Kapitel 26

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„Dort ist es." Morwens Stimme war kaum mehr als ein ehrfürchtiges Flüstern. „Dort beginnt Mordor."

Lange waren die beiden unterwegs gewesen, stets darauf bedacht, Begegnungen mit Menschen und den wenigen Elben, die sie aus weiter Ferne gesehen hatten, zu vermeiden.

„Wir sind zuhause", flüsterte Morwen in Dûrs Ohr.

Langsam setzte die Wargin sich in Bewegung. Um die beiden herum herrschte völlige Stille und Morwen schien es, als müsse man ihr vor Aufregung wild schlagendes Herz meilenweit hören können. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich ada endlich wiedersehen werde. So lange habe ich befürchtet, seine Macht könnte verschwunden sein. Doch er ist hier, in seiner alten Festung. Sehr bald wird er stärker sein als jemals zuvor, ich weiß es einfach.

Allmählich wurde das trockene Gras auf dem Boden durch dunkles, beinahe schwarzes Gestein abgelöst. In einiger Entfernung erhoben sich die fast unüberwindbaren Berge, die Mordor umgaben.

„Wir müssen zum Schwarzen Tor reiten", beschloss Morwen, „einen anderen Weg zu finden würde viel zu lange dauern." Dûr knurrte bestätigend und wandte sich in die Richtung, in der sich das große Tor befand.

Langsam begann es zu dämmern, als Morwen in der Ferne das Schwarze Tor ausmachen konnte. Wir haben es geschafft.

Als sie sich dem Tor näherte, spürte sie einen kurzen Moment lang Unsicherheit in sich aufsteigen. Und wenn ada nun wütend ist, dass ich nicht gleich zu ihm gekommen bin? Sofort schob sie den Gedanken wieder beiseite. Er ist sicher froh, mich zu sehen. Schließlich hielt er mich für tot.

Noch bevor Morwen das Tor erreicht hatte, setzten sich die großen Flügel knarrend in Bewegung. Langsam schritt Dûr durch das Tor, während Morwen sich umblickte. Kaum hatten die das Tor passiert, schloss es sich wieder.

Überall um sie herum erhob sich leises Geflüster. „Sie ist am Leben." „Sie ist tatsächlich zurückgekehrt." „Mit ihrer Hilfe wird unser Herr Mordor wieder großmachen."

Allein das Wissen, dass Orks kaum in der Lage waren, Gefühle wie Freude zu verstehen, hielt Morwen davon ab, zu lächeln. Sie glauben an mich. Hier bin ich zuhause.

„Herrin?" Drei hochgewachsene Orks traten auf Morwen zu. „Wir sind hier, um Euch zu Eurem Vater zu bringen."

Morwen nickte. Die Orks drehten sich wieder um und Dûr folgte ihnen. Einer übernahm die Führung, während die beiden anderen sich ein Stück hinter Morwen und Dûr zurückfallen ließen.

„Wie geht es meinem Vater?", erkundigte sich Morwen nach einiger Zeit bei dem Ork, der sie führte.

„Er ist durch die Macht dieser Elbenhexe geschwächt worden." Morwen konnte die Wut in seiner Stimme hören. „Es ist ihm nicht möglich, seine ursprüngliche Gestalt anzunehmen. Er wacht in der Gestalt eines großen Auges über uns."

Noch während er diese Worte sprach, umrundeten sie einen hohen Turm und Morwen konnte ein Stück entfernt ein orangenes Licht auf der Spitze eines weiteren Turmes erkennen. Das muss Barad-dûr sein. Es ist der höchste Turm, den ich jemals gesehen habe. Morwen unterdrückte ein Seufzen. Also ist ada geschwächt. Dann wird er mich umso mehr brauchen.

Als sie den Fuß des großen Turmes erreicht hatten, schwang ein kleines Tor auf und eine Gestalt trat heraus. Im ersten Moment hielt Morwen sie für einen Ork, doch das Wesen besaß einen ungewöhnlich großen Mund.

„Er wird „der Mund Saurons" genannt", erklärte der Ork Morwen leise. „Eurem Vater ist es in seiner jetzigen Gestalt leider nicht möglich, zu uns zu sprechen."

„Ich heiße Euch im Namen Saurons willkommen." Die Stimme des Mundes Saurons klang vollkommen anders als die Stimme, die ihr Vater in Dol Guldur besessen hatte. „Er ist erleichtert, dass es Euch gut geht."

Morwen stieg von Dûr ab. „Geh jagen", flüsterte sie ihr ins Ohr und die Wargin rannte los.

„Ich wünschte nur, mein Vater könnte selbst mit mir sprechen." Morwens Stimme war ein wenig leiser, als sie beabsichtigt hatte.

„Das wird er gewiss schon bald können." Der Mund Saurons ließ ein heiseres Lachen hören. „Kommt jetzt. Wir haben ein Zimmer für Euch vorbereitet. Ruht Euch aus, morgen werde ich Euch über den Auftrag in Kenntnis setzen, den mein Herr für Euch hat."

Morwen folgte ihm ins Innere des Turmes. Warum hat ada einen Auftrag für mich, wenn alle dachten, ich sei tot? Weit oben im Turm befand sich schließlich ein kleines Zimmer, in das Morwen geführt wurde.

„Im ganzen Turm halten sich Diener auf, die Euch jeden Wunsch erfüllen werden." Der Mund Saurons verneigte sich. „Ihr solltet nun ruhen."

Morwen nickte und er verließ den Raum. In einer Ecke stand ein schmales Bett, auf dem Morwen sich erschöpft niederließ. Lange hatte sie nichts als Moos als Polster gehabt und so dauerte es nur wenige Momente, bis sie in den weichen Kissen schläfrig wurde. Hier gehöre ich hin.

Morwen, Tochter SauronsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt