81 - Etwas wie das

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Im Konferenzraum ist die Stille so dick, man könnte sie fast durchschneiden. Für gewöhnlich plaudern wir immer alle untereinander. Didi und ich, die Leute aus der Layout-Abteilung, Tillmann und Emilio, Freddy mit fast allen mal und alle mit ihm. Heute nicht.

Klausen tigert am Kopfende des Tisches auf und ab. Die Leinwand hinter ihm ist aus. Auf dem Flipchart daneben hängt noch die Mindmap vom Brainstorming, die wir letzte Woche im wiederkehrenden Dienstagsmeeting erstellt haben. Claudia hustet leise.

Es ist D-Day. Gleich wird unser Boss verkünden, wer seinen Posten übernehmen darf und neuer Chefredakteur des Magazins wird. Nur zwei Optionen sind realistisch, es kommen entweder ich oder Tillmann infrage. Alle, die gerade an diesem Tisch sitzen, wissen das.

Napoleon räuspert sich. Er stellt sich in die Mitte des Raumes. Seine Körperhaltung macht wett für seine fehlende Größe. Diese aufrechte, elegante Würde ist ihm eigen. Ich muss an mein Bewerbungsgespräch mit ihm denken. Es war leicht zu navigieren, ich konnte all seine Fragen souverän beantworten. Eine Karriere im Journalismus lag klar auf der Hand für mich.

Zur selben Zeit, als ich mich beim Magazin beworben habe, hatte ich die beiden Menschen, die mir damals am meisten bedeutet haben, verloren. Die Trennung von Marley lag nur eine Woche zurück und am Tag meines Vorstellungsgesprächs mit Klausen hatte Jasmina noch dreimal versucht, mich anzurufen. Danach habe ich endlich ihre Nummer blockiert. Etwas, das ich lange vor mir hergeschoben hatte und was sich wie ein immenser Erfolg angefühlt hat, dem die Zusage für den Job damals nur noch die Krone aufgesetzt hat. Nichts und niemand konnte mich stoppen.

Ich war frei, ich war unabhängig.

Obwohl ich mit meinem Chef immer auch Auseinandersetzungen hatte, respektiere ich ihn sehr und ich denke, darüber ist er sich auch im Klaren.

Mein Blick verrutscht, weg von ihm, hin zu Tillmann, der wie gebannt nach vorn schaut. Er hält seinen Montblanc-Kugelschreiber fest und die Spitze bohrt sich in das teure ledergebundene Notizbuch. Die Seiten sind alle weiß, nur voll mit diesen schwarzen Punkten. Ich habe ihn nicht einen Satz reinschreiben sehen. In all den Jahren. Nicht einen. Wenn Tillmann sich was notiert, dann auf seinem Tablet, vor dem diese Tastatur liegt, die keinen einzigen Laut von sich gibt, wenn er sie bedient.

Er ist tatsächlich mein einziger ernstzunehmender Konkurrent. Seine Indien-Reportage war flach, das hat die Runde gemacht an unserem Arbeitsplatz. Napoleon hatte sich mehr Resonanz erhofft von unserer geneigten Leserschaft. Das hat er auch deutlich geäußert, vor uns allen. Tillmann hat es mit Fassung getragen, aber ich konnte in seinen Augen sehen, wie die Kritik an seinem Ego gekratzt hat. Und ich würde lügen, sollte ich mir einreden, das hätte mir kein Gefühl von Genugtuung verschafft.

Klausen räuspert sich. Wie alle schaue nun auch ich zu ihm. Didi greift unter dem Tisch nach meiner Hand und drückt sie fest. Ich drücke zurück.

„Sie wurden bereits informiert, dass strukturelle Veränderungen beim Magazin anstehen. In sechs Monaten verlasse ich dieses Haus und verabschiede mich in den Ruhestand. Ich werde Ihnen heute mitteilen, wer auf mich folgen und die Redaktion und ihre Unterabteilungen in eine neue Ära führen soll."

Ich richte mich ein Stück auf. Unser Chef ist nicht bekannt für seine langen Reden, er kommt in der Regel schnell zum Punkt. So auch heute.

„Nach reiflicher Überlegung habe ich entschieden, dass diese Person ..." Er atmet langsam aus. Sein Blick wandert zu mir und in meinem Körper spannt sich alles an wie kurz vor dem Orgasmus. Doch dann zuckt sein Blick unerwartet weg. „... Tillmann Hollbruck sein wird."

Kurz bevor sich dieses gewinnende Grinsen auf seine Lippen legt, sehe ich Tillmann an. Er ist überrascht. Nur für einen Sekundenbruchteil zwar, aber er hat wohl ehrlich nicht damit gerechnet. Der Tadel für die misslungene Reportage hat ihn tief getroffen und ihn vermutlich daran erinnert, dass Klausen meine Artikel noch nie kritisiert hat, erst recht nicht vor den anderen Mitarbeitern.

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