„Lady Atokēla, sind Sie ganz sicher, dass Sie ihnen alles erzählen wollen?" Āmak konnte nicht verstehen, was seine Herrin sich dabei dachte, all ihre mühsam im Dunkeln geschmiedeten Pläne, sorglos an irgendwelche Menschen weiterzuerzählen, die vermutlich sowieso versuchen würden, sie an ihrem Vorhaben zu hindern.
„Āmak, diese Leute sind nicht unsere Feinde." erklärte die Frau. „Sie sollten sogar unsere Verbündeten sein. Wenn sie erst einmal wissen, worum es uns geht, werden sie es sich sicher überlegen." Āmak verzog das Gesicht.
„Worum es uns geht? Ihre Ziele haben Sie bis heute für sich behalten!"
„Und nun ist der richtige Zeitpunkt, das zu ändern." Lady Atokēla wandte sich wieder Palk und Lakran zu, die ungeduldig zu ihr herüberschauten.
„Darf ich zuerst?" fragte Lakran vorsichtig, womit er scheinbar eher Palk als die seltsame Frau gemeint hatte. Palk drehte ihm halb den Kopf zu und nickte leicht, was Lady Atokēla sofort bestätigte. Lakran kam nun ebenfalls nach vor, sodass er neben seinem Freund stand und räusperte sich nervös. „Haben Sie das Schwert? Ich meine das heilige Schwert."
„Ja." erwiderte sie sofort. „Es gehört mir, denn ich bin seine rechtmäßige Besitzerin."
„Was lässt Sie daran glauben? Sie haben das Schwert von einem guten Freund gestohlen, den dieser Trottel da" er zeigte wütend auf Āmak „extra deswegen umgebracht hat." wollte Palk wissen, der nicht ganz so ruhig war wie Lakran.
„Wie ich schon sagte, bin ich nicht mit den Mitteln einverstanden gewesen, die er genutzt hat, aber es ist dummerweise nicht mehr rückgängig zu machen. Die Welt wird es uns eines Tages danken und wenn dieser bedauernswerte Junge gewusst hätte, welchem Zweck er damit gedient hat, hätte er es vermutlich sogar so gewollt." Palk schluckte seinen Zorn runter und wiederholte den ersten Teil seiner Frage.
„Aber was lässt Sie nun glauben, Sie seien diejenige, der das heilige Schwert zusteht?"
„Ich werde es zu dem Zweck nutzen, das absolut Böse, ein für alle Mal zu vernichten." antwortete sie. „Schreckliche geschichtliche Ereignisse, die tausende, oder gar hunderttausende Menschenleben gekostet haben, dürfen sich niemals wiederholen." Ihre Stimme hat etwas an Intensität gewonnen und klang in Palks Ohren glatt so, als kämpfe sie gegen aufsteigenden Ärger.
„Von welchen Ereignissen sprechen Sie?" fragte er ernst. Lady Atokēla seufzte laut. Sie schloss ihre Augen, die als einziges Zeichen fungierten, dass man überhaupt mit einem menschlichen Wesen sprach, solange sie sich so verhüllte. Dann begann sie.
„Alles, was ich euch nun erzähle, ist seit nunmehr zwei Jahrzehnten ein streng und bestens gehütetes Geheimnis des Landes. Der Ältestenrat hat damals das Siegel des Schweigens über die Angelegenheit gelegt und deshalb spricht auch niemand über die Sache."
„Siegel des Schweigens?" Palk hob eine Augenbraue. „Ist das ne neue Redewendung?"
„Nein." Lady Atokēla schüttelte leicht den Kopf. „Das Siegel ist eine uralte Kunst, die die utopischen Ureinwohner und das Volk der Bermuthaner gemeinsam entwickelt haben. Ich nehme an, dass ihr gar nichts über Utopia wisst."
„Yurenas hat mich aufgeklärt. Wenn ich mich richtig erinnere, war dieses Land früher Utopia und als die Bermuthaner gekommen sind, um hier als Auserwählte zu leben, haben sie sich so stark mit den Utopiern vermischt, dass sich daraus irgendwann ein ganz neues Volk gebildet hat." antwortete Palk und er glaubte, für einen Augenblick, Entsetzen oder Überraschung in den Augen der dunklen Gestalt zu sehen.
„Das macht es natürlich einfacher. Sturer, alter Bock." fügte sie leise hinzu und Palk schmunzelte. „Jedenfalls bekommt man das Siegel des Schweigens erst dann beigebracht, wenn man ein vollwertiges Mitglied des Ältestenrates geworden ist. Sobald es aktiv ist, ist es niemandem in einem bestimmten Umkreis mehr möglich, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Doch es gibt auch noch eine zweite Stufe, die noch viel größere Auswirkungen hat. Wenn dieses Doppelsiegel gesprochen wird, kann sich an das besagte Thema auch niemand mehr erinnern."
„Soll das heißen, man hat dem Volk einfach die Erinnerungen genommen, damit nicht mehr... Irgendwie sehe ich überhaupt keinen Sinn darin, sowas Wichtiges zu verschweigen." Palk legte die Stirn in Falten und biss die Zähne etwas aufeinander.
„So richtig klar, ist mir das auch nicht." gab die Frau zu. „Aber ich schätze, sie wollten nicht, dass die Menschen in Angst und Schrecken leben. Zudem ist es für Meluhha sehr wichtig, dass auch weiterhin Menschen von Außerhalb herkommen, um sich mit uns zu vermischen. Es ist zwar so, dass ein geborener Meluhhaner über 200 Jahre alt werden kann, allerdings haben sie das erbliche Problem der alten Utopier übernommen, nur sehr wenig Kinder zeugen zu können. Das Volk würde aussterben, wenn es sich nicht stetig erweitert und junge Menschen dazukommen."
„Hab gar nicht gewusst, dass es eigentlich so schlecht um uns steht." meinte Lakran leise. Lady Atokēla sah ihn direkt an.
„Ist dir denn noch niemals aufgefallen, dass fast alle Kinder, die hier in Meluhha aufgewachsen sind, Einzelkinder sind? Es gibt kaum Einheimische, deren Eltern noch mehr als nur ein Kind zeugen können. Niemand weiß, warum das so ist, aber irgendwie scheint es so zu sein, dass schon bei der ersten Vermischung der Völker, das schlechte Erbgut an die Kinder abgegeben wurde und selbst heute noch wird." erklärte sie ihm und langsam ging Palk das Thema auf die Nerven.
„Von mir aus." sagte er ungeduldig. „Aber ich würde jetzt wirklich gern mal erfahren, worum es bei dem verdammten Geheimnis überhaupt geht. Ist es das, was meine Eltern getötet hat? Und die Eltern von Lakran und all den anderen?"
„Ja, allerdings." wieder seufzte Lady Atokēla laut. Seid ihr euch ganz sicher, dass ihr..-"
„Sind wir!" meldete sich Lakran entschlossen.
„Es wird kein Zurück geben, sobald ihr die Wahrheit kennt. Ich kann nicht sagen, welche Auswirkungen es..-"
„Bitte! Fangen Sie an!" drang es Palk und Lakran fast gleichzeitig aus den Mündern.
„Etwas mehr Respekt, wenn ich bitten darf!" fuhr Āmak die beiden an und Lady Atokēla wandte ihm den Kopf zu.
„Es ist schon gut. Die beiden sind neugierig und verständlicherweise wollen sie erfahren, weshalb sie ohne ihre Eltern aufwachsen mussten."
„Aber in diesem Ton können sie nicht mit Ihnen..-"
„Sei jetzt still!" befahl Lady Atokēla und in ihrer Wut, öffnete sich urplötzlich das Auge auf ihrer Stirn, das Palk und Lakran bisher überhaupt nicht hatten sehen können.
„Eine Bermuthanerin." raunte Palk fassungslos.

DU LIEST GERADE
Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]
FantasyDer gerade volljährig gewordene Meluhhaner Palk plant, seine Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken. Doch während er zu diesem Zweck einige Verbündete um sich schart, geschehen schreckliche Dinge und finstere Geheimnisse kommen allmählich ans...