Kapitel 24: Blitz und Donner II

25 5 2
                                    

"Was ist los, alter Sack? Willst du wirklich gegen mich antreten?" Tiraitān lachte laut und Viyalān stieg die Stufe hinab, die zu den Sitzen der Ältesten führte. 

"Du kannst immer noch akzeptieren, was ich dir angeboten habe, Tiraitān. Noch gibt es ein Zurück für dich. Wenn du dich allerdings für den falschen Weg entscheiden solltest, werde ich dich offiziell verbannen und du wirst hingerichtet, sobald du dich der Stadt oder seinen Bewohnern näherst." verkündete Viyalān, doch sein Enkel blieb unbeeindruckt. 

"So viel dazu, dass ich dir ach so wichtig wäre." meinte er nur und grinste überlegen.

"Du lässt mir ja keine Wahl, du dummer Junge!" erwiderte Viyalān und knackte gefühlt jeden einzelnen Knochen, von den Hüften, bis hin zum Genick. Tiraitān ließ sich Zeit, etwas zu unternehmen, daher machte sich der alte Mann auch noch die Mühe, seine Robe auszuziehen und hinter sich auf den Stuhl zu werfen, ohne sich dabei zu drehen. 

"Was willst du denn schon gegen mich ausrichten?" wollte Tiraitān wissen und zeigte mit dem rechten Zeigefinger auf Viyalān. Der kam langsam auf seinen Enkel zu und als er nur noch einen Meter entfernt war, schoss der Blitz aus dem Finger des jungen Kriegers. Tiraitān hob die Augenbrauen, als die Körperstelle, die eigentlich verbrannt hätte sein sollen, sich mit einem leisen Zischen wieder schloss und das winzige Loch verschwand, durch das der Blitz gefahren war. Stattdessen explodierte der prachtvolle Stuhl hinter Viyalān in mehrere Holzteile. der Alte sah Tiraitān rügend an. 

"Da wird Ältester Muriyet aber sauer sein, wenn er hört, wer seinen Stuhl kaputtgemacht hat." sagte er und holte aus. Seine heranrasende Faust wirkte auf Tiraitān plötzlich massig und er machte sich die Mühe, zur Seite zu springen. 

"Woher kannst du das?" wollte er wissen, doch Viyalān sagte nichts, sondern hielt seine Hand so vor sich, dass die Nägel auf Tiraitān wiesen und dann leuchtete sie auf. Tiraitān schoss in letzter Sekunde nach oben und stieß sich von der Decke ab, als der sichelförmige Blitz unter ihm weg schoss und einen Teil der linken Mauer zerstörte. Schockiert sauste Tiraitān auf den alten Mann hinunter und trat aus der Luft nach ihm. Viyalān packte seinen Fuß und schleuderte den Jungen Mann einfach davon. Tiraitān bremste seinen Flug ab, indem er ein Knie und einen Fuß über den Boden schleifen ließ und diesen dann mit der elektrisierten Hand packte. 

Schnell riss er seinen Umhang von sich und warf ihn davon, um mehr Bewegungsfreiheit zu bekommen. Dann sprintete er wieder auf Viyalān zu und wollte ihm eine mit dem Knie verpassen. Doch wieder war der Alte schneller und blockte den Angriff ab. Sofort schlug Tiraitān mit der Rechten zu und dann mit der Linken. Diese Kombination wiederholte er und wurde dabei immer schneller, bis es nicht mehr möglich war, seinen Schlägen mit dem Auge zu folgen. Er landete einige Treffer, dann hielt Viyalān schützend die gekreuzten Arme vor sein Gesicht und als Tiraitān einmal nicht richtig traf, atmete der Oberälteste tief ein. Er stieß ein Brüllen aus, dass den Kronleuchter an der Decke zum Wackeln brachte und sein Enkel flog davon. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, erhob er sich aus den Trümmern eines der anderen Stühle, was Viyalān ein angestrengtes Lächeln entlockte. 

"Jetzt hast du schon zwei auf dem Gewissen. Ich glaube, der gehört Yurenas." sagte er und musste sich kurz wieder erholen. Auch wenn er sagenhaft gut kämpfen konnte, für einen uralten Mann, merkte man an seiner fehlenden Ausdauer eindeutig, dass er nicht sehr lange würde durchhalten können. Tiraitān griff sich eines der Stuhlbeine und zischte blitzschnell auf seinen Großvater zu. Als das massive Holz und die Faust des alten Mannes aufeinandertrafen, war es zu Tiraitāns Erstaunen die provisorische Waffe, die den Kürzeren zog. In kleinen Splittern landete sie auf dem Boden, doch Tiraitān zischte durch den Raum, griff sich ein weiteres Stuhlbein in jede Hand und schlug immer wieder zu.

Als er einen harten Treffer in Viyalāns Gesicht landete, kämpfte dieser mit einer Ohnmacht. Er kniff eines seiner Augen zu, um einigermaßen sehen zu können, wie Tiraitān ausholte und ihm eines der Stuhlbeine in den linken Arm rammte. Viyalān brüllte und schlug mit dem gesunden Arm zu. Tiraitān blockte ab und grinste, bis er einen Wimpernschlag später, urplötzlich davon flog und diesmal in der Tür landete. Er brummte wütend, als er aufstand.

"Wie machst du diesen Scheiß, Alter?!" brüllte er Viyalān entgegen, der keuchend die Hände auf den Knien abstützte, wobei die Wunde immer mehr schmerzte, die Tiraitān seinem Linken Oberarm zugefügt hatte. 

"Kapierst du es immer noch nicht?" japste er und stierte Tiraitān wütend an. "Du bist wirklich zu dämlich! Ich sagte doch schon, wir zwei sind eine Waffe. Wir gehören zusammen. Du bist der Blitz und ich...ich bin der Donner!" Sein Keuchen wurde noch schlimmer und er hockte sich auf ein Knie. 

"Bring es mir bei, vielleicht lass ich dich dann am Leben." schlug Tiraitān vor und kam näher. Seine Kleidung hatte den vielen harten Landungen, mittlerweile nicht mehr standhalten können und wies einige unschöne Schrammen und kleine Löcher auf. 

"Du sagtest, dass du von mir nichts lernen willst." hechelte Viyalān und sah zu Tiraitān hoch, der jetzt dicht vor ihm stand.

"Ich hatte doch keine Ahnung, wie stark du noch bist." entgegnete Tiraitān. "Du wirst mir sicher noch nützlich sein." 

"Vergiss es!" schnaubte der alte Mann wütend. "Du hast meinen Vorschlag abgelehnt und zu allem Überfluss auch noch vier Unschuldige ermordet."

"Ich würde sagen, es waren eher so um die zehn." korrigierte Tiraitān verspielt und holte mit dem rechten Fuß aus. Dann kickte er den hustenden Viyalān zur Seite und beobachtete, wie dieser schmerzhaft über den Boden rollte. "Vergiss nicht deine komische Truppe, die nach mir suchen sollte und diesen Blödmann, dem ich das Schwert weggenommen hab." fügte er hinzu ließ einige kleine Blitze in Viyalāns Körper schießen. 

"Hör mir gut zu, Junge!" befahl der Alte und versuchte aufzustehen. "Du bist ein Mörder, ein Verräter und ein Feigling. Dich wird niemals jemand freiwillig unterrichten und wenn ich nur zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich dich immer noch in den Boden stampfen." Tiraitān spürte die Wut in sich hochsteigen. Sein Großvater lag praktisch bewusstlos vor ihm am Boden und hätte um sein erbärmliches Leben winseln sollen. Stattdessen wagte er es auch noch, sich über seinen überlegenen Gegner lustig zu machen.

"Ja, ja, ich kann mich noch an damals erinnern, alter Mann." antwortete er und bemühte sich um seinen typisch arroganten Tonfall. "Wie du früher mit mir geredet hast, während du und deine erbärmlich schlechten Leute versucht haben, Wissen und Techniken in mich rein zu pumpen. Immer hast du gesagt, dass dir klar wäre, dass aus mir nichts werden könne. Tja, und was ist jetzt?" Er formte seine Hand zu einer Art Klaue und speiste sie mit einer Ladung Energie. Er kniete sich vor seinen Großvater und präsentierte ihm die knisternde Hand. Dann schloss er die Augen, grinste und sprach den letzten Satz, den er je zu Viyalān sagen würde. "Sei froh, dass du nicht mehr lang genug auf dieser Welt sein wirst, um zu erleben, wie ich sie vernichte!"

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt