77 ‐ Ja, ich will

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Luft holen, anhalten, Kopf runter ... Arm hoch, nach vorn, durchs Wasser ziehen. Wie ein Schaufelrad. Luft holen, anhalten, Kopf wieder runter. Jetzt der andere Arm. Als ich ihn gerade nach vorn ziehen will, kommt der Krampf. Mein Körper sackt nach unten. Ich ignoriere den zerrenden Schmerz, trample kräftig mit den Beinen und schaffe es zum Beckenrand, bevor mich mein eigenes Gewicht weiter in die Tiefe sinken lässt.

Der Bademeister ‐ ein streng wirkender Glatzkopf mit einem Kinn, das Nüsse knacken könnte - macht Anstalten, die zehn, zwölf Meter bis zu mir zurückzulegen, um nach dem Rechten zu sehen.

„Alles in Ordnung!", rufe ich ihm zu.

Er bleibt stehen, mustert mich skeptisch. Wahrscheinlich beobachtet er mich schon eine ganze Weile.

Meine Rettung ist ein Halbwüchsiger, der seinen Kumpel auf der gegenüberliegenden Seite des Beckens vom Startblock schubst. Ein Platschen, dann Stimmbruchgelächter, Trillerpfeifen.

Während der Bademeister davonstapft, starre ich auf meinen krampfenden Arm. Der untere Teil hat diese bläuliche Farbnuance angenommen und wirkt dadurch viel weißer als mein Bizeps oberhalb des Wasserspiegels.

Das kommt davon, wenn du schwimmst, als würdest du den verschissenen Weltrekord brechen wollen, Vincent.

Ich sollte mir Magnesiumtabletten besorgen. Zum Glück lässt der Krampf jetzt nach. Dafür fühlen sich meine Beine an wie Blei. Ich bin so erschöpft ... Aber es dauert tatsächlich nur Sekunden, bis ich Charlottes Stimme wieder in meinem Kopf höre.

Ich will es nicht.

Ich will es nicht.

Ich will es nicht.

„Hey. Du."

Ich schaue hoch und blicke in die blauen Augen des Bademeisters. Sie sehen aus als hätte man zwei Knöpfe aus Eis geschliffen. Er hat sich hingekniet und schaut mich unangenehm eindringlich an.

„Wirklich alles in Ordnung?"

Ich nicke. Wir schweigen. Er guckt mir noch ein bisschen länger in die Augen. Irgendwann schaue ich weg, nach unten. Wassertropfen lösen sich von meiner Nasenspitze. Fallen tief runter durch das vergilbte Ablaufgitter, das das Schwimmbecken einrahmt. Das Plipp-Geräusch erinnert mich an unser erstes Ich-liebe-dich im Regen, und meine Unterlippe beginnt zu zittern.

„Wenn du schwimmen willst wie ein Leistungssportler, musst du dich nächstes Mal auch wie einer aufwärmen", sagt der Bademeister zu mir. „Capiche?"

„Jawoll, Herr Oberst", murmle ich und stoße mich vom Rand ab, um zur Leiter rüberzupaddeln.

Der Bademeister schüttelt den Kopf und wendet sich ab, überwacht weiter die anderen Badegäste ...

Ich ziehe die überteuerten Schlappen wieder an, die ich mir neu gekauft habe, direkt hier vor Ort. Marschiere in ihnen zurück zu dem nigelnagelneuen Handtuch, das noch sehnsüchtig drauf wartet, heute das allererste Mal von mir benutzt zu werden. Als ich mein Gesicht abtrockne, rieche ich die Fabrik, aus der es stammt. Den leichten Hauch Öl, das den Maschinenwebstuhl in Schuss hält. Ich mag es nicht, wie der Frottee-Stoff nach Motor riecht. Für gewöhnlich wasche ich alles, was ich neu habe direkt erstmal. Das kann ich gleich nachholen, wenn ich heimkomme.

Mein Hirn spielt mir einen Streich, malt sich aus, dass ich Charlotte dort auf meiner Couch vorfinden werde, oder auf meinem Bett, oder in der Küche mit einer Tasse Tee in der Hand. Dann entschuldigt sie sich und sagt mir, dass sie es sich doch anders überlegt hat.

Wieder schrillt diese verfickte Trillerpfeife, und ich verziehe das Gesicht, als würde die Warnung mir gelten.

Das Handtuch locker um die Schultern geschlungen, laufe ich zu den Umkleideräumen. Meine ebenfalls neue Badehose ist nass und pappt mir an den Oberschenkeln. Zeit für eine ausgiebige, heiße Dusche.

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