Kapitel 16: Verschwörung

38 6 3
                                    

Der grau gekleidete Mann, der so typisch meluhhanisch aussah, dass man ihn unter Tausenden nicht erkannt hätte, ging in den kleinen Tunnel, den er in mühevoller Arbeit hatte errichten lassen. Sein kurzes, schwarzbraunes Haar und seine goldenen Augen, hatte er immer gehasst. Selbst wenn man gezielt nach ihm gesucht hätte, hätte man ihn vermutlich gar nicht gefunden, selbst wenn er sich vor ihn gestellt und ihn angeschrien hätte. Das war ein Gedanke, der ihm täglich durch den Kopf ging und nur deshalb war er so besessen davon, sich von der Masse abzuheben.

Um das zu erreichen, brauchte er eine Tat oder einen Gegenstand, den jeder wollte, aber niemand in die Finger bekam. Für eben diese zweite Option hatte sich Āmak entschieden und der Gegenstand, den er sich dafür ausgesucht hatte, war das Regenbogenschwert. Sein einziges Problem war, dass auch sein Partner hinter dieser unsagbar mächtigen Waffe her war. Am Ende des langen Tunnels, der fast vollständig im Dunkeln lag, war eine Wand aus Stein. Er hob seine rechte Hand davor und blickte konzentriert auf sein Hindernis. Nach wenigen Sekunden rumpelte es in dem Gang schwer und das Echo hallte noch nach, als er bereits durch den dünnen Spalt gegangen war und den Eingang wieder zugemacht hatte.

"Da bist du ja endlich!", war alles was er hörte, als er die geräumige Höhle betrat. Auch hier gab es praktisch kein Licht, mit Ausnahme des hinteren Teils, auf dem ein großer Stuhl stand, den man auch schlicht als Thron hätte bezeichnen können. Beleuchtet wurde dieser von zwei Fackeln, die links und rechts des Throns an der Wand hingen. 

"Du hast ja ziemlich lange gebraucht", stellte eine weitere Stimme fest, die nicht ganz so aggressiv, dafür spöttisch in den Ohren des Telepathen klang. 

"Ich hatte was Wichtiges zu tun", entschuldigte er sich und trat an den Thron, wo die Frau im magischen Kapuzenmantel saß, der den gesamten Kopf in Finsternis hüllt und nur die goldgrünen Augen im Licht der Fackeln funkeln ließ. 

"Was kannst du mir berichten? Nur Gutes, will ich hoffen", sagte die Frauenstimme, die aus der Kapuze drang und noch immer etwas Weiches hatte, obwohl man den strengen Unterton heraushörte. Āmak nickte hektisch und verbeugte sich.

"Zwei von ihnen sind verletzt und sie wurden lange genug aufgehalten, um die Operation fortzusetzen", berichtete er und ging einen Schritt rückwärts. Er konnte keine Gesichtszüge bei der mysteriösen Frau erkennen, wusste nicht einmal, wie sie aussah, doch er vermutete, dass sie mit ihm zufrieden war.

"Es ist wirklich ein Jammer, dass du es nicht mitgebracht hast", erwiderte die Frau auf dem Thron. "Du hättest mir ein Wenig zusätzliche Arbeit abgenommen."

"Nichts hätte ich lieber getan, Gebieterin", versicherte Āmak. "Aber meine Seele ist nicht rein genug. Ich kann das Schwert nicht anfassen, das ihr begehrt."

"Warum hast du den Vogel dann umgebracht?", meldete sich die rothaarige Gestalt, die beim Eingang in der Dunkelheit stand und die Arme vor der Brust verschränkt hielt. "Du hättest ihn auch einfach bitten können, es dir zu verkaufen", fügte er hinzu und Āmak wurde sauer.

"Ich hab getan, was ich tun musste", wehrte er sich. "Ich sollte den Kristall beschaffen und das hab ich getan. Du hingegen hattest keinen Grund, diesen Schwertkämpfer zu töten."

"Doch, er wollte das Ding ja nicht rausrücken." Tiraitān kam aus dem Schatten und stellte sich dicht vor Āmak, der ihn misstrauisch musterte.

"Und was ist mit diesem Palk? Warum wolltest du ihn töten? Du bist schnell genug, um alles zu klauen, was du haben willst, ohne die Person zu verletzen", argumentierte Āmak und linste zu der Frau auf dem Thron herüber. Er sah wie sie nickte.

"Das sehe ich genauso. Ich will nicht, dass Unschuldige umgebracht werden, also habt ihr beide Mist gebaut. Ich verbuche das als eingesehene Fehler und damit wenden wir uns wieder dem Plan zu", verordnete sie und die beiden Streithähne nickten stumm.

"Lady Atokēla, ich übernehme die folgende Aufgabe sehr gerne", bot Āmak an und verbeugte sich erneut. 

"Das ist ja sehr liebenswürdig von dir, Āmak. Vielleicht wäre das auch besser so, denn du fällst nicht allzu sehr auf", antwortete sie freundlich. "Aber wie schon gesagt, kannst du das heilige Schwert nicht berühren und ich kann auch keinen Manipulierten losschicken." 

"Warum eigentlich nicht?", wollte er wissen.

"Weil eine Berührung mit dem Schwert möglicherweise den Bann auflösen würde und per Telekinese kann man es auch nicht bewegen. Es unterbindet jeglichen Kontakt zwischen Itavāri oder Telepathen und ihren Kräften", erklärte sie ihm und er verstand. Kurz sahen sich Tiraitān und er an. Keiner von beiden konnte nachvollziehen, warum eine scheinbar so freundliche Frau, ein Interesse daran hatte, Meluhha ins Chaos zu stürzen, indem sie die Menschen zu Verbrechern machte.

"Wie läuft deine Suche mit den Kristallen?", wandte sich Āmak nun an Tiraitān und die beiden waren wie ausgewechselt. Sie sprachen plötzlich wie echte Freunde miteinander. 

"Ich hab einen Hinweis gekriegt und mach mich gleich auf den Weg nach Mu. Dort soll der Smaragd angeblich aufbewahrt werden", antwortete Tiraitān und ging in eine andere Ecke der Höhle, wo ein winziges Loch in der Decke war. Er schloss die Augen, nickte den anderen beiden zum Abschied zu und schoss als hauchdünner Blitz in den Abendhimmel.

"Du solltest dich nun ebenfalls auf den Weg machen, Āmak", sagte die verschleierte Frau gutmütig aber streng. "Eine bessere Gelegenheit, um dir den zweiten Stein zu holen, wirst du sicher nicht bekommen."

"Seid ihr ganz sicher, dass der alte Mann ihn hat? Was für einen Nutzen hätte der Kristall für ihn?", fragte Āmak verwundert.

"Vertrau mit, Āmak, er hat ihn!", versicherte sie ihm.

"Dann fehlen uns nur noch zwei Stück, richtig?"

"Ganz recht und wenn mich nicht alles täuscht, finden wir auch die in Lyiapatazia", bestätigte Lady Atokēla. 

"Unglaublich, dann hat dieser Okanur, der mich damals nach dem Zauberspruch für das Regenbogenschwert gefragt hat, auch noch zufällig den letzten der heiligen Kristalle gefunden, den sich die Meluhhaner noch nicht gegriffen haben", murmelte Āmak. Dann machte er eine letzte Verbeugung und als er die Höhle verlassen wollte, mahnte Lady Atokēla noch:

"Und denk daran! Es werden keine Unschuldigen verletzt oder getötet, wenn es nicht notwendig ist!"

"Ich werde mein Bestes tun, Gebieterin!", versprach Āmak und ließ den Stein zur Seite rollen. Als das Grollen endete, stand Lady Atokēla von ihrem Thron auf und nahm die Kapuze ihres tiefschwarzen Umhangs ab. 

Ein faltiges Gesicht kam zum Vorschein und die Augen färbten sich in ihr natürliches grünblau zurück. Sie strich ihr weißes Haar zurück, das fast bis zu ihrer Taille reichte und legte sich entspannt die flache Hand auf die Stirn. Behutsam strich sie darüber hinweg und als sie die Hand wieder sinken ließ, öffnete sich langsam, als würde es aus einem ewig langen Schlaf erwachen, ein drittes Augen auf ihrer Stirn. Sie lächelte, als sie das befreiende Gefühl bekam, plötzlich doppelt so mächtig zu sein wie vorher. Sie verharrte in der Position, bis ihr das Stehen zu anstrengend wurde. Dann schloss sie das dritte Auge wieder, setzte die Kapuze auf und schob den schweren Stein auf die selbe Weise aus dem Weg, wie Āmak es getan hatte. Bei ihr dauerte es zwar um Einiges länger, doch es gelang ihr.

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt