Yurenas war ein Morgenmensch. Seine übliche Morgenroutine bestand darin, bereits kurz nach Sonnenaufgang aufzustehen, sich für den Tag vorzubereiten und dann in die Küche zu gehen, um Tee aufzusetzen. Auch wenn dieser Morgen wegen des eher tristen Wetters etwas weniger schön war als gewöhnlich, ließ er sich dennoch nicht davon abhalten. Fast hätte man Yurenas für einen ganz gewöhnlichen alten Herrn halten können, wenn man ihn beobachtet hätte. So wie er dasaß in seiner weit geschnittenen, tiefbraunen Kleidung, seinen Tee zum Frühstück mit Brötchen schlürfend und die wöchentlich erscheinende Zeitung studierend, welche hauptsächlich von älteren Herrschaften und Leuten mit besonders angesehenen Berufen gelesen wurde.
Auf Yurenas traf beides zu. Deshalb war es für ihn von besonderer Wichtigkeit, stets über jegliche relevanten Ereignisse in ganz Meluhha informiert zu werden. Doch in letzter Zeit hatten sich die negativen Berichte merklich gesteigert. Wo Schlägereien und Diebstähle früher einmal zu den Ausnahmevorfällen im heiligen Land gehörten hatten, waren nun sogar gelegentlich Raubüberfälle mit tödlichem Ausgang und verschwundene Menschen gemeldet worden. In einen besonders brisanten Artikel versunken, brauchte er einen kurzen Moment, um in den Alltag zurückzufinden, als er hörte, wie eine Tür langsam geschlossen wurde. Yurenas hob den Kopf als sich die Schritte näherten und lächelte etwas. Die Freude darüber, seinen Schützling früh am Morgen zu sehen, ließ ihn alles andere beiseiteschieben.
"So früh schon auf, Junge? Wie hast du geschlafen?" Palk blinzelte heftig, scheiterte an einem Versuch, das Lächeln zu erwidern und setzte sich dann auf den einzigen Stuhl, der Yurenas' Seite des Tisches gegenüberstand.
"Morgen", gab er zurück. "Auf jeden Fall besser als in den letzten Tagen. Du warst ja lange weg gestern." Yurenas setzte eine fragende Miene auf.
"Nein, nein. Ich war nicht lange weg, du bist außergewöhnlich früh schlafen gegangen."
"Ach ja, du solltest in Zukunft wirklich besser die Tür abschließen, Yurenas", schlug Palk vor.
"Und wie kommst du dann in besagter Zukunft hier herein?"
"Du könntest mir einen Schlüssel geben", meinte Palk achselzuckend.
"Wozu? Die Tür ist doch offen." Palk musste so lachen, dass sein Kopf zu schmerzen begann und er mäßigte sich. Gelegentlich spürte er die Stelle noch, an der Tiraitān ihm gestern den Schädel verbrutzelt hatte.
"Du schließt die Tür ab und jeder von uns bekommt einen Schlüssel", fasste er seinen Vorschlag zusammen, doch Yurenas schüttelte den Kopf.
"Schlüssel können verloren oder gestohlen werden. Ich will doch wohl nicht, dass mir jede dubiose Gestalt ins Haus kommt, wie es ihr passt."
"Du bist heute wirklich gut drauf", stellte Palk fest und war erfreut darüber, Yurenas lachen zu hören. Der wurde nun allerdings etwas ernster.
"Nicht besonders. Ich freue mich nur, dass du da bist und dass wir mal wieder gemeinsam scherzen. Aber alles andere..." Er drehte die Zeitung herum und schob sie zu Palk über den Tisch. Dieser hob eine Augenbraue und überflog den Text murmelnd.
"Toter bei Lakya-Rapīlo gefunden. Hmm...Verletzung scheint es sich um eine Schwertwunde zu handeln...ein Gast im nahegelegenen Dorf, war zuvor häufiger mit einem seltsamen Schwert gesehen worden...Brandwunden durch elektrische Impulse am Körper....-" Er hob ruckartig den Kopf. "Verdammt!"
"Es ist tragisch", bestätigte Yurenas mit einem bedächtigen Nicken. "In 200 Jahren hab ich von solchen Vorfällen höchstens fünf oder sechs mal gehört. Drei davon im vergangenen Jahr. Irgendetwas stimmt nicht in Meluhha." Er musterte Palk ratlos, als dieser die Augen verengte und sich die Finger der rechten Hand an die Schläfe drückte. "Was ist denn los?"
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Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]
FantasyDer gerade volljährig gewordene Meluhhaner Palk plant, seine Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken. Doch während er zu diesem Zweck einige Verbündete um sich schart, geschehen schreckliche Dinge und finstere Geheimnisse kommen allmählich ans...