Die Tür öffnete sich und Yurenas rannte aus dem Haus. Drinnen waren seine Chancen zu schlecht, da er nicht genug Freiraum hatte, um anständig zu kämpfen. Sein Gegner machte jedoch keine Anstalten, ihm zu folgen. Yurenas ging um das Haus herum und schlich sich zum Küchenfenster. Dort war offenbar keiner mehr. Bei seinem zweiten Blick, stellte er fest, dass auch die Schatulle fehlte. Ob Āmak den Stein schon gefunden hatte? Nein, vollkommen unmöglich! Erst heute Morgen hatte Yurenas ihn wieder an sich genommen und ihn unter seiner weiten Robe versteckt. Alle zwei Tage machte er das, bevor er ihn wieder woanders versteckte. Das war seine Strategie, damit nie jemand dahinter kam, wo er ihn versteckte.
Rückwärts ging er einige Schritte von seinem Haus weg und behielt das Fenster dabei genau im Blick. Leider nicht die Haustür, durch die urplötzlich ein weiterer seiner hübschen Stühle geflogen kam und ihn nur knapp verfehlte. Ein hämisch grinsender Āmak kam auf ihn zu und Yurenas festigte seine Position, indem er eine Angriffshaltung einnahm.
"Du kannst also auch die Telekinese, alter Mann", stellte Āmak beim Näherkommen fest. "Ich muss ehrlich sagen, dass ich das nicht erwartet habe. Aber man hätte mich auch mal warnen können."
"Wer hat dich geschickt? Für wen arbeitest du? Was hat dieser Jemand für ein Interesse an den Lichtsteinen?"
"Ruhig, ruhig. Immer schön langsam, Alter, sonst kriegst du noch 'nen Herzanfall", lachte Āmak und stellte sich vor ihn. "Machen wir einen Deal", schlug er vor. "Gib mir den Lichtstein freiwillig und ich werde hier nichts weiter anstellen. Das ist nämlich gar nicht meine Absicht."
"Das Letzte was du von mir bekommst, ist der Lichtstein. Du bist unrein und darfst ihn nicht in Händen halten", zischte Yurenas wütend.
"Unrein?!" Das hörte Āmak nicht so gerne, doch er konnte sich noch zusammenreißen. "Das ist deine letzte Chance, Yurenas. Rück auf der Stelle den Stein raus, oder ich beende deine Karriere als Ältester hier und jetzt!"
"Da wäre ich ja echt gern dabei!", rief eine Stimme, die Āmak auf irgendeine seltsame Weise vertraut vorkam. Als er sich umdrehte, schoss ihm ein Stoß Flammen entgegen, dem er gerade noch ausweichen konnte, als schon der Nächste folgte.
"Du?!", rief er ungläubig, als er Palk auf sich zurennen sah. "Wie kommst du denn hier her?!" Palk antwortete nicht, sondern ließ seine Hand vorschnellen und schickte Āmak die dritte Ladung Feuer. Der wich aus und sah sich nach einem Stein oder etwas Ähnlichem um, das er nach Palk fliegen lassen konnte.
"Sagen wir einfach, ich hatte so ne Ahnung", erwiderte Palk nun und zog das Schwert. Āmak lächelte wieder und seine Zuversicht steigerte sich.
"Schwerer Fehler!", bevor Palk damit zuschlagen konnte, riss Āmak seinen Arm hoch und ließ das Schwert fliegen, an dem Palk dummerweise ziemlich hing. Āmak lachte, als er Palk fliegen sah, der das Schwert immerhin nur hätte loslassen müssen.
"Was gibt's da zu lachen?" Yurenas meldete sich von der Seite und stemmte ihm seine Faust in die Seite. Āmak wurde zur Seite geschleudert, wirbelte herum und konnte unverletzt landen. Genau wie Palk , der das Schwert wieder wegsteckte, von dem er nicht wusste, das Āmak es haben wollte und dieser ergriff seine Chance. Er bewegte den Zeigefinger mehrmals so, das das Schwert aus seiner Halterung gerissen wurde und geradewegs auf ihn zuflog.
"Scheiße!", zischte Palk als sein Gegner das Schwert auffing und mit der Spitze auf Yurenas Brust zielte.
"Jeder unterschätzt hier jeden", stellte der alte Mann fest und streckte mit einem Ruck die Brust raus. Eine Druckwelle traf das Schwert, welches zur Seite gerissen wurde und Palk die Zeit verschaffte, Yurenas mit einem Windstoß aus dem Weg zu schleudern.
"Tut mir leid!", rief er und schluckte seine Verwirrung wegen der Technik seines Lehrers herunter, von der er bis heute nichts gewusst hatte. Dann vollführte er ein paar wilde Drehbewegungen mit den Armen und wackelte mit den Fingern. Es entstand ein kleiner Tornado, der mit jeder weiteren Drehung ein wenig wuchs. Er schickte ihn seinem Gegner entgegen und beobachtete, wie der zurückwich.
Als Āmak merkte, dass es nicht weiterging, drehte er sich um und riss die Augen auf. Yurenas hatte sich wieder aufgerichtet und drückte kraftvoll gegen die Luft zwischen ihnen. Āmak wurde davongeschleudert und fand sich plötzlich in dem tobenden Tornado wieder, den Palk nun wieder wachsen ließ. Bald konnte er das Schwert nicht länger halten und als er es losließ, löste Palk den Tornado auf und nutzte seine Rechte Hand um dem Schwert einen Windstoß entgegen zu schicken, der es in der Luft drehen ließ. Als Āmak schmerzerfüllt und mit starker Übelkeit aufstehen wollte, drehte sich alles um ihn herum. Er sah, wie das Schwert eine letzte Drehung vollführte und dann mit der Spitze im Boden neben Palk stecken blieb, der es an sich nahm und es unsichtbar werden ließ.
Āmak hatte absolut keine Chance mehr, sich zu wehren. Alles drehte sich und die Kopfschmerzen quälten ihn. Palk blieb vor ihm stehen und hielt ihm die unsichtbare Klinge an den Hals.
"Ich darf einfach mal annehmen, dass du der Telepath bist, der uns ausspioniert hat?" Als Antwort bekam er ein lautes Würgen zu hören. Er seufzte nur und fragte unbehelligt weiter. "Warst du es, der die Leute hypnotisiert hat, damit sie genau so ein Abschaum werden, wie du es bist?" Der Einzige, der etwas dazu sagen wollte, was Yurenas.
"Sie sind hinter den Lichtsteinen her."
"Lichtsteine?" Palk zog eine Augenbraue hoch.
"Das sind diese Kristalle, wie Okanur einen gefunden hat", erklärte Yurenas ihm. Bei dem Gedanken an Okanurs unnötigen Tod, stieg in Palk wieder der Hass hoch.
"Verstehe. Dann bist du es gewesen, der ihn getötet hat." Seine hellroten Augen verloren jeden Glanz. "Raus mit der Sprache, was wollt ihr damit?!" brummte er und selbst Yurenas bekam eine Gänsehaut.
"Man hat...man hat mir aufgetragen...ich sollte niemanden töten. Das war nie meine Ansicht." Palk hörte ihn nur noch ächzen und hecheln, wenn er gerade nicht würgte. Aus irgendeinem Grund, machte ihn das noch wütender.
"Wenn du weiterleben willst, sagst du mir jetzt, für wen du arbeitest, was ihr vorhabt und wo ich das restliche Zeug finde, das ihr geklaut habt. Tiraitān ist doch bei dir oder nicht?"
"Tiraitān hat seine..seine ganz eigenen Pläne. Ich weiß davon nichts und unser Boss zeigt sich uns nicht. Sie will nur..-"
"Sie?!", unterbrach Palk ihn. "Es ist also eine Frau."
"Es könnte genau so gut ein Telepath sein, der sich so tarnt", widersprach Āmak und langsam ging es ihm etwas besser.
"Gibt es Telepathen, die sowas können?", wundert sich Palk. Dann wurde sein Gesicht wieder finsterer und er hob das Schwert. Er wollte gerade eiskalt zustechen, als er einen Blitz zucken sah. Er hielt kurz inne und als er geblinzelt hatte, stand Tiraitān vor ihm. Er hatte Āmak gepackt und warf ihn sich gerade über die Schulter.
"Warst du auch so erfolgreich wie ich?", fragte Āmak und in seiner Stimme war keine Spur von Ironie.
Unwillkürlich tastete Yurenas seine Robe nach dem Kristall ab und wollte dem irritierten Palk etwas zurufen, als die beiden Feinde grinsten und der Blitz wieder davon schoss. Palk war sauer, doch er schluckte sein Wut herunter und ging erleichtert auf Yurenas zu, der sich gerade mit rasendem Herzen, den Dreck von der Robe klopfte.
"Alles in Ordnung, Yurenas?"
"Absolut nicht!", rief Yurenas verärgert. "Diese widerlichen Verbrecher haben mir den Stein geklaut. Weiß der Himmel, wie sie das angestellt haben!"
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Palk - Finde dein Schicksal [Überarbeitung seit 08.2023]
FantasíaDer gerade volljährig gewordene Meluhhaner Palk plant, seine Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken. Doch während er zu diesem Zweck einige Verbündete um sich schart, geschehen schreckliche Dinge und finstere Geheimnisse kommen allmählich ans...