#69 Stiller Hilfeschrei

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Austin

Langsam trottete ich Dylan her, als wir am See ankamen. Etwas weiter entfernt sah ich schon Casper, der auf uns zugelaufen kam, wobei er seine Begleitung verwirrt stehen ließ.

„Dylan", fiel Casper angesprochenem um den Hals. „Betrunken warst du mir manchmal lieber. Da hattest du noch weniger Energie", lachte Dylan, während er Casper von sich wegdrückte. „Jaja, ich habe dich auch ganz doll lieb", grinste Cas.

Seine Begleitung hatte das Szenario skeptisch betrachtet, aber schmunzelte. Ja, Casper war auf seine Art und Weise durch geknallt. Langsam überwand der Unbekannte die letzten fünf Meter zwischen uns.

Unsicher musterte ich den Unbekannten. Er war sicher ein paar Jahre älter als wir. Die braunen Locken hatte er versucht nach hinten zu stylen, was kläglich gescheitert war. Eine kleine Narbe zierte seine linke Wange. Seine Hände hatte er in seine Hosentasche gesteckt.

„Ben, das sind Dylan und Austin", deutete Casper nacheinander auf uns. „Schön dich kennenzulernen", lächelte Dylan. „Ich habe schon viel von euch beiden gehört", meinte Ben.

Casper schaute uns entschuldigend an, während er es sich im Sand bequem machte. Wir taten es ihm gleich, wobei Dylan sich direkt an mich lehnte. Dylan schien mir ein wenig erledigt zu sein, aber er wollte unbedingt zum See.

„Wir wissen aber sehr wenig von dir", meinte ich.

Ich hörte Dylan leise lachen, wodurch ich zu ihm schaute. Wahrscheinlich dachte er an das intime Gespräch mit Casper. Direkt musste ich auch daran denken und schmunzeln. Er war so euphorisch gewesen, was nun nicht mehr so war.

„Was soll ich groß über mich sagen?", kratzte Ben sich verlegen am Hinterkopf. „Wie alt du bist? Wo du arbeitest? Halt so einen Kram", meinte Dylan. „Ich arbeite in einem Box Studio und bin 22 Jahre alt", erzählte er.

Skeptisch nickte Dylan. Er schien nicht sonderlich zufrieden zu sein. Ben lächelte uns an, wobei er seine Hand auf Caspers Oberschenkel ablegte.

Es sah mir aus, als ob Casper sich nicht sonderlich wohl fühlen würde. Die Art, wie er zusammenzuckte. Der hilflose Blick. Erst in dem Moment merkte ich, dass Caspers Lippe aufgeplatzt war.

„Casper, kann ich kurz mit dir reden? Alleine?", fragte ich. „Ja, klar", stand Casper auf.

Gemeinsam spazierten wir ein Stück, wobei es mir nicht wohl war Dylan alleine zu lassen. Alleine mit diesem Ben. Cas spielte unsicher mit den Ärmels seines Pullovers.

„Deine Lippe", sagte ich nur. „Nichts schlimmes. Kennst mich ja. Bin betrunken über meine eigenen Füße gefallen", wich Casper aus. „Die Wahrheit", murrte ich. „Ist die Wahrheit", zuckte er mit den Schultern.

Ich konnte es nicht fassen, dass er mich so dreist anlog. Natürlich war es bei Casper eine Möglichkeit über seine eigenen Füße zu fallen, aber dafür war er mir zu auffällig. Zusätzlich hatte sein Alkoholkonsum stark abgenommen. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass wir schon wieder zurückliefen.

Seufzend ließ ich mich wieder neben Dylan nieder, der sich prächtig mit Ben am unterhalten war. Kaum hatte Ben seinen Arm um Casper gelegt, zuckte dieser zusammen.

„Wie läuft es zwischen euch beiden?", fragte ich interessiert. „Sehr gut, nicht wahr?", schaute Ben Casper an, der nur stumm nickte.

Meine Augen lagen viel zu genau auf Bens Händen, wodurch ich sah, dass er Casper in die Seite gezwickt hatte. Ich verstand nicht, warum er nichts sagte. Er redete sonst einen voll. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn noch nie so ruhig erlebt.

Seufzend ließ ich mich auf den Sitz, des Autos fallen. Es war schon dunkel geworden, wodurch wir uns dazu entschieden hatten nach Hause zu fahren. Auf einmal schlug Dylan aufs Armaturenbrett, weswegen ich mich erschrocken zu ihm drehte.

„Erst war ich glücklich für Casper, aber jetzt könnte ich ihn einfach nur köpfen", murmelte Dylan. „Du hast es auch gemerkt", fiel mir auf. „Die Begrüßung war das erste Anzeichen dafür", erklärte er.

Verwirrt schaute ich ihn an. Was hatte das denn nun mit der Begrüßung zu tun? Ich verstand die Logik von der Schlussfolgerung nicht, wodurch ich es hinterfragte.

„Eine überschwängliche Begrüßung ist ein stiller Hilfeschrei. Wir haben das eingeführt, als Alex angefangen hat mich zu schlagen. Man schöpft damit beim Täter keinen Verdacht", erklärte Dylan mir schließlich.

Verstehend nickte ich. Anscheinend musste das so gut funktioniert haben, dass die beiden es noch immer so machten. Mir erschien es nur komisch, dass Dylan sich nicht einschaltete.

„Warum sitzen wir dann hier?", wollte ich wissen. „Fahr los und du wirst es erfahren, wenn wir zuhause sind. Vertrau mir", lächelte er.

Ich vertraute Dylan, wodurch ich das tat, was er wollte. Casper schien auch genug durchgemacht zu haben, wenn die beiden über solch belanglosen Gesten kommunizierten.

Eine Stunde später saßen wir noch immer bei Dylan auf der Couch, als es klingelte. Sofort sprang er auf, um die Tür zu öffnen.

Casper war angetrunken, als er sich auf den Sessel gegenüber von mir niederließ. Flüchtig schaute er mich an, bevor er seinen Blick senkte. Dylan gab ihm ein Bier, als er sich wieder neben mich setzte.

„Was ist passiert?", wollte Dylan wissen. „Ich habe einen schlechten Geschmack, das ist passiert", gab Cas von sich.

Dylan seufzte genervt, denn die Information brachte ihn kein Stück weiter. Casper trank das Bier in einem Zug aus, bevor er weiter reden konnte.

„Ben und ich haben uns gestritten. Er wollte alles so überstürzen und sofort in eine Beziehung, aber ich war dagegen. Wir haben diskutiert, bis naja siehst es ja", deutete Casper auf seine Lippe.

Kopfschüttelnd stand Dylan auf. Er fing an den Sessel so wie die Couch zu umrunden. Es schien so als ob er nachdenken würde. Als er wieder an mir vorbei lief, griff ich nach seinem Handgelenk, um ihn auf meinen Schoß zu ziehen.

„Nur das eine Mal oder öfter?", wollte Dylan wissen. „Nur das eine Mal und ich glaube, dass es nicht nochmal passieren wird. Wir sind ja jetzt schließlich in einer Beziehung", meinte Casper. „Er wird es wieder machen. Wenn man einmal die Hemmschwelle überwindet, gibt es kein zurück mehr", er war bitterernst bei diesem Satz.

Dylan fing an nervös mit dem Ende seines Oberteiles zu spielen, wodurch ich meine Hände auf seine legte. Leise flüsterte ich ihm zu, dass er sich beruhigen solle. Ich merkte, dass die Situation nicht einfach für ihn war.

„So fantastisch der Sex auch sein mag, aber du solltest es beenden. Du findest jemand besseres, der dich liebt und nicht verletzt", legte ich Casper nahe. „Ihr habt wahrscheinlich recht", seufzte er. „Ich habe immer recht", kam es von Dylan und mir gleichzeitig, wodurch wir lachen mussten.

Wir konnten nur hoffen, dass Casper es wirklich ernst nahm, was wir gesagt hatten. Dylan wollte natürlich nicht, dass Cas das gleiche, wie er durchmachte. Ich konnte mir aber gut vorstellen, dass er sich wehren konnte, da er sich nicht so leicht einschüchtern lassen würde.

Der Verrat in PersonGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt