Dylan
Ich wusste nicht, was mich mehr nervte. Die Langeweile oder meine Literatur Aufgaben. Seufzend griff ich nach der Tüte, welche Austin mir am Vortag mitgebracht hatte. Direkt fiel mir auf, dass er Mal wieder übertrieben hatte, da ich mich nicht entscheiden konnte. Frustriert biss ich in den Schokoriegel.
Als sich die Tür öffnete dachte ich, dass es meine Rettung wäre. Fehlanzeige. Es war Calvin. Nach Wochen traute er sich das erste Mal hier hin. Ohne mich zu begrüßen oder zu fragen setzte er sich neben mich auf den Stuhl.
„Was möchtest du?", wollte ich wissen. „Mich entschuldigen", murmelte mein Bruder. „Nach drei Wochen? Wird dir etwa dein Leben zur Hölle gemacht? Denkst du, dass ich dir jetzt da raus helfen kann?", fragte ich skeptisch.
Seufzend legte Calvin seinen Kopf in den Nacken. Anscheinend schien ich recht zu haben. Zu seinem Pech konnte ich ihm dieses Mal nicht helfen. Er musste sein Problem selber lösen.
„Du bist nachtragend", warf er mir vor. „Was hast du anderes erwartet? Das ich jetzt Freudensprünge mache?", zog ich meine Augenbrauen hoch. „Die kannst du noch nichtmal machen", schnaubte er belustigt.
Ich fand die Situation alles andere als lustig. Am liebsten hätte ich ihn aus dem Zimmer geschmissen, aber ich wollte abwarten, was er noch zu sagen hatte. Skeptisch betrachtete ich ihn.
Nervös fuhr Calvin sich durch seine Haare. Er war schon immer schlecht darin sich entschuldigen. Mir war es meist nicht so wichtig, da wir uns immer über Kleinkram stritten, aber dieses Mal war die Situation anders. Einmal wollte ich vernünftige Entschuldigung hören. Das war doch wohl nicht zu viel verlangt, oder?
„Ich habe falsch gehandelt", murmelte Calvin, was ich kaum verstand. „Keine Ahnung, was mit mir los war", fuhr er fort.
Er schien nicht weiter zu wissen, denn er verstummte. Vier Wörter waren wohl wirklich zu viel verlangt. Seufzend schüttelte ich meinen Kopf. Erneut versuchte ich mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren, denn Calvin schien nicht weiter reden zu wollen.
Die Minuten vergingen. Mein Blatt füllte sich nach und nach. Calvin blieb still. Fast schon empfand ich es als traurig.
„Wenn du es nicht schaffst mit mir zu reden, schreib einen Brief oder so", zickte ich ihn an. „Nein. Es tut mir wirklich leid. Ich hätte es nicht machen dürfen. Nicht nur wegen dir sondern auch wegen unseren Freunden", widersprach Calvin mir. „Geh", murrte ich, weil ich mir das nicht weiter anhören wollte.
Fassungslos schaute Calvin mich an, bevor er aufstand und das Zimmer verließ. Ich hatte das nicht gemacht, um ihn zu verletzen, sondern damit er nochmal nachdenken konnte. Es wäre nur eskaliert, wenn er es weiter versucht hätte. Ein Brief wäre wahrscheinlich wirklich die beste Option.
—
Als ich am Abend mit einer Tüte Chips Trash TV schaute, klopfte es zu meiner Verwunderung an der Tür. Sofort bat ich die Person herein.
„Entschuldige, dass ich es nicht früher geschafft habe", kam Austin auf mich zu. „Du weisst, dass du nicht jeden Tag hierher kommen brauchst?", fragte ich. „Klar, aber ich möchte es", lächelte er, als er sich neben mich setzte.
Gerade als ich in die Tüte greifen wollte, klaute Austin mir diese. Mittlerweile hatte ich ihn mit dem Fernseher Programm angesteckt, wodurch er sich darauf konzentrierte. Am Anfang hatte er sich darüber nur aufgeregt.
„War die letzte Woche nicht noch mit dem anderen Typen zusammen?", fragte Austin verwundert. „Du hast die Hälfte verpasst", wies ich ihn hin. „Ist mir auch bewusst, also klär mich auf", forderte er.
Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute ich ihn an, da ich selber nicht ganz verstanden hatte. Anstatt ihm zu erzählen, was passiert war, berichtete ich, dass Calvin am Mittag da gewesen war. Noch verwirrter als vorhin musterte er mich. Damit hatte er wohl auch nicht gerechnet.
„Das klang ja Mal voll egoistisch. Ihn interessiert es einen Dreck, was mit dir passiert ist. Calvin sieht nur seinen Nachteil", regte Austin sich auf. „Ja, deswegen habe ich ihn weggeschickt", meinte ich. „War auch besser so. Der soll Mal nachdenken", stimmte er mir zu. „Ich dachte, dass hätte er, bevor er hier hin gekommen ist", gab ich zu.
Es hatte mich ein wenig geknickt. Selbst wenn Calvin nicht drüber nachgedacht hatte, hätte er es ein wenig anders formulieren können. Es frustrierte mich, dass er es wieder nur zu seinem Vorteil nutzen wollte. Im Grunde war es genau das, was ich vorher vermutet hatte.
Ich verstand nicht, wann das ganze so einen Lauf genommen hatte. Calvin war früher nie mit Alex klargekommen. Die beiden haben sich immer gestritten. Oft genug hatte ich die Schläge eingesteckt, die Calvin galten.
„Ich will nach draußen", beschloss ich, während ich die Decke von mir wegschlug. „Brauchst du Hilfe?", wollte Austin wissen. „Nein", murrte ich.
Mit den Krücken fischte ich nach meiner kurzen Hose. Mittlerweile hatte ich Übung darin, wie ich was machte. Austin hatte mir bereits den Rollstuhl hingeschoben, welchen ich ignorierte.
„Was hast du vor?", fragte er skeptisch. „Lass mich so weit, wie ich kann, selber laufen", bat ich ihn.
Am Vortag hatte ich es geschafft den ganzen Gang entlang zu laufen, aber dieses Mal wollte ich weiter. Austin schob den Rollstuhl neben mir her, damit ich jederzeit darauf zurückgreifen konnte. Der Gang schien mir viel länger, da die Schmerzen wieder mehr waren.
„Geht es?", wollte Austin besorgt wissen, als ich stehen blieb. „Ja, keine Sorge", lächelte ich. „Dir hat die Situation mit Calvin zugesetzt, oder?", fragte er. „Naja, ich verstehe es einfach nur nicht", gab ich zu, als wir den Aufzug betraten.
Schließlich ließ ich mich erledigt in den Rollstuhl fallen, als wir unten ankamen. Es war alles anstrengender als ich es mir am Anfang gedacht hatte. Die Therapien nützten zumindest etwas, da ich sonst wahrscheinlich noch immer am Bett gefesselt wäre.
Ohne ein Ziel schob Austin mich über den Gehweg. Die ersten Blätter verfärbten sich, womit der Herbst sich langsam ankündigte. Herbst war einer der Jahreszeiten, die ich am wenigsten mochte. Zu der Zeit regnete es zu viel, alles wurde schlammig und es wurde kalt. Die Temperaturen waren in den letzten Tagen schon stark gesunken, aber heute war es in einer kurzen Hose erträglich.
„Wie wird Calvin in der Schule behandelt?", sprach ich die Frage aus, die mich seit seinem Besuch interessierte. „Er wird großenteils ignoriert", meinte Austin. „Also wird er nicht geschlagen oder so etwas in der Art?", spezifiziert ich. „Nein, keine Sorge. Manche würden es bestimmt gerne tun, wie Ruby, aber Ignoranz ist wirksamer", erklärte er.
Austin hatte mir erzählt, wie er Ruby zurück halten musste. Viel zu gerne hätte ich gesehen, wie sie ihn geschlagen hätte. Bei dem Gedanken musste ich direkt wieder schmunzeln. Ruby hatte mir erklärt, dass sie nur nicht getan hatte, weil Riley es nicht sehen sollte und sie mir den Vortritt ließ. Sie wusste, dass ich es niemals machen würde.
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Der Verrat in Person
Ficção AdolescenteDylan Wheeler, die Vertrauensperson seiner Freundesgruppe. Seit eh und je schreibt er jegliches Geheimnis oder witziges Detail, das nicht jeder weiß, in ein Notizbuch. Das Notizbuch ist sein Heiligtum, welches niemals an die Öffentlichkeit kommen da...
