Die Zeit verging wie im Flug, bis sie Lakya-Rapīlo schließlich erreichten. Okanur las seinem Freund laut die Inschrift des vor ihnen in den Boden geschlagenen Holzschildes vor und ging dann in die Knie. Lakran stieg ab, die Beine pochten ob der plötzlichen neuen Zumutung, trugen ihn allerdings zuverlässig. Lakya-Rapīlo war allem Anschein nach ein recht großes Dorf und grenzte, wie Lyiapatazia auch, direkt ans Meer an. Dadurch war es für die Bewohner sehr viel einfacher, an frisches Trinkwasser zu kommen, Fische zu fangen und ihre kleinen Felder zu bewässern.
Als sich die ersten windschiefen Holzhäuser nahe des Ortseingangs vor ihnen erhoben, staunte Lakran nicht schlecht. Er erblickte Menschen in schmutziger Kleidung, die Fässer und Baumaterialien hin und her trugen. Andere führten mehrere Mutalanay, an Leinen aus einfachen Seilen bei sich, welche auf ihrem Weg zwischen den Häusern hindurch sämtliches Unkraut und unerwünschte Pflanzenarten verschlangen. Wieder andere hatten die Arme auf ihre Fensterläden gestützt und unterhielten sich mit Freunden und Nachbarn, oder reichten Leuten nützliche Dinge, mit denen sie selbst gerade nichts anfangen konnten. Ein solches Maß an Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft hatte der eher verwöhnte Lakran selbst in seiner friedlichen Stadt noch nicht gesehen.
Er lächelte und nickte höflich, sobald seine Blicke einen der Dorfbewohner trafen. Ihm fiel jedoch auf, dass der überwiegende Teil von ihnen eher skeptisch dreischaute und Mütter ihren Kindern leise zu verstehen gaben, den Fremden nicht zu nahe zu kommen.
"Fühlt sich nicht so an, als seien wir hier besonders willkommen", bemerkte Lakran und allmählich war ihm sein jugendlicher Kleidungsstil doch unangenehm. Heute hatte er sich für eine schlichte braune Hose und einen grünen Pullover ohne Kapuze entschieden. Okanur schaute ebenfalls an sich herunter und beneidete seinen Begleiter. Dessen herbstlich dunkler Stil passte immer noch besser hierher, als das farbenfrohe Zeug, das er selbst trug. Ein Mann mittleren Alters trat auf die beiden Gäste zu, die Stirn in Falten gelegt.
"Warum trägst'n du Sandalen?", setzte er an und schaute Okanur erst auf die Füße, dann in die Augen. "Von hier seid ihr schon mal nicht und für Schlechtwetter ausgerüstet genau so wenig. Sag mal..." Er trat noch einen Schritt näher, sodass er nur noch etwa einen Meter von Lakrans Gesicht entfernt war und kniff die Augen zusammen, während er leicht den Kopf neigte. "Irgendwoher kenn ich dich doch, oder?"
"Reifeprüfung", half Lakran ihm auf die Sprünge und unterdrückte ein Augenrollen.
"Das ist es!", sagte der Mann laut und immer mehr Bewohner drehten sich zu ihnen um. Einige unterbrachen sogar ihre Arbeit, um die Unterhaltung zumindest beobachten zu können, selbst wenn sie zu weit weg waren um etwas zu hören. Okanur sah, dass der Mann zu einem Kommentar ausholte, der Lakrans Ego zweifellos noch weiter geschmälert hätte. Etwas lauter als notwendig, meinte er schnell:
"Entschuldigen Sie, wir haben nicht vor, jemanden zu belästigen. Wir sind auf der Suche nach jemandem und vielleicht können Sie uns ja weiterhelfen."
"Worum geht's denn, Junge in den komischen Schuhen?", erwiderte der Bewohner und gluckste über seinen eigenen Spruch. Bevor Okanur etwas dazu sagen konnte, fragte der Mann weiter. "Wozu sind eigentlich diese ganzen Taschen da an deiner Hose? Ist da überall was drin? Bist du jemand Wichtiges aus der Hauptstadt?"
"So halb", entgegnete Okanur grinsend. "Ich bin zumindest aus der Hauptstadt."
"Du gefällst mir. Wen sucht ihr also?"
"Einen großen Mann. Er soll ziemlich auffällig sein. Glatze, Narbe am Kopf, vielleicht hat er ein Schwert bei sich", erklärte Lakran, der so bald wie möglich wieder verschwinden wollte. Nicht dass es ihm hier nicht gefallen würde, aber das misstrauische Verhalten der Umstehenden machte ihn nervös. Nun blickte sich der Mann kurz um und führte die beiden Besucher dann langsam zurück zu den ersten Häusern des Dorfes. Im Gehen sprach er leise aber hektisch.
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Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]
FantasíaDer gerade volljährig gewordene Meluhhaner Palk plant, seine Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken. Doch während er zu diesem Zweck einige Verbündete um sich schart, geschehen schreckliche Dinge und finstere Geheimnisse kommen allmählich ans...