Kapitel 11

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Die Bücherrei zu betreten war nun irgendwie nicht mehr so überragend. Vorher war es immer schön und bezaubernd, egal wie häufig ich das Gebäude betreten habe. Doch nun war das Erlebnis nicht einmal halb so besonders wie vorher. Ermüdet trat ich durch die Tür und begrüßte die Bibliothekarinnen Amanda und Penelope. Es war ein neuer Tag und somit ein neuer Tag mit Arbeit und Fragen. Das letzte Mal habe ich den Unbekannten vorgestern Nacht gesehen.
Aber es erschien mir so, als wäre es mindestens eine Woche her. Meine Güte, das war schrecklich. Ich trauerte einem Unbekannten hinterher. Insgesamt vermisste ich das Gefühl, dass jemand möglicherweise in der Nähe war. Also vermisste ich genauer gesagt einen Kriminellen.
Noch immer wusste ich nämlich nicht, was er nun eigentlich getan hatte. Aber woher sollte ich dies auch wissen, immerhin waren diese Dinge geheime Akten, vertrauliche Dinge. Wie ich an diese Sachen herankommen sollte, war mir bisher unvorstellbar. Doch nun wo ich weiter darüber nachdachte, wurde ich mir immer sicherer, dass ich es herausfinden musste. Sonst würde mich der Typ niemals loslassen und ich könnte niemals in mein normales Leben zurück kehren. Denn dies wollte ich endlich wieder. Wie sehr vermisste ich die Unbeschwertheit. So viele Fragen schwirrten in meinem Kopf unmher und ich konnte wirklich so gut wie keine einzige beantworten.
Die Fragen die mir vorher durch den Kopf rumgeschwirrt sind waren viel einfacher und uninteressanter. Die Antwort zog niemals fünf weitere Fragen mit sich und vor allem waren die Antworten leichter zu finden. Meistens waren es nur Entscheidungsfragen, Fragen wie, soll ich dieses oder doch das andere Kleid anziehen.
Und nun stellte ich unser ganzes System unter die Lupe und fragte mich, ob das System überhaupt wirklich so gut ist, wie es mir vorher immer erschien. Vor allem wusste ich aber nicht einmal von wo dieser Sinneswandel kam. Er konnte immerhin nicht wirklich von einem einzigen Unwürdigen ausgelöst geworden sein. Dies konnte einfach nicht möglich sein. Ich war ein Mädchen der Logik, des Problemlösens und des rationalen Denkens.
Auch wenn ich manchmal in Gedanken war und mich von meiner Fantasie treiben ließ, war ich trotzdem noch dieses Mädchen. Ich war trotzdem immer noch die zukünftige Medizinstudentin.
So war ich schon immer und auch wenn ich Fantasie bestizte, lebte ich immer in der Realität. Nur selten ließ ich mich in die Weiten der Träume sinken und dies tat ich nur falls mir wirklich langweilig wurde in meiner Realität.
Dieses Mädchen konnte nicht von einem einzigen Kriminellen vernichtet worden sein. Das wollte ich einfach nicht glauben, das konnte nicht die Wahrheit sein.
Mein Blick fuhr durch die Regalreihen. An den Wänden entlang bis nach oben an die Decke. Dort verankerte mein Blick sich in der Glaskuppel. Vorgestern stand ich dort oben. Wie verrückt war ich, dass ich auf ein Dach gestiegen bin und dies mit einem Kriminellen. Ich musste wohl wahrhaftig verrückt geworden sein. Das war doch echt nicht zu fassen. Meine Augen waren immer noch auf das Dach über mir gerichtet. Noch immer versuchte ich den Grund für mein Verhalten zu finden.
Mit einem lauten Krach und einen darauffolgenden lauten Aufschrei von mir fiel das dicke Buch aus meinen Händen und landete auf meinem Fuß. Wütend über mich selbst hockte ich mich auf den Boden und hielt meinen Fuß in meinen Händen. Die Flüche, die dabei in mir hochkam, versuchte ich zu unterdrücken und wieder runter zuschlucken. Schnell kam die Bibliothekarin angerannt und hielt mir etwas zum Kühlen hin. Dankend nahm ich es an und drückte es direkt auf die schmerzende Stelle.
Nach ungefähr zehn Minuten war mein Fuß von der Kälte so taub, dass ich ihn nicht mehr spürte, doch dafür tat er auch nicht mehr weh und dies war mir wichtiger. Vorsichtig stand ich wieder auf und stellte mich hinter den Buchwagen. Dort lagen die gerade zurückgelegten Bücher drinnen. Meine Aufgabe war es sie wieder in das richtige Regal zu stellen. In meinem Kopf rief ich mir den Plan der Bibliothek wieder mal auf und rollte den Wagen leicht humpelnd zum ersten Regal. Da stellte ich dann die Bücher für das Regal wieder an ihre Plätze, dafür musste ich zwar etwas suchen, aber ich kannte mich hier zum Glück ziemlich gut nach all den Jahren aus und deswegen dauerte es nicht einmal halb so lange wie noch vor vier Jahren.
Denn vor vier Jahren habe ich hier angefangen zu arbeiten. Damals war es gerade Trend als Jugendlicher einen Teilzeitjob zu besitzen und ich bin diesem Trend nach gelaufen. Doch nichtmal nach einem Jahr war auch dieser Trend vorbei und nach einander schmissen meine ganzen ehemaligen Mitschüler ihren Job. Nur ich arbeitete weiter und heute bin ich wirklich froh darüber. Denn über die vielen Jahre habe ich schon ein kleines Sümmchen zusammen gespart und nun konnte ich mir zum Studiumsbeginn eine eigene Wohnung leisten. Meine ganzen ehemaligen Mitschüler mussten entweder bei ihren Eltern auf den Geldhahn drücken oder einfach direkt Zuhause wohnen bleiben. Doch nicht ich, denn ich hatte in paar Wochen eine eigene Wohnung in der Nähe des Zentrums. Dann wäre ich nicht mehr auf das Geld meiner Eltern angewiesen und müsste nicht mehr nach ihren Regeln spielen.
Mit dieser Meinung war ich wohl einer der wenigen jungen Bewohner unserer Stadt, die meisten folgten liebend gern den Regeln ihrer Eltern, aber ich freute mich schon seitdem ich ein kleines Kind bin darauf endlich ausziehn zu können. Denn ich wollte mein Leben selber leben und so führen wie ich wollte.
Keinen Streit anfangen müssen, sobald ich etwas trug, was aus der Mode war. Nicht jeden Tag den Launen meiner Mutter ausgesetzt sein müssen.
Doch wenn mich jemand danach fragte, wäre die Antwort anders. Ich würde sagen, dass ich, auch wenn ich auszog, immer noch versuchen würde möglichst häufig bei meinen Eltern vorbeizuschauen und dass ich am liebsten dort wohnen bliebe, bis ich meine eigene Familie gründe. Nur wäre all das eine Lüge und ich würde es trotzdem tun, denn das war mein Fehler.
Mein Fehler war es diese Freiheit zu suchen. Deswegen war ich nicht nur das Mädchen der Logik, sondern auch das Mädchen der Bücher. Aus diesem Grund habe ich früher meine Nase liebend gerne in Bücher gesteckt. Aus diesem Grund war ich vorgestern auf dem Dach glücklich.

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