73 - BITE BACK oder Charlotte vor Vincent

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Mir ist kalt geworden im Garten des tré bon. Der Wind raschelt durch die Büsche und das Blätterdach der Bäume über mir. Der Luftzug war erst angenehm, aber nach mehreren Stunden, die ich nun schon hier sitze, ohne mich zu bewegen, würde ich mich lieber mitten in der Wüste an meinen abgekühlten Tee klammern. Irgendwo weit weg von Gio.

Ich habe mich auf Arbeit krankgemeldet. Trotzdem war ich mit Didi hier essen. Das Stück Normalität hat gut getan, nachdem ich heute meine Anzeige bei der Polizei gemacht habe. Didi hat mich nicht ausgequetscht, sie wusste wohl, dass mich das höchstwahrscheinlich wütend machen würde. Sie war einfach da, mit ihrer unverwüstlichen Art. Hat mir erzählt, was ich in der Redaktion verpasst habe. Ich konnte mit halbem Ohr zuhören, während ich daran denken musste, wie wir hier die letzten paar Male saßen und miteinander geredet haben. Vor und nach Hamburg. Didi und ich ... Sie ist immer eine wunderbare Präsenz in meinem Leben gewesen, seit mir Napoleon an meinem ersten Tag persönlich den Schreibtisch gezeigt hat, an dem ich sitzen würde. Genau gegenüber von Didi. Haare so lang und schwarz wie Ebenholz, eine Haut so weiß wie Schnee - und später sogar mit Lippen so rot wie Blut, weil ich ihr meinen Lippenstift ausgeborgt habe, damit sie ausprobieren konnte, ob ihr die Farbe auch steht. Das war unsere erste Interaktion überhaupt. Ich hatte ihr innerlich schon beinah diesen Stempel Schneewitchen-Barbiepuppe aufgedrückt, als sie mir völlig aus dem Nichts und nahtlos im Anschluss daran von ihren Recherchen über Cum-Ex-Geschäfte erzählt hat. Mit einer Professionalität, die ich ihr bis vor einer Sekunde im Leben nicht zugetraut hätte. In diesem Augenblick damals habe ich beschlossen, dass ich Didi mag. Und daran hat sich nie etwas geändert.

Der Duft der Kräuter, die in den gepflegten Beeten rings um die Tische wachsen, kitzelt meine Nase und ich muss niesen. Meine Gedanken schweifen in eine ganz andere Richtung, als ich meine Tasche vom Boden hochhole, um nach einem Taschentuch zu suchen.

Ich höre nämlich, wie sich das weiche Gras unter den abgetretenen Converse biegt, die nur einem gehören können. Vincent tritt an den Tisch heran, an dem ich sitze. Ich habe ihn schon an seinem Gang erkannt, deswegen erschrecke ich mich nicht über sein leises: „Hey, Chacha."

Müde blicke ich zu ihm auf, bemühe mich, schaffe aber dann doch kein Lächeln. Ich glaube kaum, dass ich Gio bloß an seinem Gang erkennen würde. Dafür haben wir uns zu selten gesehen. Und wenn wir uns getroffen haben, dann sowieso in horizontaler Lage. Er könnte sich problemlos anschleichen. Ich würde nichts merken, zumindest dann nicht, wenn er ausnahmsweise an Parfüm spart. Was er sicher tun wird, wenn er wirklich den Plan gefasst hat, mir etwas anzutun und sich so für die Abfuhr zu rächen, die ich ihm erteilt habe.

Vincent mustert mich besorgt und beugt sich zu mir runter, um mich auf die Wange zu küssen. Ich reagiere nicht darauf, auch wenn ich seinen Lippen auf meiner Haut nachspüre. Mich beruhigt die Zärtlichkeit, die nichts von dem ist, was Gio mir je entgegengebracht hat oder überhaupt hätte entgegenbringen können.

Ich liebe, wie mein Freund ist, liebe sein Wesen. Vermutlich sage ich ihm das viel zu selten. Er lässt sich auf den Stuhl fallen, auf dem auch Didi gesessen hat. Das grün gestrichene Metall quietscht leidend.

„Wie ist es gelaufen?"

Ich rühre meinen Tee um ... Es ist zu viel Honig drin, ich habe ihn falsch dosiert. Sonst passiert mir das eigentlich nie ...

Die Kellnerin fragt Vincent derweil, ob er etwas möchte. Er bestellt einen Kaffee und ein Glas Leitungswasser. Ich bitte um einen neuen Tee mit frischer Minze und schiebe das Glas zu meinem Freund rüber.

„Zu süß", erkläre ich. Er probiert davon und schmunzelt.

„Schmeckt wie teurer Eistee", kommentiert er es, und plötzlich haben meine Mundwinkel die Schwerkraft besiegt. Es ist nur ein kleiner Sieg natürlich, nur ein kleines Lächeln. Aber es ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe und deshalb bin ich ihm dankbar.

So genialGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt