Kapitel 20

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„Wer seid Ihr?", wollte Aragorn wissen, „und weshalb sucht ihr nach mir?"

„Mein Name ist Legolas", stellte sich der blonde Elb vor, „Sohn von Thranduil, dem König des Eryn Galen. Er war es, der mich auf die Suche nach Euch gesandt hat."

Aragorn neigte leicht den Kopf. „Und Eure Begleiterin?", fragte er dann.

„Ich bin Morwen", sagte sie etwas leiser, „und ich bin nur zufällig auf Legolas gestoßen."

Aragorn runzelte die Stirn. „Warum sendet ein so großer Elbenkönig seinen Sohn aus, um mich zu finden?", murmelte er und blickte Legolas fragend an.

„Ich weiß es nicht", gab Legolas zu, „ich würde vorschlagen, dass Ihr uns nach Imladris begleitet. Ich bin sicher, dass Elrond Euch alles erklären kann. Er weiß viel mehr als ich."

Er soll UNS nach Imladris begleiten? Ich habe keine Lust, dieses Tal schon wieder zu betreten. Dieses Mal wird Elrond vorsichtiger sein, vielleicht wird er mich wirklich Galadriel übergeben. Ich sollte lieber versuchen, ada zu finden.

„Morwen?" Legolas seufzte. „Worüber denkst du nur ständig nach? Kann es sein, dass du mir nie zuhörst?"

„Tut mir leid", murmelte Morwen, „aber es gibt momentan nun einmal viele Dinge, über die ich nachdenken muss."

Legolas blickte sie fragend an, doch Morwen ignorierte ihn. Schließlich seufzte der Elb leise.

„Wenn Ihr damit einverstanden seid, Aragorn, würde ich vorschlagen, dass wir noch heute nach Imladris aufbrechen", schlug Legolas vor.

„Es wäre besser, bis morgen zu warten." Aragorn sprach leise, doch bestimmt. „Wir würden es vor Anbruch der Nacht nicht aus diesen Wäldern herausschaffen und sobald die Dunkelheit hereinbricht, wimmelt es hier von Orks."

Legolas nickte. „Ihr kennt Euch hier sicherlich besser aus als wir."

„Euer Pferd könnt Ihr hier auf der Lichtung anbinden", bot Aragorn an. Sein Blick glitt zu Morwen. „Und was den Warg angeht..."

„Die Wargin", unterbrach Morwen hörbar genervt, „und sie hat auch einen Namen, Dûr. Ich würde sie am liebsten jagen lassen. Meint Ihr, das ist ungefährlich für sie?"

„Nur äußerst selten verlassen wir nachts den Schutz unserer kleinen Siedlungen. Vermutlich wird niemand sie bemerken."

Morwen nickte. „Gut. Du kommst wieder hierher, sobald es hell wird, nicht wahr, Dûr?"

Die Wargin knurrte leise, eine Zustimmung, wie Morwen vermutete. Dann wandte Dûr sich ab und lief in den Wald hinein.

„Wer lebt außer Euch noch hier?", fragte Morwen Aragorn, als Dûr außer Sichtweite war.

„Normalerweise sind wir zu fünft", erwiderte Aragorn, „doch drei von uns besuchen gerade ihre Familien. Außer mir ist gerade nur Turgil hier. Er sammelt gerade Feuerholz, er wird bestimmt bald wieder hier sein. Wenn es dunkel wird, werden wir uns an einem Feuer wärmen können."

Feuer! Das wird mich verraten. Legolas hat als Prinz gewiss von mir gehört. Ich muss mich von diesem Feuer um jeden Preis fernhalten. Morwens Gedanken rasten. Wenn doch nur Dûr hier wäre, dann könnte ich wenigstens fliehen, wenn er mich erkennt.

„Ihr seht besorgt aus." Morwen hatte nicht bemerkt, dass Aragorn sie aufmerksam beobachtete. „Wegen des Feuers müsst Ihr Euch keine Sorgen machen, es besteht keinerlei Gefahr, dass es auf die umliegenden Bäume übergreifen könnte."

Morwen nickte stumm. Wenn es nur das wäre.

„Aragorn!", erklang plötzlich ein Ruf, „warum hast du mir nicht gesagt, dass du Gäste erwartest?"

„Weil ich nichts von ihrem Kommen wusste, Turgil." Der Dúnadan wandte seinen Blick nach rechts, während dort ein weiterer Waldläufer auf die Lichtung trat.

„Das sind Legolas und Morwen", stellte er die beiden Elben vor, „ich habe ihnen schon gesagt, dass du bald wieder hier sein würdest."

Turgil lächelte sie über den Stapel Holz, den er trug, freundlich an. „Was führt zwei Elben denn so weit in den Norden?"

„Sie haben nach mir gesucht." Noch immer klang Aragorns Stimme so, als könne er es kaum glauben.

„Wirklich?" Turgils Augen weiteten sich erstaunt.

Morwen beschloss, dass sie nicht noch einmal dieselbe Unterhaltung wie kurz zuvor führen wollte, und so wanderte sie ein Stück in den Wald zu ihrer Linken hinein. Zwar spürte sie, dass Legolas davon nicht besonders begeistert zu sein schien, doch das war ihr im Moment gleichgültig. Als sie sich außer Sicht- und Hörweite befand, setzte sie sich auf einen Baumstumpf und lehnte sich erschöpft an den nebenstehenden Baum.

Warum nur musste ich ausgerechnet auf den Prinzen des Düsterwaldes treffen? Tauriel mag akzeptiert haben, wer ich bin, aber Thranduil hat ada durch seine Einmischung am Erebor ziemlich wütend gemacht. Wäre er nicht gewesen, hätten die Zwerge den Berg niemals halten können. Und Thranduil weiß bestimmt von mir, was also, wenn er seinem Sohn davon erzählt hat? Wenn Legolas mich erkennt, wird er mein Feind werden. Und ohne Dûr in meiner Nähe werden auch die Dúnedain es zweifellos wagen, sich gegen mich zu stellen. Und dann?

Lange saß Morwen dort und hing ihren Gedanken nach, bis sie plötzlich Schritte vernahm.

„Es wird bald dunkel", hörte sie Aragorn sagen, als er sie entdeckt hatte, „wollt Ihr nicht wieder zu uns kommen? Hier ist es nachts nicht sicher."

Für mich ist es sicherer hier.

Als Morwen nicht antwortete, trat der junge Mann ein Stück näher an sie heran. „Hat einer von uns Euch gekränkt, dass Ihr nun die Einsamkeit sucht?", fragte er besorgt.

Morwen schüttelte den Kopf. „Ich habe nur etwas Zeit zum Nachdenken benötigt", murmelte sie und stand langsam auf.

Sie spürte, wie Aragorns Blick ihr folgte, während sie sich langsam wieder auf den Weg zur kleinen Siedlung machte.

„Wollt Ihr nicht mitkommen?", fragte sie Aragorn, als sie sich schon einige Meter von ihm entfernt hatte.

Das entlockte dem Dúnadan ein Lächeln. „Natürlich komme ich mit."

Als Morwen und Aragorn die Lichtung erreichten, bemerkte die Elbin, dass Legolas anscheinend schon Ausschau nach ihnen hielt.

„Was hast du denn so lange im Wald getan, Morwen?", fragte er, als er sie erblickte.

„Nachgedacht."

Legolas runzelte die Stirn. „Du bist doch ständig in Gedanken. Wenn es irgendetwas gibt, das dich beunruhigt, kannst du darüber mit mir sprechen, das weißt du doch, nicht wahr?"

Ich wünschte, das wäre so.

Morwen seufzte leise. „Danke", murmelte sie dann, „das ist sehr freundlich von dir, Legolas."

Der Elb blickte sie noch einen Moment an, dann nickte er. „Komm mit ans Feuer", sagte er dann, „dort ist es wärmer als hier."

Aragorn ging sofort voraus, während Morwen einen Moment zögerte.

„Kommst du, Morwen?" Legolas' Stimme klang ein wenig ungeduldig.

Morwen nickte und ging langsam los.

Nun wird sich also zeigen, ob er mich erkennt.

Morwen, Tochter SauronsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt