76 - Stimmen

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Meine Hände zittern. Das Signalfeuerrot meiner Fingernägel sticht in meinen Augen. Doch meine Sicht ist getrübt von Tränen, sodass die Farbkleckse an den Rändern verschwimmen und mich an kleine Pfützen aus Blut erinnern.

Ich zwinge mich, tief durchzuatmen. Mache die Übung, die Mama mir gezeigt hat: ahme einen normalen Herzschlag nach in der kleinen Kuhle zwischen meinen Schlüsselbeinen.

Ein Schluchzer schüttelt mich, weil mir sofort das Bild durch den Kopf schießt, wie ich Vincent auf dieselbe Art beruhigt habe. Das war kurz bevor er mir erzählt hat, dass Maria schwanger war. Nicht von ihm, sondern von ihrer Affäre. Er war ein einziges Nervenbündel in diesem Augenblick auf seiner Couch damals.

Du warst zu hart zu ihm, Charlotte, sagt die eine Stimme in mir. Wieder muss ich schluchzen, presse meinen Handteller fest gegen meine Stirn, hinter der der Schmerz sitzt.

Ich hasse dich, sagt die andere Stimme – Vincents Stimme.

Ich stehe noch immer im Studio, genau zwischen den beiden Ledersofas. Ich war noch nie allein hier. Nicht eine Minute. Ich sollte mich hier nicht allein aufhalten. Ich gehöre hier nicht her.

Was wollte ich gerade tun? Bevor mich die Verzweiflung überschwemmt hat, hatte ich diesen Einfall. Suchend schaue ich mich um.

Unterhalb der Galerie stehen Instrumente auf der kleinen Probebühne. Ich halte mich am Geländer fest und gehe die Treppe runter, atme bei jedem vorsichtigen Schritt ... ein und aus.

Auf Thilos Schlagzeug klebt ein Sticker, es ist eine kleine Illustration im Pop-Art-Stil. Eine rothaarige Frau hält sich ein pinkes Schnurtelefon ans Ohr. Sie sieht ängstlich aus.

Und plötzlich fällt es mir wieder ein.

Ich ziehe die Nase hoch, lasse das Treppengeländer los und fummle mein Handy aus meiner hinteren Jeanstasche. Als es mir runterfällt, fluche ich. Aber ich bin furchtbar heiser, und verstehe meine Worte selbst kaum.

Das Handy findet seinen Weg zurück in meine Hände. Wieder atme ich und das Zittern lässt ein wenig nach. Ich scrolle durch meine Kontakte, finde Vincents Namen. Die nächsten 20 Sekunden sind die vielleicht längsten meines Lebens ... Seine Mailbox meldet sich. Ich drücke auf Wahlwiederholung und zucke automatisch zusammen.

„Der gewünschte Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar", sagt eine mechanische Frauenstimme. Er hat sein Telefon ausgeschaltet.

Wieder Kopfschmerz, wieder eine neue Tränenfontäne, die sich ankündigt ... wieder schluchzen.

Ich schlucke, atme und blättere zurück zu meinen Kontakten. Marlene.

Das erste Freizeichen spritzt eine großzügige Dosis unverdünnter Hoffnung in jede meiner Billionen Zellen. Beim sechsten Freizeichen lässt die Wirkung nach ... bis sie völlig verebbt, als der Anrufbeantworter anspringt. Marlene hat keine Bandansage eingesprochen für entgangene Anrufe. Dabei wollte ich so dringend ihre Stimme hören. Das allein hätte womöglich schon geholfen.

Ich denke an den Tee, der noch oben auf dem Couchtisch steht; blicke rauf, dorthin, wo ich herkam. Er dürfte inzwischen abgekühlt sein. Weiteratmen und Tee trinken. Das könnte Plan C sein, oder – Ich entsperre hektisch mein Smartphone, muss den Code zweimal eintippen, weil ich eine falsche Zahl erwischt habe, und scrolle weit nach unten.

van Föhrden, Madita

Ich starre das Hörer-Icon an. Didi hat mich noch nie so aufgelöst gesehen. Vor einer Woche noch dachte ich, das würde sie auch nie. Dass ich meiner Kollegin immer nur mit eine leichten Schmunzeln auf den Lippen berichten würde, wie gut es mir geht. Jedes Mal, wenn sie mich danach fragt.

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