte auch sofort gewusst hatte, wer sie waren, denn niemand hatte ihm erzählt, dass sie aus Lyiapatazia gekommen waren. 

Palk hatte den Knall gehört und auch, dass er aus der Richtung an sein Ohr gedrungen war, aus der er eben hergekommen war. Er sagte den Anderen, dass sie weiter nach Tiraitān und seinen potentiellen Verbündeten suchen sollten und rannte selbst zurück, bis er das Tor sehen konnte, an dem nicht mehr der alte Mann stand. Als er noch näher kam, wurde ihm schlagartig klar, dass gleich zwei seiner Begleiter fehlten und dass der Alte über dem Dritten stand und zu einem Sprung ansetzte. Palk wusste, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen konnte, also nahm er seine ganze Kraft zusammen und schob die Luft vor sich weg. Es dauerte knapp zwei Sekunden, doch es reichte aus, um den gewaltbereiten Mann in der Luft zu treffen und ihn mehrere Meter über den Boden rollen zu lassen.

Palk rannte an Makān vorbei, der sich gerade wieder erhob und den Dreck von seiner Kleidung klopfte. Er wollte angreifen, als er sah, wie Itiama und Mizlok herbeigerannt kamen. zu seiner Erleichterung stellte Palk fest, dass beide nicht verletzt, sondern nur etwas angeschlagen waren. Er zog das Regenbogenschwert und hielt es dem alten Mann vor die Nase.

"Raus mit der Sprache!", sagte er drohend. "Wer war der Mann, der dich beeinflusst hat?"

"Beeinflusst?", fragte Itiama irritiert.

"Seht ihn euch doch mal genau an!", riet Palk, der seinen unerwartet kräftigen Gegner keine Sekunde aus den Augen ließ, während er ihn in Schach hielt. "Seine Fähigkeiten sind beeindruckend aber davon abgesehen, sieht er nicht gerade wie ein Kämpfer aus. Seine komische Kleidung und besoffen ist er offensichtlich auch. Der ist nicht ans Kämpfen gewöhnt, soviel ist sicher", erklärte Palk. Dann ging er in eine kriegerische Haltung. "Und jetzt raus mit der Sprache! Ich werd' nicht nochmal fragen."

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt