Misstrauisch beäugte Morwen die steilen Felswände, die neben ihrem Weg aufragten. Sie mussten schon ganz nah an Moria sein, wenn sie Gimlis Vorfreude und Gandalfs wachsende Unbehaglichkeit richtig deutete.
Seufzend blickte sie hinauf zum Himmel, der sich langsam verfinsterte. Die Sonne war noch nicht lange untergegangen, doch es fiel kaum noch Licht bis zu ihnen herab. Irgendwie ist es unheimlich hier. Gar kein Grün entlang des Weges, das habe ich seit meiner letzten Abreise aus Mordor nicht mehr erlebt. Und diese Stille. Klar, welches Lebewesen verirrt sich auch freiwillig hierher. Nun ja, außer uns.
„Sieh nur, Morwen." Legolas, der bisher am Ende der Gemeinschaft gegangen war, hatte zu ihr aufgeschlossen. „Dort, halb im Nebel verborgen."
Morwen kniff die Augen zusammen und spähte aufmerksam in die Richtung, in die Legolas wies. „Sind das Ruinen?"
Legolas nickte. „Das müssen einst die Befestigungsanlagen von Moria gewesen sein."
„Du warst nie hier?", erkundigte sich Morwen.
„Nein." Legolas schüttelte den Kopf. „Ich habe Moria nicht besucht, als das Zwergenreich hier noch in seiner Blüte stand. Mein Vater ist kein Freund dieses Volkes." Er senkte die Stimme. „Und ich könnte auf ihre Gesellschaft auch verzichten, denke ich."
„Doch Gimli ist bis auf seine Starrköpfigkeit keine schlechte Gesellschaft", erwiderte Morwen, „aber ich bin wirklich gespannt, wie es sein wird, einer größeren Gruppe von ihnen zu begegnen."
„Anstrengend", prophezeite Legolas mit einem leisen Seufzen.
Morwen ließ ihren Blick abermals über die Ruinen gleiten, die mit jedem Schritt deutlicher aus dem Nebel auftauchten. Die Ausläufer dieses Reichs waren offenbar prächtig und stark befestigt. Wie wird es innen aussehen? Obwohl die Vorstellung, tief unter die Erde zu gehen, ihr noch immer nicht behagte, spürte Morwen doch eine zarte Neugier in sich aufsteigen. Wer weiß, was wir für Schätze zu Gesicht bekommen werden. Welch wunderschöne Dinge es dort wohl geben mag? Natürlich, Zwerge sind schwierige Zeitgenossen, doch ihre Handwerkskunst ist legendär.
„Gandalf und Frodo sind stehengeblieben", bemerkte Legolas, „sie scheinen über irgendetwas zu sprechen."
Unwillkürlich spitze Morwen die Ohren, doch die beiden waren zu weit entfernt, um ihre Worte zu vernehmen, selbst mit dem scharfen Gehör der Elben. Doch das dumpfe Pochen in ihrem Kopf ließ sie ahnen, worum es ging.
„Ich vermute, Gandalf wird Frodo warnen", murmelte sie, „die Macht des Ringes wächst."
Legolas blieb stehen und sah sie besorgt an. „Das kannst du spüren?"
Morwen lächelte müde. „Er ist schon stark genug, um mir Kopfschmerzen zu bescheren." Sie seufzte leise. „Der Ring weiß genau, wer ich bin. Ich bin über Sauron mit ihm verbunden, ob ich es nun will oder nicht. Ich fühle jede Veränderung seiner Ausstrahlung."
„Das ist doch gut?" Legolas wirkte auf einmal unsicher. „Dann kannst du uns warnen, wenn seine Macht zu stark wird."
„Falls diese Warnung noch rechtzeitig kommt. Und falls noch niemand hier seinem Einfluss erlegen ist." Morwen erschauderte. „Wir sollten weitergehen. Sonst verlieren wir die anderen noch."
Sie sah Legolas an, dass er noch etwas hatte sagen wollen, aber zu ihrer Erleichterung nickte der Elb nur stumm.
Sie folgten weiter dem Weg durch die Felsen. Schnell hatten sie die restliche Gemeinschaft eingeholt. Aragorn ging gerade an Gandalf und Frodo vorbei, die noch immer zusammenstanden. Boromir war vorangegangen, nun folgten Merry und Pippin. Als nächster kam Gimli, der ehrfürchtig stehenblieb, als er die kleine Anhöhe passierte, vor der Gandalf und Frodo Halt gemacht hatten.
„Seht!"
Nun hatten sie alle die Anhöhe erreicht und erblickten die wahrhaft majestätische Aussicht.
„Die Mauern von Moria", verkündete Gimli stolz.
„Unglaublich", murmelte Morwen, während sie dem Weg folgte, der nun wieder leicht bergab führte, „wie kann man so etwas erbauen?"
Gimli hatte sie gehört. „Nun, wir Zwerge sind wahre Meister der Baukunst", erklärte er stolz, „wir vermögen weit mehr, als ihr Elben euch auch nur vorstellen könnt."
Sanft klopfte er mit der Rückseite seiner Axt gegen das Gestein.
Morwen blickte ihn verwirrt an. „Was...?", hob sie zu fragen an und wurde sofort von Gimli unterbrochen.
„Ich suche die Tür."
Morwen zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Geschlossen sind Zwergentüren unsichtbar", erklärte er, während er mit dem Klopfen fortfuhr.
„Ja, Gimli", schaltete sich Gandalf ein, „und selbst ihre Meister können sie nicht finden, wenn ihr Geheimnis verloren ist."
„Das wundert mich nicht bei den Zwergen", murmelte Legolas, gerade laut genug, dass Gimli seine Worte verstehen konnte. Der brummte etwas Unverständliches in seinen Bart.
Ein Platschen, das unnatürlich laut in der absoluten Stille klang, ließ Morwen zusammenzucken. Frodo war einen Schritt von dem schmalen Weg abgekommen und mit einem Fuß in den dunklen See gerutscht, der sich neben ihnen erstreckte. Den habe ich vor lauter Felswand noch gar nicht wahrgenommen.
Längst war es dunkel geworden und Wolken bedeckten den Himmel.
Auch Gandalf beäuge aufmerksam die Felswand. „Ah", murmelte er auf einmal. Er fuhr einige feine Linien auf der Wand mit der Hand nach, die Morwen erst bei genauerem Hinsehen von den natürlichen Spalten und Rissen unterscheiden konnte.
„Ithildin", erklärte der Zauberer, „in ihm spiegeln sich nur Sternen- und Mondlicht."
Als hätten sie nur darauf gewartet, gaben die Wolken langsam den beinahe vollen Mond frei. Die Linien, die gerade noch wie unscheinbarer Fels ausgesehen hatten, begannen zu schimmern.
Das ist wunderschön. Morwen war wie gebannt, während die Tür immer deutlicher zu erkennen war. Neben sich spürte sie auch Gimlis Aufregung. Wie nur ist es möglich, dass eine einfache Tür solch Schönheit besitzt?
„Hier steht", unterbrach Gandalf die andächtige Stille, „die Türen von Durin, des Herrn von Moria. Sprich Freund, und tritt ein."
„Und was soll das bitte bedeuten?" Auch Merry starrte fasziniert auf die Zwergentür.
„Ganz einfach: Wenn du ein Freund bist, sage das Losungswort und die Tür wird sich öffnen."
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Morwen, Tochter Saurons
Fiksi PenggemarNachdem ihr Vater Sauron durch Galadriels Macht aus seinem kurzzeitigen Zuhause Dol Guldur vertrieben wurde, ist Morwen allein. Sie muss lernen, sich in einer fremden Welt zurechtzufinden und nach Möglichkeit geheimzuhalten, wer sie wirklich ist. Ab...
