Kapitel 10: Itavāri II

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Wenige Minuten zuvor, an der Küste von Lakya-Rapīlo

"Du bleibst hier, ich lauf so schnell ich kann ins Dorf und suche nach jemandem, der uns helfen kann", entschied Okanur und drückte Lakran seine Tasche in die Hand.

"Halt, halt, halt!", rief der verdutzt. "Wieso hast du es plötzlich so eilig? Lass und nach ein paar Minuten ausruhen und dann gehen wir gemeinsam. Der Felsen wird schon nicht abhauen."

"Du verstehst wohl noch nicht ganz, was hier los ist", bemerkte Okanur hastig. "Wenn Tiraitān das Schwert jetzt wirklich schon hat und Palk gerade nach ihm sucht..-"

"Scheiße", raunte Lakran und seine Augen wurden groß.

"Genau das! Ich beeile mich. Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir es bei der Inschrift im Stein, mit einer altmodischen Beschwörungsformel zu tun. Falls ich jemanden auftreiben kann, der mir dabei hilft, sie zu entschlüsseln, können wir vielleicht eine Katastrophe verhindern."

"Okay, dann mal los!" Lakran nickte ihm heftig zu, doch als Okanur sich auf dem Absatz umdrehte, hielt er ihn erneut zurück. "Hier. Die solltest du für alle Fälle mitnehmen!" Er warf Okanur seine Tasche zu. "Ich bin nicht in der Form, sie gegen irgendwen zu verteidigen."

"Die hält mich nur auf", gab Okanur zurück, nahm die Tasche jedoch an sich und nahm den in das Tuch gewickelten Stein an sich. Er stopfte ihn eilig in seine rechte Hosentasche über dem Knie, gab Lakran die Tasche zurück und lief los. Lakran beneidete seine übersprudelnde Energie, als er seinem Freund hinterher sah, wie dieser in vollem Tempo davonsprintete.

Es dauerte nur ein paar Minuten bis Okanur den seltsamen Mann in seiner Traditionskleidung eingeholt hatte. Der sah inzwischen einigermaßen erschöpft aus, trug jedoch noch immer seine bewusstlosen Dorfmitbewohner auf den Schultern. Der Eingang zu Lakya-Rapīlo lag bereits in Sichtweite. Der Mann drehte sich langsam um, als er die zügigen Schritte Okanurs hinter sich hörte.

"Was ist denn noch?", fragte er ungeduldig und Okanur brauchte einen Moment, um Luft zu holen.

"Entschuldigung", japste er, legte die Hände auf die Knie und dachte kurz daran, den leuchtenden Stein hervorzuholen, von dem er keine Ahnung hatte, wie oder warum dieser ihn überhaupt heilte. Er verzichtete jedoch darauf. Der seltsame Mann lächelte dünn.

"Nun sag schon. Wo ist denn dein Freund?"

"Der ist völlig fertig und wartet", antwortete Okanur und riss sich wieder zusammen. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lächelte freundlich. "Danke für die Hilfe mit dem Schwert", begann er schließlich und sein Gegenüber nickte nur stumm. "Ich hab eigentlich so viele Fragen, was das betrifft, aber ich sehe, dass Sie schwer beschäftigt sind. Deswegen..-"

"Du kannst Du zu mir sagen", sprach der Mann ihm dazwischen. Er packte die Männer auf seinen Schultern fest an deren Jacken, schob sie herunter und legte sie auf den Boden neben sich. "Ich bin nicht viel älter als du, schätze ich. Ich sage dir alles, was du von mir wissen willst, aber unter einer kleinen Bedingung. Es ist eigentlich weniger eine Bedingung als eine freundliche Bitte. Kaum eine erwähnenswerte Gegenleistung."

"In Ordnung", erwiderte Okanur zögerlich. "Worum geht es denn dabei?"

"Zeig mir den Stein, den du vorhin gefunden hast. Der, mit dem du dich heilen kannst." Okanur legte die Stirn in Falten.

"Woher wissen Sie...ähm...weißt du denn von dem Stein?"

"Einer von den beiden Trotteln hier", der Mann stieß den Größeren der bewusstlosen Männer mit dem Fuß an, "ist zwischendurch wach geworden und hat was von einem leuchtenden Stein gefaselt. Vielleicht ist ja auch gar nichts da dran, aber wie ich ihn kenne, ist er viel zu phantasielos, um sich sowas auszudenken." Okanur überlegte, ob er den Mann anlügen und die Existenz des Steins verschweigen sollte, entschied sich jedoch dagegen.

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt