Es klingelte an der Tür und meine Mutter stand vom Abendbrotstisch auf. Eigentlich war es nicht wirklich üblich innerhalb der Abendbrotszeit gestört zu werden. Normalerweise sind um die Zeit herum alle zu Hause bei der Familie und aßen zu Abend. Aber sie ließen sich davon nicht ablenken und aß einfach weiter. Meine Mutter hatte für den heutigen Abend Lasagne gekocht und jeder liebte das Essen, vor allem ich liebte die Lasangne meiner Mutter. Genüsslich steckte auch ich mir meine nächste Gabel in den Mund, bevor ich mir auch schon mein zweites Stück auflud.
Nach ein paar Minuten erschien auch meine Mutter wieder am Tisch. Jemand hatte sich an der Tür geirrt, erklärte sie ihrer Familie. Danach setzte sie sich wieder an den Tisch und nahm ihre Gabel wieder in die Hand. Dabei beobachtete ich sie ganz genau. Normalerweise würde sie sich jetzt aufregen, dass man doch bitte die Hausnummern nicht vertauschen konnte und dass man uns doch bitte nicht beim Abendessen stören sollte. Sie würde sich aufregen und mein Vater würde sie wieder beruhigen. Ich würde so tun, als würde mich das alles nicht interessieren. Doch es war nicht so. Sie setzte sich einfach so hin und aß weiter, als wäre nichts passiert. Auch mein Vater schien ihr untypisches Verhalten zu verwundern. Es war ihr einziger Fehler den sie zuließ. Sonst versuchte sie immer perfekt zu sein und sich gesittet zu verhalten, doch diese kleinen Ausraster konnte sie eigentlich nie unterdrücken.
Scheinbar spielte zurzeit die ganze Stadt verrückt. Ein Wächter versuchte ein Mädchen zu vergewaltigen, ich wurde selbst leicht belästigt, dann rettete ein Unwürdiger mir zweimal meine Haut und nun blieb meine Mutter bei einer Störung ganz gesittet.
Doch ich versuchte einfach meine Verwirrung nicht zu deutlich nach außen zu zeigen und aß einfach weiter. Ich versuchte einfach normal weiter zu machen, als wäre wieder mal nichts geschehen. Mein Vater tat das selbe und versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen. Das Gespräch verlief zwar zäh und nur holprig, aber zumindest war es nicht mehr komplett still im Esszimmer.
Nach dem Essen setzten wir uns zu dritt ins Wohnzimmer und schauten uns die Abendnachrichten an. Das war ein Ritual bei uns, jeden Abend saßen wir hier und schauten uns die Nachrichten an. Jeden Abend werden kurze Ausschnitte der Festnahme von Neuunwürdigen gezeigt. Dabei werden die Neuunwürdigen von einer besonderen Abteilung von Wächtern abgeführt und in eine Einrichtung transportiert. Dort bekommen sie noch eine kurze Verhandlung und wenn sie verlieren, wurde ihnen eines der Wohnheime des Nordviertels zu geordnet.
Theoretisch konnten sie nach der Verhaftung also wieder als Würdige nach Hause gehen, solange sie die Verhandlung gewinnen würden. Doch immerhin wurden sie nicht ohne Grund verhaftet und so war es meiner Meinung nach kein Wunder, dass seit einer halben Ewigkeit niemand zu Unrecht angeklagt wurde. Wäre dies nämlich der Fall, müsste doch eigentlich der Ankläger angeklagt werden, weil er gelogen haben muss und die Lüge ein Zeichen der Unwürdigkeit war. So stand es in den fünf Regeln.
Deswegen war der Teil der Verhandlung im Ganzen ziemlich unnötig, dies war zumindest meine Meinung, aber es gab genug Bewohner die das nicht so sahen wie ich. Ihrer Meinung nach war es nämlich gegen die Regeln jemanden keine Chance zu geben sich zu verteidigen. Doch für mich war klar, dass jeder Angeklagte seine Chance schon mit dem Regelverstoß vertan hatte.
Nach den Nachrichten schauten wir noch einen Film, bevor ich nach oben verschwand. Schnell ließ ich meine Sachen fallen und stieg unter die wärmende Decke.
Ich schloss meine Augen und versuchte meine Gedanken abzuschalten, doch irgendwie klappte das nicht so gut wie sonst. In einem Zug zogen die Gedanken in Form von kurzen Bildern vor meinem inneren Augen vorbei.
Es war ein bisschen so, als würde man ein Video anschauen, dass die ganze Zeit vorgespult wurde. Genau so erschienen mir meine Gedanken in meinem Kopf. Ich erinnerte mich an Dinge, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren.
Als ich zum Beispiel an den Gesichtsausdruck meiner Mutter zurück dachte, fiel mir auf, wie verängstigt und verwirrt sie selber aussah. Mir schien es immer unglaubwürdiger, dass sich nur jemand an der Tür geirrt hatte, irgendjemand war an der Tür und überbrachte wahrscheinlich eine Nachricht. Aber um was es ging, konnte ich mir einfach nicht erklären. Es schien so glaubhaft. Schon häufiger hatte sich jemand in der Tür geirrt. Das kam daher, dass wir die Hausnummer 73 hatten und unsere Nachbarn 73a. Diese Verteilung der Hausnummern war sehr ungewöhnlich und so kam es häufiger zu Verwechslungen. Das lag daran, dass das Haus unserer Nachbarn erst nach unserem und dem der Bewohner der Häuser 74 und 75 gebaut wurde. Damit das Haus auch eine Hausnummer bekam, wurde das Haus nun einmal zum Haus 73a.
Aber wie gesagt normalerweise reagierte meine Mutter anders auf die Verwechslung und noch nie war ihr Gesichtausdruck so schokiert danach.
Diese Gedanken beschäftigten mich noch länger und so schlief ich erst spät ein.Tief in der Nacht, draußen war es komplett düster, wachte ich wieder auf. Ich wusste, dass es nach drei Uhr morgens sein musste, weil die Straßenlaternen runtergedimmt wurden. Dies geschah nämlich erst nach drei Uhr. Um diese Zeit wurde automatisch jede zweite Laterne in Wohngebieten des Südviertels ausgeschaltet und die Restlichen so eingestellt, dass sie nicht mehr so hell leuchteten. Ich wusste nicht genau, ob das auch in den anderen Vierteln geschah. Nach zwei Uhr verließ niemand mehr seine Häuser. Das war nicht so üblich, das war gegen die Norm. Auch wenn man feiern ging, kehrte man spätestens um halb drei zurürck und das war schon verdammt spät. Wenn ich feiern gehe, war ich meistens schon zwischen halb zwei und zwei Zuhause.
Vielleicht war das früher nicht so. Das glaubte ich sogar fest, da ich meinte mich an etwas erinnern zu können, wo darauf stand, dass manche die Nächte durch machten. Doch dies war schon Jahre her, das war noch vor dem Paradies. Mehr als die Hälfte der Menschen war da noch unwürdig und wenn sie es da noch nicht waren, wurden die Meisten noch dazu. Es war eine Schande und doch was es früher normal.
Was bedeutete das Wort normal eigentlich? Wenn man vom normalen sprach, sprach man direkt von der Verhaltensweise der Allgemeinheit, aber war normal sein dadurch gut oder war es dadurch nicht eigentlich schlecht. Denn sobald die Allgemeinheit als die Normalität Fehler machte, wurde das Wort normal doch zu etwas schlechten. War es deswegen falsch der Normalität nachzueifern, sich daran zu orientieren? Und war es dadurch nicht eigentlich gut sich mal nicht normal zu verhalten, Regeln zu brechen?
Plötzlich bildete sich eine strengstens verbotene Frage in meinem Kopf: War es dadurch nicht insgesamt schlecht blind Regeln zu befolgen?
Denn auch mir war klar, dass wir dies teilweise taten. Doch es konnte doch nicht schlecht sein, wenn dafür die ganze Gesellschaft sich vorbildlich und perfekt verhielt. Immerhin gab es schon beim ersten Paradies eine Regel und auch da wurden die beiden Bewohner verscheuchte, als sie die eine Regel gebrochen hatte. Es konnte also nicht so schlecht sein, wenn man Regeln befolgte. Aber was war, wenn dem nicht so war...
Ohoh, an was denkt Cyana denn da? Aber nun mal an euch, was sagt ihr zu ihren Fragen. Wie würdet ihr sie beantworten?~Liv
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Paradise
Science FictionWie sieht das Paradies aus? Ich kann es euch sagen. Im Paradies gibt es genau fünf Regeln. Brichts du eine davon, dann verschwindest du aus unseren Reihen. Diese Regeln machen das Paradies aus. Sie machen es perfekt. Kein Ort der Welt ist so wie uns...