Langsam brach die Nacht hinein, doch Morwen bemerkte es kaum. Noch immer blickte sie auf das Meer hinaus, obwohl das kleine Schiff, das Tauriel nach Valinor bringen würde, längst verschwunden war. Ein kühler Windstoß wehte die filigrane Kette um ihren Hals ein Stück in Richtung ihrer linken Schulter und ohne es wirklich wahrzunehmen schob Morwen sie wieder an ihren Platz zurück.
Gedankenverloren wandte Morwen ihren Blick zum Himmel und sah, dass sich bereits die ersten Sterne schimmernd vom dunklen Himmel abhoben. Im Westen konnte sie ein Sternbild entdecken, das sie an einen Krieger erinnerte und ihr fiel ein, dass sie diesen schon einmal gesehen hatte. Es war ihre erste und einzige Reise gewesen, die sie jemals mit ihrer Mutter unternommen hatte und sie war noch sehr jung gewesen. Doch nun fiel ihr auch der Name dieses Sternbilds wieder ein: „Menelmacar", der Himmels-Schwertkämpfer, so hatte Edhellos es genannt. Stets stand er im Westen, so entsann Morwen sich mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.
Ein leises Knurren lenkte sie von ihren Gedanken ab. Sanft stieß Dûr die Elbin mit ihrer Schnauze an. Morwen seufzte leise. „Ich weiß, Dûr, du möchtest aufbrechen. Aber lass uns noch kurz hierbleiben, einen kurzen Moment nur."
Die Wargin knurrte etwas lauter und schob Morwen ein Stück herum, sodass ihr Blick Richtung Südosten fiel. Dort konnte sie eine Reihe von Lichtern erkennen, die sich langsam auf sie zu bewegte.
„Das werden wohl Elben sein, die ebenfalls nach Westen segeln wollen." Erneut entwich Morwen ein Seufzer. „Du hast ja recht, wir sollten sofort aufbrechen."
Mit einer fließenden Bewegung schwang sich die Tochter Saurons auf Dûrs Rücken. Und wohin sollen wir uns jetzt wenden? Ich möchte nicht schon wieder Elben begegnen. Vielleicht sollten wir nach Norden reisen, dort leben nur wenige Menschen.
„Wir reisen nach Norden", flüsterte sie der Wargin ins Ohr und Dûr knurrte zustimmend. Gleichmäßig setzte sie sich in Bewegung und die beiden verschwanden in der Dunkelheit, noch ehe die herannahenden Elben die Möglichkeit hatten, sie zu entdecken.
Morwen war überrascht, wie ruhig das Land so weit im Westen war. Während sie der Küstenlinie folgten, begegneten die beiden niemandem, keinem Elben, keinem Menschen und auch keinem Ork. Es schien, als schliefe das gesamte Land. Erinnerungen an das rege Treiben in Dol Guldur wurden in Morwen wach. Niemals war es dort wirklich still gewesen, stets waren die Diener ihres Vaters ein- und ausgegangen, jedes Mal mit einem neuen Auftrag, den sie zu Saurons Zufriedenheit zu erledigen hatten.
Doch so fremd ihr die Stille auch war, Morwen genoss es, einfach allein durch die Dunkelheit zu reiten. Immer wieder glitt ihr Blick hinaus aufs Meer und sie musste erneut den Wunsch bekämpfen, ebenfalls ein Schiff zu besteigen und Tauriel zu folgen.
Als könnte sie die Gedanken ihrer Freundin spüren, wandte Dûr sich plötzlich ein Stück nach Osten und verschwand in einem kleinen Wald, sodass Morwen das Meer schon kurz darauf hinter den Bäumen nicht mehr erkennen konnte.
Die gesamte Nacht hindurch hing Morwen ihren eigenen Gedanken nach und achtete kaum darauf, wohin Dûr sie trug. Erst, als es schon begann, wieder hell zu werden, sah sie ihre Umgebung an. Es war ein lichter Wald, in dem sie sich gerade befanden, mit hellgrünen Blättern an den Bäumen und vielen kleinen Tieren, die eilig im Gebüsch verschwanden, als sie die Wargin entdeckten.
Zwischen einigen Felsen konnte Morwen einen geschützten, dunkeln Platz erkennen und sie bedeutete Dûr, dort anzuhalten. Die kleine Höhle, die zwischen den Felsen entstanden war, bot genug Platz für die beiden Reisenden, und nachdem Morwen sicher war, dass Vorbeikommende sie nicht sofort sehen würden, legte sie sich neben Dûr, die nach dem langen Ritt müde war und bereits schlief. Morwen lehnte ihren Kopf an die Flanke ihrer Wargin und das sanfte Atmen beruhigte auch sie. Kurz später war auch die Elbin in einen tiefen Schlaf gefallen.
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Morwen, Tochter Saurons
FanfictionNachdem ihr Vater Sauron durch Galadriels Macht aus seinem kurzzeitigen Zuhause Dol Guldur vertrieben wurde, ist Morwen allein. Sie muss lernen, sich in einer fremden Welt zurechtzufinden und nach Möglichkeit geheimzuhalten, wer sie wirklich ist. Ab...
