Kapitel 32: Irichons Plan I

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Der laute Knall der Explosion, in der sein Freund und dessen Rivale davongeflogen waren, hatte Lakran beinahe das Hörvermögen gekostet. Glücklicherweise hatte das heilige Schwert ihn gleich wieder von den schrecklichen Kopfschmerzen befreit und er rannte auf die Mitte des Marktplatzes zu, wohin sich der Kampf inzwischen ausgebreitet hatte.

Er hatte gesehen, wie Palk sich mal wieder sämtliche Klamotten aufgerissen hatte, während seines verzweifelten Versuchs, eine mehr oder weniger saubere Landung hinzubekommen. Lakran war sich nicht sicher, ob es einen Grund für das loswerden des Schwertes gegeben, oder ob Tiraitān es ihm einfach nur aus der Hand geschlagen hatte, aber auf Nummer sich zu gehen, schien ihm in diesem Fall vernünftig.

Der Gegner mit dem sie es hier zu tun hatten, war schließlich nicht irgendwer, sondern Tiraitān, der offenbar genau wie Palk ein Halbgott zu sein schien. Damit klarzukommen, war Lakran noch immer nicht möglich, denn diese Wendung bedeutete für ihn schlicht und ergreifend, dass es nie so stark oder berühmt werden konnte, wie er sich schon als Kind erträumt hatte. Mit einem Gottgleichen Wesen würde er es niemals aufnehmen können.

Er war bereits in das glühende Energiefeld eingedrungen, das seinen Freund umgab, sich aber mit jedem weiteren Schritt von Lakran, mehr in ein schwer zu beschreibende Violett verwandelte. Zuerst begriff er nicht, doch dann drehte er im Rennen kurz seinen Kopf und sah Tiraitān, dessen Aura ihn in einem noch größerem Radius umgab, mitten auf Palk zurasen.

Lakran wollte gerade ausholen, um Tiraitān das Schwert entgegenzuschleudern, doch während er ausholte, ereilte ihn ein seltsames Gefühl, als nehme das Schwert, auf telepathischem Wege, Kontakt mit ihm auf. Ohne es sich selbst erklären zu können, wurde er langsamer, drehte sich dem anstürmenden Tiraitān zu und holte zu einem wuchtigen Schlag aus. Der völlig überraschte Tiraitān musste bremsen, um nicht genau in den Schlag hineinzufliegen und sauste in einem kleinen Bogen um Lakran herum.

Doch wieder war da diese leise, kaum hörbare Stimme in dessen Kopf, die weder zu beschreiben, noch zu erklären war und die ihm innerhalb eines einzigen Wimpernschlags detailliert die weiteren Handlungen anwies. Lakran drehte sich auf dem Absatz um, ließ die Klinge ein weiteres mal, haarscharf an Tiraitāns Ohr vorbeiziehen und als dieser erneut versuchte, in einem noch geringeren Abstand hinter Lakran aufzutauchen, schoss die Klinge ohne Vorwarnung über dessen Schulter und bohrte sich in die Seine.

Tiraitān starrte mit schockgeweiteten Augen auf das kurze Silberschwert, dessen am unteren Ende sitzender Kristall sich unterhalb des Schulterblattes, förmlich durch seinen Körper gefressen hatte.

„Wow." war Alles, was Lakran hervorbrachte, als er sich zu seinem verhassten Gegner umdrehte, ohne das heilige Schwert dabei anders zu positionieren. Er hatte schon die Augen zugekniffen, in Erwartung, jeden Augenblick die vor Blitzen zuckende Faust Tiraitāns in seinem Rücken zu spüren, doch nie hätte er mit einer solchen Wendung gerechnet.

„Das ist doch unmöglich!" ächzte Tiraitān und fauchte, während er die Klinge mit seinen Handflächen fest umschloss und sie aus seiner Schulter zu ziehen versuchte. Doch gegen Lakrans eisigen Willen und den natürlich wesentlich stärkeren Armen, kam er mit solch wenig Kraft nicht an. Doch als er den Träger des verdammten Schwertes auch noch triumphierend lächeln sah, genügte es ihm. Er erinnerte sich daran, dass er während seiner früheren Studien der elektrischen Energie, an eine heute sehr nützliche Information gekommen war. Silber, das Material, aus dem das heilige Schwert eben bestand, war ein hervorragender Leiter von Strom!

„Lakran!!" brüllte Palk seinem Freund zu, der sich krümmte und lauthals schrie, als die Blitze durch seinen Körper zischten und ihn langsam zu töten begannen. Das weckte seinen Kampfgeist erneut und er erhob sich schmerzhaft, was selbst die bereits schwindende Energie eines Halbgottes nicht mehr unterdrücken konnte. Vermutlich hätte sich an seinem Körper kaum noch eine Stelle gefunden, an der er keine Schrammen, verdreckte Wunden oder Beulen besaß. Aber Lakran sterben zu lassen, der sich mutig dem Kampf gegen einen mächtigen Halbgott gestellt hatte, kam für Palk definitiv nicht in Frage.

Selbst jetzt, als die tödliche Energie von millionenfach zuckenden Blitzen, sein Blut zu kochen und sein Fleisch zu garen drohten, hatte Lakran das Schwert immer noch nicht losgelassen, das ihm nun selbst zum Verhängnis werden konnte. Palk war klar, dass jetzt jede Sekunde zählte. In seiner vollen Geschwindigkeit schoss er auf Tiraitān zu, packte seine Schultern und drückte den hochmütigen Halbgott immer tiefer in die Spitze des Schwertes, das bereits zur Hälfte in ihm steckte. Dann sah er Lakran einen Augenblick mitfühlend an und kickte ihm mit aller Gewalt den Griff der legendären Waffe aus den Händen.

Lakran blieb erstarrt stehen, während Tiraitān mitsamt dem noch in ihm steckenden Schwert nach hinten fiel und unsanft aufschlug. Palk legte seine Restenergie in den linken Fuß und stellte ihn auf den Brustkorb seines Gegners. Dann zog er das heilige Schwert aus diesem heraus und wieder hinein, damit er am Boden festgenagelt blieb und sich nicht länger wehren konnte.

Er drehte sich zu Lakran um, damit er ihn auf seine Ansprechbarkeit prüfen konnte und wedelte mit den Händen vor dem Gesicht seines Freundes herum. Er hätte es kaum für möglich gehalten, aber Lakran war tatsächlich noch bei Bewusstsein, denn er blinzelte kurz hob dann langsam und zittrig die Hände. Dann sah er zu Tiraitān herunter, dessen Aura sich schnell zurückbildete, bis sie zu einem einfachen Schimmer auf seinem Körper wurde, ebenso wie die von Palk.

„H-hab...hab ich's ge-geschafft?" stotterte er mühsam und Palk legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Das hast du, mein Freund! Du warst großartig!" Dann überlegte er einen Moment. „Aber wie um alles in der Welt, hat der Idiot es geschafft, seine Fähigkeiten gegen dich einzusetzen, obwohl das heilige Schwert in seiner Schulter gesteckt hat?" Darauf wusste auch Lakran keine Antwort, oder er war einfach noch nicht wieder fit genug im Kopf, um überhaupt darauf zu antworten, denn er zuckte nur die Schultern.

„Ihr elenden Ratten!" stöhnte Tiraitān vom Boden aus und stierte zu ihnen herauf. „Eines Tages werdet ihr es noch bereuen, dass ihr euch mit mir angelegt habt!" versprach er, doch diesmal blieb ihm das eingebildete Grinsen im Halse stecken.

„Genau genommen", begann Palk und wandte sich wieder dem am Boden Angenagelten zu, „hast du dich mit uns angelegt. Wärst du nun endlich so freundlich, mir mal zu erklären, was dich zu diesem ganzen Schwachsinn getrieben hat?" Er blickte Tiraitān ernst in die Augen und legte eine Hand an den Griff des Schwertes, das diesen gefangen hielt. Beide hatten sich inzwischen wieder vollständig in ihre gewohnte Form zurückverwandelt, doch der Himmel war noch immer in graue Wolken getaucht, die wie verschmutzte Tücher über Lyiapatazia hingen.

Palk war fest davon ausgegangen, eine dämliche Bemerkung, einen Racheschwur, oder etwas ähnlich Bescheuertes zu hören zu bekommen, doch Tiraitān drehte seinen Kopf bloß zur Seite, um ihn nicht ansehen zu müssen. Er schwieg und starrte ausdruckslos ins Leere.

„Ist schon in Ordnung." sagte er ruhig und zog an dem Schwert, bis es vollständig aus Tiraitāns Schulter entfernt war. Ungläubig glotzten ihn Lakran und der sprachlose Verletzte an, was Palk herzlich egal war. „ich glaube nicht daran, dass es allein an dir lag. Und ich glaube auch, dass du das sehr wohl weißt. Deine Worte von vorhin, sind mit Beweis genug. Du hast dich dem hingegeben, was dir ein Anderer eingeredet hat. Ich kann das verstehen, schließlich hast du viele Jahre nach einem neuen Ziel gesucht, einem Ansporn weiterzukämpfen und besser zu werden."

„Hübscher Vortrag." presste Tiraitān angestrengt hervor. „Hilfst du mir jetzt hoch, oder willst du weiter dumm dastehen. Lakran war dermaßen unter Schock, dass er sich gerade wünschte, dies sei alles nur ein Hirngespinst, ausgelöst von der massiven Ladung elektrischer Energie, die noch immer durch ihn hindurch rauschte, doch er schien völlig klar zu sein und traute deshalb seinen Augen nicht, als Palk dem verhassten Tiraitān, die Hand entgegenstreckte, um ihm auf die Beine zu helfen.

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt