Kapitel 12

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Die Tage vergingen. Obwohl Morwen Imladris zunächst nicht hatte betreten wollen, fiel es ihr nun schwer, an die Abreise aus diesem Tal zu denken. Ja, das Reich der Elben hatte begonnen, ihr zu gefallen.

Tauriel hatte in den Tagen, an denen Morwen tief geschlafen hatte, bereits viel von Imladris gesehen und Morwen all die Orte gezeigt, die sie in dieser Zeit lieben gelernt hatte.

Dann jedoch war ein Reiter in Imladris eingetroffen und hatte von einer Gruppe Orks berichtet, die sich Imladris vom Osten her näherte. Glorfindel war es gewesen, dem Elrond den Auftrag erteilt hatte, gegen diese Orks vorzugehen. Der blonde Elb wiederum hatte Morwen und Tauriel angeboten, ihn auf die Jagd nach Orks zu begleiten. Morwen hatte sofort abgelehnt, woraufhin Glorfindel sie missbilligend angesehen hatte. Tauriel hingegen war am frühen Morgen mit Glorfindel und zwanzig anderen Elbenkriegern aufgebrochen.

Ich wünschte, sie wäre geblieben. Es verwunderte Morwen kaum, dass sie die andere Elbin schon vermisste, obwohl Tauriel erst seit wenigen Stunden fort war. Schließlich war sie die einzige Freundin, die Morwen jemals gehabt hatte - natürlich abgesehen von Dûr.

Die Wargin vermisste Morwen ebenfalls schmerzlich. Doch sie wagte es nicht, jenseits der Grenzen von Imladris nach Dûr zu suchen, denn sie befürchtete, so die Elben zu ihrer Freundin zu führen.

So ging Morwen nun schon den ganzen Tag allein in Imladris spazieren. Doch die Schönheit des Tales schien gemindert, nun, da sie ihre Begeisterung über diesen Ort mit niemandem mehr teilen konnte.

Zu ihrer Linken bemerkte Morwen plötzlich einen schmalen Weg, von dem sie sich nicht erinnern konnte, ihn jemals gegangen zu sein. Neugierig geworden sah sie sich kurz um, ob jemand sie beobachtete. Als sie niemanden entdecken konnte, wandte sie sich nach links und begann, dem Weg zu folgen.

Die Zeit verging, und lange sah Morwen zu ihren Seiten nichts außer Bäumen. Dann jedoch hörte sie auf einmal leise Stimmen.

Langsam, darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, ging Morwen weiter, bis sie eine kleine Lichtung erblickte, in deren Mitte ein steinerner Tisch stand. Und um diesen Tisch herum saßen vier Personen, zwei Elben und zwei alt wirkenden Männer, die Morwen nach kurzem Überlegen als Zauberer erkannte. Einer der beiden Elben, so sah sie, war Elrond selbst, und ihm gegenüber saß eine Elbenfrau mit langen blonden Locken.

Sie ebenso wie die beiden Zaubere kamen Morwen seltsam bekannt vor. Sie überlegte einen Moment, dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Alle, die auf dieser Lichtung versammelt waren, waren in Dol Guldur gewesen, an jenem Tag, an dem ihr Vater von dort vertrieben worden war. Zwar hatte Morwen sie alle nur aus sicherer Entfernung betrachten können, doch sie war überzeugt, dass sie sich nicht irrte.

Angestrengt spitzte die Tochter Saurons die Ohren.

„Ihr hättet uns sagen müssen, dass sie sich hier aufhält, Elrond." Morwen sah, dass es der Zauberer in der weißen Robe war, der gerade sprach. Seinem Tonfall konnte sie entnehmen, dass er gerade äußerst verärgert war. „Sie stellt eine Gefahr für jeden in ganz Mittelerde dar."

„Ihr irrt Euch, Saruman", widersprach Elrond, „sie mag die Tochter Saurons sein, doch sie hat kein böses Herz."

Morwen erstarrte. Sie sprechen über mich. Aber woher wissen die anderen, dass ich hier bin?

„Ich gebe Herrn Elrond recht." Der andere Zauberer, der ganz in Grau gekleidet war, schien weniger feindselig eingestellt zu sein als Saruman. „Hätte sie den Bewohnern von Imladris Schaden zufügen wollen, so hätte sie es längst getan."

Elrond nickte dankbar in seine Richtung. „Danke, Mithrandir."

„Dennoch verstehe ich nicht, warum Ihr uns nicht benachrichtigt habt." Saruman schien noch immer nicht besänftigt zu sein. „Es war nicht richtig, ihr einen Aufenthalt in Imladris zu gewähren, ohne es mit uns abzusprechen."

„Es war das Beste, was Elrond tun konnte." Zum ersten Mal meldete sich die blonde Elbin zu Wort.

Saruman blickte sie verwundert an. „Wie meint Ihr das, Frau Galadriel?"

„Er hat ihr gezeigt, dass wir nicht ihre Feinde sind."

Morwen hörte die Antwort der Elbin kaum. Galadriel. Sie ist die Einzige aus dem Volk der Elben, die Vater fürchtete, erinnerte sie sich, er sagte immer, dass kein Elb in Mittelerde über eine Macht verfügt wie sie. Und er warnte mich, dass sie die Gedanken anderer Personen lesen kann. Sie erschauderte bei dem Gedanken. Ich sollte mich von ihr fernhalten.

„Vielleicht solltet Ihr sie in Eure Obhut nehmen, Frau Galadriel", schlug Saruman nun zu Morwens Entsetzen vor, „Ihr seid in der Lage, sie zu kontrollieren."

Morwen wartete die Antwort der anderen auf diesen Vorschlag erst gar nicht ab. Vollkommen geräuschlos wandte sie sich um und ging den Weg zurück, den sie gekommen war.

Sobald sie außer Hörweite war, begann Morwen zu rennen. Manche Elben, denen sie begegnete, sahen sie verständnislos an, doch Morwen achtete nicht darauf.

Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht: Das Zimmer, in dem Tauriel und sie seit ihrer Ankunft in Imladris wohnten. Nur Elronds Freundlichkeit hatte Morwen es zu verdanken, dass Nachtklinge sich wieder sicher in der Obhut ihrer Besitzerin befand. Auch ihre alte Kleidung hatte sie gewaschen und ausgebessert zurückbekommen und schnell tauschte Morwen diese gegen das unpraktische Kleid aus und band sich ihr Schwert um.

Leise öffnete sie die Tür. Niemand war zu sehen, also ging Morwen möglichst leise durch das Gebäude, bis sie wieder im Freien war. Von da an wurde es schwieriger, den zahlreichen Elben auszuweichen, die in Imladris umhergingen, doch Morwen wollte ihre Abreise geheim halten.

Schon fast hatte sie die Brücke erreicht, die über den Bruinen führte, als sie plötzlich Pferdehufe hörte. Bevor Morwen sich verstecken konnte, ritten die Elbenkrieger, die am frühen Morgen ausgezogen waren, über die schmale Brücke auf sie zu.

„Eledhwen", grüßte Glorfindel kühl, „was habt Ihr vor?"

„Ich muss aufbrechen", erwiderte Morwen knapp.

„Aber du wolltest doch nicht etwa ohne mich gehen." Tauriel glitt von einem schwarzen Pferd hinunter und eilte auf ihre Freundin zu.

„Willst du mich denn begleiten?" Morwen sprach leise, damit die anderen Elben ihre Worte nicht vernehmen konnten.

Tauriel warf einen sehnsüchtigen Blick nach Imladris hinein. „Ich wusste, dass ich nicht ewig hierbleiben würde", murmelte sie, „dann ist es nun wohl an der Zeit, dass sich meinem Schicksal folge."

Morwen blickte Tauriel fragend an. „Wie meinst du das? Was hast du vor, Tauriel?"

„Das ist jetzt noch nicht wichtig", wich Tauriel ihr aus, „aber meinetwegen können wir aufbrechen."

Sie blickte Glorfindel an. „Bitte richtet Herrn Elrond meine Dankbarkeit für seine Gastfreundschaft aus." Sie warf einen Seitenblick auf Morwen. „Unsere Dankbarkeit", verbesserte sie sich.

„Ich hatte gehofft, dass Ihr uns nicht wieder verlassen würdet." Glorfindel klang betrübt.

„Es ist notwendig." Tauriel blickte Morwen an und die beiden wandten sich zum Gehen.

„Namarie, Glorfindel." Tauriel schenkte dem blonden Elben ein letztes freundliches Lächeln.

Dann wandte auch sie sich endgültig ab und schweigend liefen die Freundinnen zur Grenze von Imladris.

Dort angekommen pfiff Morwen leise und kurz später kam Dûr auf sie zu.

Morwen sah Tauriel an. „In welche Richtung willst du nun reisen? Noch immer nach Westen?"

Tauriel nickte. „Du wirst erkennen, wenn ich am Ziel meiner Reise angelangt bin", murmelte sie.

Morwen, Tochter SauronsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt