Ohne nur noch eine Sekunde zu verschwenden und ohne darauf zu achten, ob sie, von der fehlenden Tür einmal abgesehen, irgendwelche Spuren hinterlassen hatten, waren Palk und Lakran aus dem Haus des Spions gelaufen und machten sich nun auf den Weg zu Yurenas.
Sie waren schon ganz in der Nähe, als Palk seinen Freund packte und hinter einen Busch zerrte. Erschrocken rollte sich Lakran so hin, dass er Palk direkt ansehen konnte.
"Was ist denn in dich gefahren?" zischte er, als Palk sich den Zeigefinger vor den Mund hielt und ihn eindringlich ansah. Er wartete einen Moment mit seiner Antwort.
"Da hinten kommt er."
"Wer?"
"Rāvakum." sagte Palk leise und drückte die dünnen Äste vor sich auseinander, um etwas sehen zu können. Die beste Tarnung war das nicht gerade, schließlich war es helllichter Tag und der Busch nicht besonders dicht, aber es schien auszureichen, um einen unaufmerksamen Mann zu täuschen. Unbehelligt schlenderte der Spion an ihnen vorbei, wobei er sich nicht ein einziges Mal umdrehte. "Planänderung. Wir folgen ihm!" entschied Palk und achtete gar nicht auf Lakrans verneinenden Blick. Sie warteten noch etwas, bis sich Rāvakum entfernt hatte, dann sprangen sie aus dem Gebüsch und liefen in die selbe Richtung wie er.
"Was glaubst du, wo er hin will?" säuselte Lakran hinter Palk.
"Nach Hause."
"Woher weißt du das alles immer?" wollte Lakran wissen.
"Ich hab dir doch gesagt, dass Makkatū mir geholfen hat. Jetzt sei bitte ruhig, sonst merkt der noch was." gab Palk zurück und Lakran schwieg. Aus der Ferne beobachteten sie, wie Rāvakum auf sein Haus zuging und dann seine Reaktion, als er bemerkte, dass die Tür nicht an ihrem Bestimmungsort war, sondern einen guten Meter dahinter. Er fluchte und sein Knurren konnten sie auch von ihrem Platz aus hören. Es dauerte nicht lange, da verließ der Spion sein Haus wieder, setzte die Tür mühevoll wieder ein und ging zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
"Man, dieses hin und her Gerenne, wird mir langsam echt zu blöd." quengelte Lakran, als Palk vor ihm die Verfolgung wieder aufnahm. Weit über eine Stunde verfolgten sie ihn und Palk wunderte sich inzwischen, wieso der angebliche Meisterspion keine Ahnung hatte, dass man hinter ihm her war. Lyiapatazia hatten sie längst verlassen und Lakran erkannte den Platz wieder, an dem sie nun stehen geblieben und hinter einem sehr alten Baum in Deckung gegangen waren, dessen dunkler Stamm so breit war, dass sie nebeneinander stehen konnten. Sie befanden sich irgendwo zwischen Lyiapatazia und Lakya-Rapīlo.
"Bin mal gespannt, was er hier will." Palk klang in den Ohren seines Freundes nicht, als hätte er die Frage ernst gemeint, doch er hatte keine Lust mehr, der Idiot zu sein, der von nichts eine Ahnung hatte und blieb still. Einen Augenblick später, hörten sie Schritte, konnten aber nicht sagen, aus welcher Richtung. Erst jetzt, wo Lakran sich hinter dem Baum etwas vorbeugte, konnte er Rāvakum einmal genau ansehen. Er war ein junger Mann, vermutlich keine fünfzig Jahre alt und seine dunkelgraue Kleidung, mit der eng geschnittenen Kapuze, passte zu seinem Ruf als Meisterspion. Auch wenn dieser Gedanke idiotisch war, weil die gesamte Spezialeinheit diese Kleidung trug und Rāvakum nicht gerade gut zu sein schien, blieb das für Lakran so stehen.
"Ach, da bist du ja endlich!" hörten sie den Mann rufen und es riss Lakran aus seinen Gedanken. Er sah zu Palk herüber, der ein wissendes Grinsen im Gesicht hatte, dann bemerkte er jedoch dessen geballte Fäuste. Sicher war er mindestens ebenso nervös wie sein Freund.
"Was willst du von mir?" fragte die näherkommende Stimme und Lakran brach augenblicklich der Schweiß aus. "Traust du dir nicht mehr zu, meinen Kristall zu beschützen?" fragte die eindeutige Stimme von Tiraitān, mit diesem typisch spöttischen Unterton.
"Unsinn, Tiraitān! Ich wollte dich nur mal wieder treffen." antwortete Rāvakum und gab Tiraitān die Hand, als sie direkt voreinander standen.
"Du bestellst mich extra hierher, um zu labern?" Tiraitān klang sauer. "Glaubst du, ich hab nichts Besseres vor?"
"Okay, dann will ich gleich zum Punkt kommen." beschloss Rāvakum etwas nervös.
"Das will ich hoffen!" erwiderte Tiraitān bedrohlich. Lakran wandte sich seinem Freund zu.
"Ich denke, die beiden sind so gute Freunde. Da passt doch was nicht." flüsterte er und Palk sah gleich wieder zu den anderen beiden herüber.
"Ich komme im Auftrag deines Großvaters." sagte Rāvakum ernst. "Er lässt die Bitte ausrichten, mit mir nach Lyiapatazia zurück zu kommen." Tiraitān lachte freudlos.
"Der alte Mann will mich also ans Messer liefern, ja? Das könnte ihm so passen."
"Du irrst dich, Tiraitān." widersprach Rāvakum. "Er will nur ein paar Worte mit dir wechseln und er garantiert für deine Sicherheit." Lakran fuhr zu Palk herum.
"Du hast also wirklich recht gehabt." stellte er schockiert fest.
"Shhhht!" zischte Palk.
"Warum sollte ich dem Alten trauen?" fragte Tiraitān skeptisch und sie hörten, wie er elektrische Energie durch seine Faust knistern ließ. Rāvakum klang nun mächtig angespannt.
"Ich schwöre es! Er will nur mit dir reden. Er hat mir sogar einen Ring mitgegeben, der uns beide unsichtbar macht, während wir reisen. Niemand wird bemerken, dass du da bist und wenn du wieder gehen willst, kannst du gehen." Tiraitān schien zu überlegen, denn er sagte nichts.
"Schön." sagte er schließlich und wieder klang er spöttisch. "Wenn ich rausfinde, dass ihr mich verarschen wollt, werde ich euch alle umbringen. Das solltest du im Hinterkopf behalten." sagte er ernst und besah sich den Ring, den Rāvakum erwähnt hatte. "Wie funktioniert das Ding?" wollte er wissen.
"Solange wir uns berühren, kann der Träger uns beide unsichtbar sein lassen." erklärte Rāvakum. "Das geht allerdings nur für etwa eine Stunde, dann muss man den Ring ablegen und an einem hellen Ort wieder aufladen lassen."
"Gib ihn her!" befahl Tiraitān.
"Warum denn?" fragte Rāvakum verunsichert.
"Ich sagte, gib ihn her!!" wiederholte Tiraitān und Rāvakum zog widerwillig den Ring von seinem Finger, während er Tiraitān fragend ansah. "Damit du gar nicht erst auf dumme Gedanken kommst, behalte ich lieber selbst die Kontrolle." meinte Tiraitān und steckte sich den Ring an den Ringfinger seiner Linken. Dann packte er Rāvakum an dessen Handgelenk und zischte mit ihm davon.
"Oh Scheiße, ich hab vergessen, dass der Arsch so schnell ist, dass wir das mit der Verfolgung vergessen können." gestand Palk ärgerlich und diesmal war es Lakran, der ihn beruhigen konnte.
"Ich denke, er kann sich nicht so schnell bewegen wie sonst, solange er diesen Typen im Schlepptau hat." sagte er ruhig und rannte vor. Palk kam direkt hinterher und bevor er fragen konnte, sprach Lakran weiter. "Während unseres Kampfes, hab ich die Gelegenheit gehabt, ihn zu beobachten. Er dematerialisiert sich, damit er sich wie ein richtiger Blitz bewegen kann. Wenn er diesen Rāvakum aber weiterhin festhalten will, kann er sich nicht komplett verwandeln und das dürfte ihn ziemlich stark behindern. Er ist wahrscheinlich nicht mal dreimal so schnell wie wir."
"Wie schön für uns." erwiderte Palk sarkastisch.
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Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]
FantasyDer gerade volljährig gewordene Meluhhaner Palk plant, seine Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken. Doch während er zu diesem Zweck einige Verbündete um sich schart, geschehen schreckliche Dinge und finstere Geheimnisse kommen allmählich ans...