Ich hielt ihren Bewusstlosen Körper in meinen Armen und fühlte zum ersten Mal einen Bruchteil dessen was mein Bruder gefühlt haben musste. Diese Hilflosigkeit und die Angst die einem den Verstand rauben würde sollte man auch nur die Geringste Schwäche zeigen.
Es war als stünde man allein in einer Welt aus zusammenfallenden Strukturen, mein Verstand kam kaum hinterher zu berechnen was das beste Vorgehen wäre, auch weil alles an was ich denken konnte die Möglichkeit war das ich in einem Schlag meine gesamte Familie verlieren könnte.
Diese Überdosis würde, sollte sie fatale Folgen haben, alle Menschen die ich je zu schützen gesucht hatte zerstören. Wie hatte es soweit kommen können?
Ich zwang mich los von diesen Überlegungen, dafür war nun nicht der richtige Moment. Mit unruhigen Fingern suchte ich nach Beccas Puls, eine spürbare Erleichterung durchfuhr meinem Körper als ich ihn fand, er war ruhig aber nicht besorgniserregend. Kurz sackte meine Stirn gegen den Kopf der jungen Frau in meinen Armen als ich überlegte was zu tun war.
Sherlock lag in einem Krankenhaus in London, ich sollte bei ihm sein aber gleichzeitig wollte ich auch Becca nicht allein lassen. Sie war meine einzige Freundin, ihre Situation war furchtbar und ihre nächsten Schritte waren unberechenbar wenn sie allein gelassen würde. Dennoch schrie ein übermächtiger Teil von mir danach nach London zu eilen. Es musste demnach sein, darüber hinaus würde mein Fernbleiben vom Krankenbett meines Bruders auffallen.
Vorsichtig veränderte ich meinen Griff um Rebeccas zierlichen Körper und hob sie an. Trotz ihrer Gewichtszunahme durch die Schwangerschaft und ihre verbesserte Diät wog sie besorgniserregend wenig, zumindest kam es mir in diesem Moment so vor. „Alles wird gut" versprach ich zuversichtlicher als ich mich tatsächlich fühlte als ich sie nach oben trug um sie in ihr Bett zu legen.
Ich nahm mein Telefon aus meiner Anzugstasche, es gab nur noch eine Person der ich vertraute zu tun was getan werden musste, jemand musste bei ihr bleiben, einen Arzt anrufen, sie untersuchen lassen und danach wache halten bis sie aufwachte.
„Anthea" grüßte ich meine persönliche Assistentin, sie wusste bereits von Sherlock und war nicht überrascht als ich sie nach Paar befehligte.
*
So schnell wie es sicher war fuhr ich zurück nach London, legale Geschwindigkeitsbegrenzungen hatte ich lange schon hinter mir gelassen. Mein kleiner Bruder brauchte mich, nicht das ich viel für ihn tun konnte aber ich wollte bei ihm sein. Er lebte, er musste einfach leben, sonst war ich mir in allem immer so sicher aber nun wusste ich nicht ob die Ärzte mich anrufen würden wenn er sterben sollte.
Vielleicht würden sie warten bis ich persönlich im Krankenhaus erschien um mir diesen Umstand beizubringen. Allein die Vorstellung dessen schnürte mir die Luft zum Atmen ab. Eine Welt ohne Sherlock wäre zu leise, grau und trostlos als das es sich lohnen würde weiter zu machen.
Seit meine Mutter dieses damals noch kleine Bündel mit nach Hause gebracht hatte war er das Zentrum meines Universums gewesen. Als er das erste Mal nach meinen Fingern gegriffen hatte schwor ich das ich ihn auf ewig beschützen würde, das ich alles nötige tun würde um ihm beizustehen.
Doch bereits vor langer Zeit hatte ich einsehen müssen das all meine Bemühungen nur das Gegenteil zur Folge gehabt hatten. Ich hatte nichts tun können als die anderen Kinder sich über seine ungewöhnliche Art und seinen Wissensdurst lustig gemacht hatten, ich hatte nur seine Wunden verbinden und ihn halten können.
Auch meinen Fortgang an die Uni hatte ich nicht aufhalten können, wissend das meine Eltern erwarteten das etwas großes aus mir wurde, hatten sie doch immerhin meinen kleinen Bruder schon aufgegeben. Anders als ich, der Tag an dem ich aufhörte daran zu glauben das aus Sherlock ein bemerkenswerter und guter Mann werden würde war der Tag an dem ich starb.
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Wie ein Sprung in die Themse dein Leben verändern kann
FanficRebecca hatte mit ihrem Leben abgeschlossen, sie konnte nicht mehr. Verlust, Gewalt und Selbsthass waren zu viel für sie geworden, doch in den Augenblicken die ihre letzten sein sollten wurde sie gerettet, wortwörtlich.