Kapitel 11: Gnadenfrist II

47 6 1
                                    

Etwa eine halbe Stunde nach dem gesprochenen Urteil, waren die letzten Details geklärt worden und Palk hatte seine erste Mission im Dienste des Ältestenrates persönlich erhalten. Zwar handelte es sich dabei lediglich um das in Auftrag Geben der Gesucht-Steckbriefe bei der Zeitung, aber es fühlte sich für ihn dennoch wie eine wichtige Aufgabe an. Nachdem auch dies erledigt war, wollte Palk erst einmal auf dem Marktplatz vorbeischauen. Wie erhofft, traf er dort schnell auf Okanur, der sich gerade mit jemandem unterhielt, der ebenfalls ein Händler zu sein schien. Dessen Stand machte nicht den Eindruck, als läge der Besitzer viel Wert auf Ordnung und er war etwas kleiner als der von Okanur. Allerdings schien das Angebot ganz ähnlich zu sein und so war es nicht unüblich, dass Verkäufer untereinander handelten. Palk trat zu ihnen und als Okanur innehielt und über das eben erhaltene Angebot nachdachte, legte ihm sein Freund eine Hand auf die Schulter. Beide grinsten, als er sich umdrehte.

"Na, wie war die Reise?", fragte Palk, direkt wie immer.

"Willst du mich gar nicht umarmen und mir sagen, wie toll es ist, dass ich noch lebe?", fragte er und Palk begann zu lachen.

"Wieso sollte ich? War es so gefährlich?"

"Naja, es wurde gekämpft und ich musste klettern."

"Du hast gekämpft?" Palk legte den Kopf schräg.

"Nicht persönlich", gestand Okanur und zuckte die Schultern. "Aber ich war auch da, als Lakran sich mit zwei komischen Typen geprügelt hat. Es ist schon viel Merkwürdiges passiert. Aber sag mal, warum siehst du heute so..." er schaute Palk eindringlich an und musterte ihn von oben bis unten. "ramponiert aus?"

"Was ist denn nun? Willst du es haben oder nicht?", mischte sich der andere Händler hinter ihm ein, der ungeduldig darauf wartete, dass Okanur ihn wieder beachtete.

"Ach ja, der Holostein. Auf jeden Fall, aber ich hab nicht mehr allzu viel Geld da", meinte dieser rasch und kramte in seinen Hosentaschen nach Geld.

"Du wirst doch für so einen großartigen Gegenstand noch 200 Majjai zusammenkratzen können", erwiderte der Händler und Okanur zählte die Münzen in seiner Hand, während sich der Mann mit anderen Kunden beschäftigte, die gerade dazukamen. Als sie wieder allein waren, hielt ihm Okanur einige Silbermünzen und eine Goldmünze hin.

"Tut mir leid, ich hab gerade nur 180 Majjai da. Geht das auch in Ordnung?", fragte er und setzte sein freundlichstes Lächeln auf.

"Weil ich heute gut drauf bin",  meinte der andere, rollte kurz mit den Augen und griff sich das Geld. Er schob Okanur das kleine Säckchen mit dem Holostein rüber und dieser nahm es mit einem dankbaren Nicken an sich. Dann machten er und Palk sich langsam davon. Als sie sich ein Stück entfernt hatten, hob Palk eine Augenbraue und warf seinem Freund einen wissenden Blick zu.

"Das war aber wirklich ein skrupelloser Trick von dir." Okanur pfiff und gab sich ganz unschuldig.

"Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst."

"Du hattest über 300 Majjai in der Tasche, ich hab dich beim Zählen beobachtet." Seine Überraschung über Palks Wachsamkeit akzeptierend, nahm Okanur diese kleine Niederlage recht gelassen hin.

"Ja, aber...die anderen Geldstücke sind mir ans Herz gewachsen, ich hatte also nur 180, die ich entbehren konnte", verteidigte er sich und sie lachten. "Hast du eigentlich eine Ahnung, warum alle coolen Gegenstände immer Steine sind?", wollte Okanur wissen.

"Nein", erwiderte Palk. "Aber eins ist klar. Irgendwann wird es mal soweit sein, dass wir in einer Herberge schlafen müssen und wenn man dann unser Gepäckzeug nach oben schleppt und fragt, ob wir denn nur Steine da drin hätten, werden wir die Ersten sein, die mit 'ja' darauf antworten."

Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt