„Elladan?", fragte Morwen leise, kurz bevor die Häuser der Elben in Sichtweite kamen, „wie kann es eigentlich sein, dass es hier immer so... so friedlich zu sein scheint? Ganz gleich, was geschehen ist, welche Sorgen man mit sich bringt, es fühlt sich so an, als würde irgendetwas in diesem Tal jede Last leichter machen."
„Imladris steht unter einem besonderen Schutz." Elladan schien ein wenig zu zögern, doch Morwen hatte nicht vor, ihn zu bedrängen.
Er hat noch immer keinen Grund, mir vollkommen zu vertrauen, mahnte sie sich in Gedanken, vergiss das nicht. Dieses Vertrauen wirst du dir selbst erarbeiten müssen.
„Ich bin sicher, mein Vater wird es dir erklären, wenn du ihn fragst und er die Zeit dazu gekommen sieht", antwortete Elladan nach einer Weile. Morwen nickte langsam und wandte ihren Blick wieder nach vorn, dorthin, wo zwischen den Bäumen die ersten Häuser sichtbar wurden.
Plötzlich hatte Morwen ein seltsames Gefühl. Was ist denn nun schon wieder los? Dûr wirkt plötzlich auch so unruhig.
Langsam ließ sie ihren Blick über die Häuser und die Elben schweifen, die sie sehen konnte. Dann blieb Morwens Blick plötzlich an zwei Elben mit blondem Haar hängen. Einer von ihnen stand mit dem Rücken zu ihr, doch den anderen erkannte sie sofort als Thranduil.
„Den Valar sei Dank", hörte sie Elladan plötzlich flüstern, „es war ja kaum noch zu ertragen, welche Sorgen sich Thranduil um seinen Sohn gemacht hat."
Morwen erstarrte. Deswegen also. „Legolas? Er ist hier?", fragte sie tonlos.
Elladan runzelte die Stirn. „Dort steht er doch." Besorgt sah er sie an. „Stimmt etwas nicht?"
„Ich weiß es nicht." Morwen ließ ihren Blick über den zweiten Elben wandern. Nun erkannte auch sie, dass es sich ohne Zweifel um Legolas handeln musste.
„Komm schon, Morwen." In Elladans Gesicht standen Freude und Erleichterung. Er ließ Lóme etwas schneller werden.
Dûr hingegen schien Morwens Unsicherheit zu spüren und drehte ihren Kopf ein wenig. „Na los", flüsterte Morwen leise, „wir werden uns nicht verstecken, nie wieder." Dûr knurrte leise eine Zustimmung, dann beschleunigte auch sie ihre Schritte ein wenig.
„Legolas! Mae govannen!" Auf Elladans Ruf hin drehte der blonde Elb sich um.
„Elladan. Es ist schön, dich zu sehen." Während Elladan von Lóme stieg, um seinen Freund zu begrüßen, wanderte Legolas' Blick ein wenig an ihm vorbei.
Morwen konnte die Überraschung auf seinem Gesicht auch aus der Entfernung erkennen. Ein wenig zögerlich setzte sie ihren Weg auf Dûr fort. Was wird er nun tun? Hält er mich noch immer für böse? Oder hat er seine Meinung geändert? Wird er mir wieder vertrauen können, wie früher? Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf.
Legolas begann, ihr entgegenzugehen. Ein Stück vor ihm ließ Morwen Dûr schließlich stehenbleiben und glitt von ihrem Rücken herunter.
„Morwen." Einen Moment lang sah Legolas sie nur an, dann legte er die rechte Hand über sein Herz und neigte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie ich dir jemals für das danken soll, was du getan hast. Wirst du mir mein Verhalten bei den Dúnedain verzeihen können?" Langsam richtete er sich wieder auf und grüßte sie auf die traditionelle, respektvolle Weise, die die Elben unter ihresgleichen verwendeten.
Morwen sah in Legolas Augen und erkannte, dass auch in ihnen große Dankbarkeit stand. Zögernd erwiderte sie seinen Gruß. „Ich hätte es mir nie vergeben, wenn ich anders gehandelt hätte", flüsterte sie dann.
„Und dennoch hast du dich damit selbst in Gefahr gebracht", mischte sich nun Thranduil ein, der unbemerkt herangetreten war, „und du hast mir meinen Sohn wiedergegeben. In meinem Königreich wirst du jederzeit willkommen sein."
„In Imladris ebenso", fügte Elladan hinzu. „Du musst dir keine Sorgen machen, Morwen, du wirst niemals allein sein."
„Ich danke euch." Morwen sprach vorsichtig, denn sie hatte plötzlich Angst, dass ihre Stimme versagen könnte. „Ich weiß, dass es für keinen von euch leicht war, mir zu vertrauen, aber ich möchte versuchen, mich dieses Vertrauens würdig zu erweisen." Sie schloss einen Moment die Augen und es schien ihr, als sähe sie plötzlich das Gesicht ihrer Mutter vor sich, die sie freundlich anlächelte. Langsam öffnete sie die Augen wieder. „Nun weiß ich endlich, wohin ich gehöre."
DU LIEST GERADE
Morwen, Tochter Saurons
FanfictionNachdem ihr Vater Sauron durch Galadriels Macht aus seinem kurzzeitigen Zuhause Dol Guldur vertrieben wurde, ist Morwen allein. Sie muss lernen, sich in einer fremden Welt zurechtzufinden und nach Möglichkeit geheimzuhalten, wer sie wirklich ist. Ab...
