#68 Hoher Besuch

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Dylan

Wie ein Vollidiot wartete ich an der Rezeption, der psychiatrischen Einrichtung. Die ältere Dame schaute mich erneut fragend an, als ich Alex Namen zum fünften Mal nannte. Genervt reichte sie mir Blatt und Papier, damit ich den Namen aufschreiben konnte.

„Es wird gleich jemand kommen, der Sie zum Besucherraum führt", informiert sie mich.

Seufzend ließ ich mich auf einen Stuhl nieder, um zu warten. Die Minuten vergingen, wodurch ich nach meinem Handy griff. Bevor ich überhaupt Austin eine Nachricht schreiben konnte, kam ein Pfleger auf mich zu.

Nach seiner Aufforderung folgte ich ihm. Die Gänge waren so gut wie leer. Vereinzelt sah man Pfleger, aber mehr nicht. Gemeinsam betraten wir den Besucherraum, der eher eines Gefängnis Aufenthaltsraum glich.

„Ich bekomme ja wirklich sehr hohen Besuch", grinste Alex. „Benimm dich", zischte der Pfleger ihn an.

Unsicher setzte ich mich gegenüber von Alex an den Tisch. Ein echtes Lächeln, was ich so lange nicht mehr gesehen hatte, zierte sein Gesicht. Er schien glücklicher.

„Wie ich merke, kannst du dir deine Sprüche noch immer nicht sparen", fiel mir auf. „Du kennst mich doch", grinste er. „Manchmal bereue ich es", gab ich ehrlich zu.

Skeptisch und überrascht zugleich hob Alex seine Augenbrauen an. Das Lächeln war verschwunden, denn es verwandelte sich in ein Lachen.

„Du bist bestimmt nicht hier, um mir das zu sagen", spekulierte Alex. „Ganz ehrlich? Ich habe keine wirkliche Ahnung, warum ich hier bin", gab ich zu. „Ist mir auch eigentlich vollkommen egal, warum du hier bist. Ich finde es schön, denn so kann ich mich nochmal persönlich entschuldigen", zwischenzeitlich kratzte er sich verlegen am Hinterkopf.

Manchmal schaffte es dieser Junge noch mich zum schmunzeln zu bringen. Man merkte, wie nervös er war, aber versuchte es, wie immer, zu überspielen. Nervös zu sein machte ihn unsicher, was schon oft genug nicht gut geendet war. Er konnte dieses Gefühl nicht ausstehen.

Immer wenn Alex nervös war, kratzte er sich am Hinterkopf. Spielte mit dem Saum seines Oberteiles. Rieb sich über die Arme. Versuchte Augenkontakt zu vermeiden.

„Ich hoffe, dass Austin dich glücklich macht. Leider habe ich es nicht geschafft. Ich habe viel falsch gemacht, aber das wissen wir beide ja. Vielleicht glaubst du es mir nicht, aber ich habe dich immer über alles geliebt", redete Alex wirr durcheinander.

Ich konnte nur Lächeln, denn es war wahrscheinlich das schönste, was ich je von ihm gehört hatte. Tief in mir wusste ich, dass Alex seine Worte so meinte, wie er sie sagte. Zusätzlich hatte ich nie angezweifelt, dass er mich nicht lieben würde. Er hatte es nur auf die Falsche Art und Weise gezeigt.

„Alex, ich glaube es dir. Vieles hat weh getan, nicht nur physisch. Ich kann dir das auch nicht einfach so verzeihen", meinte ich, wodurch er nickte. „Ich hoffe für dich natürlich, dass dir das hier etwas bringt. Du wirklich los lassen kannst. Es tut weh, aber du hast es verdient", griff ich vorsichtig nach seinen Händen.

Ich sah, dass Alex eine Träne über die Wange lief, wodurch ich diese wegwischte. Leider blieb es nicht nur bei einer.

„Ich habe dich so verletzt", schniefte Alex. „Alle Wunden heilen irgendwann. Jede auf eine andere Art und Weise. Sogar dieses Gespräch trägt dazu bei", meinte ich mit einem schwachem Lächeln. „Du warst schon immer so stark. Du siehst alles so positiv", wischte er sich Tränen aus dem Gesicht.

Vorsichtig umfasste ich Alex Gesicht, um ihn zuzuflüstern, dass er das auch konnte. Als der Pfleger, den ich schon längst wieder vergessen hatte, sich räusperte, ließ ich Alex los. Er schaute den Pfleger grimmig an.

„Eins muss ich dir trotzdem Mal lassen. Guten Geschmack hast du, denn Austin sieht wirklich nicht schlecht aus", grinste Alex. „Erstens, es geht nicht nur ums Aussehen. Zweitens, er ist meins und somit steht er nicht für dich zur Wahl", meinte ich mit einem drohenden Unterton. „Keine Sorge, Engel", lächelte er.

Engel. Es rief mir genügend Erinnerungen in mein Gedächtnis. Alex hatte irgendwann Mal angefangen mich so zu nenne, weil wir so häufig in den Sternhimmel geschaut haben. Er empfand es als einen schönen Gedanken einen Engel auf der Erde zu haben.

„Eure Zeit ist um. Alex du hast Therapie in fünf Minuten", kam der Pfleger auf uns zu.

Unsicher schauten Alex und ich uns an, als wir aufgestanden war. Bevor ich irgendwas machen oder sagen konnte, nahm er mich zur Verabschiedung in den Arm.

„Hoffentlich sehen wir uns nochmal", flüsterte Alex mir zu, bevor er aus dem Raum verschwand.

Auffordernd hielt der Pfleger die Tür offen. Wieder begleitete er mich bis nach vorne zur Rezeption. Als ich vor dem Gebäude stand, musste ich tief durchatmen. Es war besser verlaufen als ich dachte.

Erleichtert lief ich zum Auto, wo Austin am warten war. Als ich einstieg war er in seinem Handy vertieft, wodurch er mich erstmal nicht bemerkte. Erst als ich ihm einen Kuss gegen die Wange gab, schaute er zu mir.

„Du siehst sehr unbeschadet aus, was ich als gutes Zeichen werte. Also wie war es?", merkte Austin.

Kurz musste ich über diese Feststellung schmunzeln. Ich fing an über unser Gespräch zu erzählen, wobei Austin immer wieder aufmerksam nickte.

Er schien noch immer nicht über das Treffen erfreut zu sein, aber versuchte es bestmöglich zu verbergen. Ich war ihm nicht böse darum, da ich es nachvollziehen konnte. Seine Bedenken waren zurecht gewesen.

„Alex hat dich umarmt?", zog Austin skeptisch seine Augenbrauen hoch. „Du tust so, als ob er mir ein Messer in den Rücken gestochen hat", witzelte ich. „So unwahrscheinlich wäre das nicht", gab er trocken von sich.

Ja, das war nicht der beste Vergleich. Zum Glück verstand Austin worauf ich hinaus wollte. Kurz darauf lachten wir beide über meine dumme Bemerkung.

Es war schön, dass ich mit ihm über so etwas lachen konnte statt darüber zu streiten.

„Nach Hause oder woanders hin?", wollte Austin wissen, als er den Motor startete. „Ich würde gerne an den See", meinte ich. „Dann fahren wir an den See", lächelte Austin.

Am See waren wir schon länger nicht mehr, wodurch ich dorthin wollte. Es war zwar etwas kühl, aber das war mir egal. Nachdem ich Austin gefragt hatte, ob er ein Problem damit hätte, wenn Casper vorbei kommen würde, schrieb ich ihm.

Casper

Kommst du an den See

Kann ich jemanden
mitbringen?

Liebend gerne

Super, dann bis gleich

~~~

Ich hoffte, dass er mit jemanden den Typen von der Party meinte. Den Namen hatte ich leider schon wieder vergessen, aber würde ich spätestens am See herausfinden.

Ich freute mich schon darauf, dass ich ihn endlich Mal kennenlernen würde. Er schien Casper sehr glücklich zu machen, was er auch verdient hatte. Casper hatte genug über die letzten Jahre durchgemacht.

Der Verrat in PersonGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt