Kapitel 11

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Morwen hatte erwartet, dass Tauriel zuerst das Zimmer betreten würde, doch es war ein dunkelhaariger Elb, der nun durch die Tür trat und sie gleich hinter sich wieder schloss.

„Wie du zweifellos vermutest, bin ich Elrond", stellte er sich vor, „ich habe Tauriel gebeten, draußen zu warten, damit wir uns ungestört unterhalten können."

Morwen betrachtete Elrond aufmerksam. Mehr als nur einmal - so erinnerte sie sich - hatte ihr Vater von diesem Halbelben erzählt, und Morwen erinnerte sich, dass er jedes Mal furchtbar wütend geklungen hatte. Doch als sie nun in die ernsten Augen ihres Gegenübers blickte, verspürte sie keine Wut in sich.

„Ich muss gestehen, dass ich recht verwundert bin, dich hier in Imladris begrüßen zu dürfen, Morwen", unterbrach Elrond ihre Überlegungen.

„Es heißt, ihr besäßet die Gabe der Voraussicht", entgegnete Morwen, „und dennoch habt Ihr es nicht gewusst?"

Elrond blickte sie interessiert an. „Und anscheinend ruhen noch weit mehr Überraschungen in dir. Ich hätte nicht erwartet, dass du davon weißt."

„Mein Vater hat es mir erzählt", murmelte Morwen, ohne den Halbelben anzublicken.

„Ich wusste tatsächlich, dass dein Weg dich eines Tages in dieses Tal führen würde."

Erstaunt blickte Morwen Elrond an.

„Doch ich zweifelte daran, ob dieser Tag tatsächlich eintreten würde. Und doch bist du nun hier." Elrond schwieg.

„Und was gedenkt Ihr nun zu tun? Bin ich Eure Gefangene?" Ein Hauch von Stolz stieg in Morwen auf, da sie spürte, dass ihre Stimme nicht zitterte. Vater hat mich stets ermahnt, von Feinden keine Schwäche zu zeigen, erinnerte sie sich, aber warum nur sehe ich in Elrond keinen Feind? Er verbündete sich damals mit den Menschen, Vater hat gegen ihn gekämpft, und doch verspüre ich keinen Hass gegen ihn.

„Du bist ein Gast, keine Gefangene", berichtigte Elrond sie, und Morwen war erstaunt, wie sanft seine Stimme klang. „Wenn du Imladris wieder verlassen möchtest, steht es dir frei, dies zu tun."

„Aber..." Morwen traute ihren Ohren kaum. „Obwohl Ihr wisst, wer ich bin?"

Elrond nickte. „Mein Herz sagt mir, dass du niemandem schaden möchtest", erklärte er leise, „und es wäre nicht recht, dich aufgrund deines Vaters zu verurteilen. Du bist auch eine Elbin, nicht nur seine Tochter."

Morwen blickte ihn sprachlos an. Denkt er etwa, ich könne eine Verbündete der Elben werden?, fragte sie sich, glaubt er, dass ich mich jemals gegen meinen Vater wenden könnte?

„Vielleicht sollte ich dir erlauben, in Ruhe über meine Worte nachzudenken." Elrond wandte sich wieder zum Gehen. „Du kannst dich selbstverständlich frei in Imladris bewegen, es gibt sicher viele Orte, die Tauriel dir gern zeigen möchte." Er öffnete die Tür, doch er warf Morwen noch einen letzten Blick zu. „Und vergiss nicht, dass du uns jederzeit verlassen darfst", erinnerte er sie, „auch wenn ich hoffe, dass du dich hier wohlfühlen kannst."

Mit diesen Worten verließ er den Raum endgültig und ließ Morwen vollkommen verwirrt zurück.

Doch ihr blieb kaum Zeit, um über Elronds Wort nachzudenken, denn schon öffnete sich die Tür erneut und Tauriel trat herein. In ihren Armen trug die Waldelbin einen so großen Korb mit essbaren Dingen, dass Morwen grinsen musste. Fast schien es, als wolle Tauriel sie eine ganze Woche lang ernähren.

„Warum wollte Elrond allein mit dir sprechen?", erkundigte Tauriel sich nun, während sie sich neben Morwen auf dem Bett niederließ und ihr den Korb reichte.

„Wahrscheinlich wollte er mich einfach kennenlernen." Es tut mir leid, dass ich dir nicht die Wahrheit sagen kann.

Nur ungern verschwieg Morwen ihrer Freundin den wahren Grund für das Gespräch mit Elrond, doch sie war viel zu durcheinander, um Tauriel ausgerechnet jetzt über ihre Herkunft aufzuklären.

Tauriel nickte nur. „Iss etwas", drängte sie ihre Freundin, „du musst wieder zu Kräften kommen."

Morwen wandte ihre Aufmerksamkeit dem Korb zu und fischte geschickt einen Apfel heraus. Tatsächlich hatte sie sich in einer stillen Ecke Dol Guldurs einen winzigen Garten angelegt, in dem auch ein Apfelbaum gestanden hatte. Doch mit der Erinnerung an diesen Ort kehrte auch das Wissen zurück, dass ihr Vater verschwunden war und sie nicht wusste, wo sie nach ihm suchen sollte.

Trotzdem aß Morwen den Apfel, doch er wollte ihr nicht richtig schmecken. Sie stellte den Korb beiseite, ohne Tauriels vorwurfsvolle Blicke zu beachten.

„Ich brauche dringend ein bisschen Bewegung", stellte Morwen fest, „möchtest du mir nicht Imladris zeigen?"

Begeistert leuchteten Tauriels Augen auf und sie lief zur Tür. „Natürlich. Komm mit."

Morwen, Tochter SauronsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt