69 - Die besten Menschen

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Wie jedes Mal, wenn ich nicht weiterweiß, wähle ich die Nummer meines besten Freunds, und genauso wie immer, wenn das Leben mich Scheiße fressen lässt, geht Dag ran.

„Vincent, was gibt's?“, fragt er mich.

Ich laufe die Treppenstufen zur U-Bahn runter und erkläre nebenbei: „Ich bin gerade raus aus dem Studio und auf dem Weg zurück ins Hotel. Charlotte und ich hatten einen üblen Streit am Telefon.“

„Was war los?“

Mit einem Satz springe ich in die Bahn, deren Türen sich in diesem Augenblick schließen und lasse mich auf einen freien Platz am Gang fallen.

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“, sage ich.

„Dann stell ich dir einfach Fragen, okay? Wie läuft's mit den Jungs?“

„Beschissen“, platzt es aus mir heraus. „Sorry“, murmle ich, weil die Frau gegenüber von mir das kleine Mädchen auf dem Fensterplatz zu sich ranzieht, das mich verängstigt aus seinen blauen Augen mustert.

„Schon gut.“ Dags Stimme beruhigt mich. „Haben die Stress gemacht?“

„Die haben mir so die Ohren vollgeheult. Dies passt nicht, das passt nicht, ich hab so 'nen Hals, Dicka.“

„Sie haben deine Vorschläge ignoriert, nehme ich an.“

Die Frau und das Kind mir gegenüber stehen auf. Ein Glück. Keine Lust, mir hier noch über jugendfreien Sprachgebrauch Gedanken zu machen. 

„Ich kann mit so Leuten nicht arbeiten, du kennst mich. Nicht nur, dass die alles, was wir vorher abgeklärt hatten, umschmeißen wollen, nein; die haben mich reden lassen, und ich erkläre denen drei Minuten lang, warum ihre neue Scheiß-Idee nicht umsetzbar ist – und dann sagen die mir ernsthaft: ,Ach komm, Vincent. Mach ma' jetzt trotzdem so. Wenn einer kann, dann du!ʼ Verstehst du?“

„Über Schmeicheleien durch die Hintertür, alles klar.“ Dag macht eine kurze Pause beim Reden. Ich schätze, er zieht an seiner Zigarette. „Speichellecker. Musst du dir aber auch nicht gefallen lassen.“

„Is' mir mittlerweile egal, ich hab ihnen gerade an den Kopf geknallt, dass ich kündige, wenn die sich nicht zusammenraufen und bin gegangen. Ich schwöre dir, Alter, ich arbeite nur noch mit Leuten, die sich nicht alle halbe Stunde mit mir anlegen. Vollidioten.“ Müde fahre ich mir durch die Haare. All das rauszulassen tut dann doch ganz gut irgendwie. „Sind auch alle besoffen angetreten“, füge ich in gemäßigterem Ton hinzu. 

„Und du? Hast du mit denen einen gehoben?“

„Nein, Mann. Hatten sie sogar Verständnis für. Trotzdem. Ich fühl mich, als hätte ich 'ne beknackte Umschulung zum Sozialarbeiter hinter mir.“

Mit einem gedämpften „Aha“ signalisiert mein Kumpel mir, dass er meinen Ausführungen gefolgt ist. Dann vernehme ich seine Stimme wieder deutlicher.

„Und warum hast du dich mit deiner Freundin gestritten?“

Sofort kehren die Bauchschmerzen von vorhin zurück. Es ist, als hätte ich Steine gefressen. Mir geht's miserabel und das hört man mir sicherlich auch an, als ich widerstrebend auspacke.

„Weil ich was Schlimmes zu ihr gesagt habe.“

„Was hast du gesagt?“, bohrt Dag nach und ich presse die Zähne kurz aufeinander, dann antworte ich ihm aber doch.

„Dass ich die Studiosession nicht einfach abbrechen kann, nur weil sie's gerade so dringend nötig hat“, führe ich voller Scham aus und ziehe im Anschluss die Nase hoch. Meine Augen brennen. Ich wollte das doch gar nicht sagen, verdammt, was hab ich getan?

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