Kapitel 31

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Morwens Müdigkeit war vollkommen verflogen. Langsam ließ sie sich gegenüber von Legolas nieder. Als sie ihren Blick über den Elben wandern ließ, bemerkte sie eine Verletzung an seinem rechten Arm. Eine Schnittwunde. Vermutlich, um ihm die Flucht zu erschweren.

Ohne darüber nachzudenken schloss Morwen ihre Augen und legte im Geiste silberne Schleier über die Wunde. Schnell bemerkte sie, dass die Heilung ihre gesamte Konzentration forderte, doch als sie schließlich die Augen öffnete, erkannte sie zufrieden, dass die Verletzung kaum noch zu sehen war.

Nun jedoch begann Morwen nachzudenken. Wie haben die Orks es nur geschafft, ihn gefangen zu nehmen? Es wurden schon größere Patrouillen von einem oder zwei Elben vernichtet. Irgendjemand muss das geplant haben. Und dieser jemand dürfte dann ada sein. Und weil Legolas noch lebt, bedeutet es, dass ada ihn lebend will. Plötzlich wurde Morwen eiskalt. Ein einziges Mal nur hatte sie erlebt, dass ein unvorsichtiger Elb sich bis nach Dol Guldur gewagt hatte. Damals bin ich in den Wald geflohen. Und doch werde ich niemals vergessen können, was ich gesehen und gehört habe. Wenn die Orks Legolas nach Barad-dûr bringen, erwartet ihn dort schlimmeres als der Tod.

„Herrin Morwen." Ein hörbar erstaunter Ork erschien neben ihr. Sofort erhob Morwen sich, sodass sie ihn ein Stück überragte. „Bitte verzeiht mir, ich hörte, dass Ihr hier übernachten wollt. Wir müssen aber aufbrechen. Je eher der Elb bei Eurem Vater ankommt, desto eher werden wir wissen, was die Elben planen."

Aber dafür hat ada doch mich in den Eryn Galen geschickt. Plötzlich verstand Morwen. Er vertraut mir nicht mehr. Er wird erfahren haben, dass ich mit Elben gereist bin.

„Ihr habt ab sofort einen anderen Auftrag." Morwen legte all ihre Autorität in ihre Worte. „Fünf Tagesreisen westlich liegt ein kleines Dorf. Dort werden sich im Verborgenen wichtige Strategen Gondors und Rohans treffen. Reist dorthin und sorgt dafür, dass sie das Dorf nicht wieder verlassen."

„Aber Herrin, was geschieht mit dem Elb? Wir haben unsere Befehle."

„Und ich habe euch gerade einen neuen Befehl erteilt. Ich werde mich um den Elben kümmern."

Zuerst schien der Ork widersprechen zu wollen, doch ein Blick in Morwens Gesicht – und auf ihre Hand, die an Nachtklinges Griff lag – ließ ihn seine Meinung ändern. „Wie Ihr befehlt. Aber seid auf der Hut, Elben kann man nicht trauen."

Morwen entließ ihn mit einem knappen Nicken.

„Los, wir brechen auf!", hörte sie den Ork noch rufen. Dann setzte sie sich erleichtert wieder hin.

„Die Waffen des Elben lassen wir Euch hier", rief ein Ork ihr noch zu, dann kam langsam Bewegung in die gesamte Gruppe. Angetrieben von ihrem Anführer machten sich die Orks nach und nach auf den Weg nach Westen.

„Du." Legolas' Stimme klang ein wenig rauer als Morwen es in Erinnerung hatte. „Ich dachte mir doch, dass irgendjemand das geplant haben muss. Was hast du nun vor, willst du mein Volk vernichten?" Morwen konnte auch im Licht des Feuers die Entschlossenheit des Elben lesen.

Doch zunächst schwieg sie, und während sie die Orks in der Ferne verschwinden sah, ging sie an die Stelle, an der Legolas' Waffen lagen. Vorsichtig zog sie eines seiner Kampfmesser und ging zu ihm zurück.

„Was hast du vor? Willst du beenden, was du von Anfang an geplant hast?" Morwen versuchte, sich von der Kälte in der Stimme des Elben nicht treffen zu lassen.

Statt einer Antwort ging Morwen hinter dem Elben auf die Knie. Einen Moment lang zögerte sie noch, dann durchtrennte sie mit einer schnellen Bewegung das Seil, das den Elben an den Pfosten band. Bevor sie aufstand, legte sie das Messer auf den Boden.

Langsam erhob sich Legolas neben ihr. In seinen Augen mischten sich Verwirrung und Dankbarkeit. „Warum?"

„Los, geh schon", flüsterte Morwen, „nimm deine Waffen und geh, bevor ich es mir anders überlegen kann."

Morwen, Tochter SauronsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt