"Setzt dich.", entgegnete Scar Sayero Nyria, als sie durch die schwere Holztüre in die verstaubte Bibliothek trat.
"Wir besprechen gerade kurz die Kulturen der anderen Königreiche, um einen Überblick zu bekommen."
Nyria wand den Blick von Sayero ab und nahm sich einen freien Stuhl.
"Also wo waren wir gerade...", fuhr er fort, "Genau. Heron, du wolltest etwas zu Skeran sagen."
Der hellbraune Hengst nickte und begann:
"Sie verehren den Mond, da er zur Dunkelheit gehört, die auch in ihren Mienen herrscht. Außerdem bringt er ihren Mondstein zum Leuchten, mit dem sie den gesamten Palast und ihre Städte verziert haben."
"So ist es. Die Skeraner legen viel Wert auf ihre Schätze, die sie alle aus den zahlreichen Mienen in den Bergen zu Tage fördern. Durch diese Arbeit sind sie Kräftige Pferde, eine starke Streitmacht, die allerdings meist ohne großen Plan vorgeht. Außerdem ist es ein sehr stures und eitles Volk, weshalb sich Verhandlungen mit ihnen meist als recht schwer gestalten... man kann diese Saufköpfe auch als einfältig bezeichnen, wenn man will...", den letzten Satz hatte Sayero etwas leider hinzugefügt und auch eher zu sich selbst gesprochen.
"Nun gut.", warf er ein und blätterte in seinem Buch, "Will mir jemand etwas über Neroda erzählen? Wie wäre es denn mit dir, Streuner?", er blickte Nyria herausfordernd an, doch Allgemeinbildung war nicht gerade ihre Stärke.
"Sie befinden sich im Krieg mit sich selbst. Und haben zur Zeit keinen König.", war daher das Einzigste, was sie dazu wusste.
Sayero entgegnete ihr mit einer unbeeindrucktenen Miene.
"Ja... ihr König wurde verrückt. Er hatte vor Catea anzugreifen, und dass obwohl Neroda entsprechend seiner Größe ein recht kleines Heer hat. Außerdem ist die Ausbildung dort... nicht gerade umfangreich gewesen. Auf jeden Fall war es dem Volk klar, dass Neroda keine Chance gegen Catea hatte. Also lehnte es sich gegen den König auf und stürzte ihn. Wer seinen König stürzt braucht allerdings einen neuen, aber es brach ein Streit darüber aus, wer den Thron besteigen sollte. Und so befindet sich Neroda bis heute im Bürgerkrieg."
Sayero nickte dem kleinen hellbraunen Hengst zu, der ihn wartend anblickte.
"Deshalb haben sie zur Zeit auch nur eine weiße Flagge. Früher war es ein Puma auf einer Kugel."
Scar Sayero zog ein Augenlied nach oben.
"Ja.", kommentierte er und machte einfach weiter, "Also, sprechen wir über Laeth. Laeth ist ein kleineres Königreich, das zwischen Skeran und Oorun liegt. Dass Land ist geprägt von den ältesten Wäldern Miträas. Ihr Glaube besagt nämlich, das ihre verstorbenen Ahnen in den ältesten Bäumen wohnen. Daher holzen sie fast keinen Wald ab. Infolge dessen sind die Städte sehr klein, die meisten Dörfer liegen im Wald. Allerdings kommen von Laeth die besten Bogenschützen die es gibt. Und damit auch viele Kopfgeldjäger...", sein Blick verschwand für einen kurzen Augenblick in die Ferne. "Aber das tut ja nichts zur Sache. Irgendwelche Fragen?"
Nachdem der Unterricht beendet war versuchte Nyria so schnell wie möglich aus der Bibliothek zu kommen. Die Anwesenheit Sayeros ließ ihr über all am Körper das Fell aufstellen.
"Streuner.", rief ihr Lehrer, als sie sich gerade an einem anderen Pferd vorbei durch die Türe drücken wollte. Nyria lief ein Schauer über den Rücken und sie blieb stehen. Er konnte doch gar nicht wissen, das sie das Gespräch mitgehört hatte. Hoffentlich. Sie atmete tief durch und drehte sich zu Scar Sayero.
"Komm her.", entgegnete er genervt und setzte sich an den Tisch.
Nyria sah, wie das letzte Pferd durch die Türe verschwand, während sie auf den Schimmel zuschritt. Sie ließ sich nicht anmerken, wie schnell ihr Herz in diesem Moment wirklich schlug.
"Also du kannst nicht lesen."
Ach nein wirklich... Das war ihr ja noch gar nicht aufgefallen.
"Und deswegen wurde ich dazu gedrängt, es dir beizubringen. Und da alle anderen wohl nicht so viele Probleme damit haben, da sie über eine Grundbildung verfügen, stehst du hier also alleine."
Nyria fiel ein Stein vom Herzen. Es ging also nicht um das Gespräch.
"Guck nicht so blöd, sondern such dir ein Buch aus. Ich will nicht den ganzen Tag mit dir verschwenden."
Nyria unterdrückte ein aufgebracht
aufgebrachtes Schnauben und warf Sayero stattdessen einen kurzen grimmigen Blick zu, bevor sie sich den Bücherregalen zuwand. Sie konnte nicht lesen, was auf den Buchrücken stand, also zog sie willkürlich ein altes Buch mit rot verziertem Einband aus dem Regal. Die Stute legte es auf den Tisch und setzte sich widerstrebend auf den Stuhl neben dem Schimmel.
"Die Legenden des Waldes. Interessante Wahl. Auch wenn sie wahrscheinlich zufällig war.", meinte er während er das Buch aufschlug. Er blätterte durch die bereits gelblich gewordenen Seiten, bis er fand, wonach er gesucht hatte.
"Die Legende des Heron. Etwas das dir zu wissen nicht schaden kann. Also, ich lese sie dir einmal vor. Dann bist du dran. Gut...
'Zu den Zeiten Königs Meeon, dem dritten der Andalen, lebte ein großer Krieger. Heron von Sehlar. Doch weithin nannte man ihn auch den EINEN Krieger. Denn er hatte sich bereits vielfach in den größten Schlachten und gegen die furchterregensten Bestien bewiesen. Und so kam der Tag, an dem seine Frau, Alidra die Schöne, durch einen Schattenwolf ihr Ende fand. Von Wut und Rache getrieben schwor Heron, dass er diese Bestien ausrotten und den Wald roden würde, der bereits so vielen Pferden das Leben gekostet hatte. Und so zog er noch am selben Abend in den Wald und kämpfte wie verbissen gehen die Massen der Schattenwesen. Und so verbrachte er Jahre seines Lebens damit, jeden einzelnen Tag in den Wald zu ziehen, um den Kreaturen der Schatten ein Ende zu setzen, wie sie es mit seiner Gelibten getan hatten.
Doch der Wald ließ sich nicht so leicht besiegen. Und so stand eines Tages ein Monster aus der nachtschwarzen Erde des Waldes auf. Größer als alle Burgen, die je erbaut wurden. Zwei riesige stoßzahnartige Keiler ragten baumlängen in die Luft, die gespaltenen Hufe hatten die Größe von Häusern. Und so stellte sich der eine Krieger dem Biest aller Biester entgegen. Er kämpfte wie ekn wahrer Held, doch er konnte nicht viel ausrichten. Denn das Biest hob seine Hufe und stampfte mit einem ohrenzerreisenden Gebrüll auf den Boden ein. Dort wo er auftraf enstand ein Riss so gewaltig und tief, dass man den Boden nicht sehen konnte. Er fraß sich seinen Weg durch die Erde und wurde immer und immer größer. Und so spaltete sich der Boden direkt unter den Hufen Herons und er fiel in die unendliche Tiefe der Schlucht. Und auch wenn der eine Krieger damals im Kampf sein Leben verlor, so erinnert die Schlucht von Heron noch heute an den bewundernswerten und mutigen Versuch, unser Land von den Schatten zu befreien.'
So, das war's. Die Schlucht befindet sich im übrigen westlich von Catea. Man muss sie überqueren, wenn man sich auf dem Weg nach Neroda befindet. Ich denke das war dir sicherlich noch nicht bekannt... Aber jetzt bist du an der Reihe. Jeder Buchstabe hat einen Laut. Also ließ."
Nyria wendete den Blick von Scar Sayero ab und richtete ihn auf das Buch. Sie fing nichts mit den Buchstaben an.
"Die Legende des Heron.", sagte sie zögernd. So viel hatte sie sich gemerkt. Doch dann wurde es schwer.
"Zu. Z U. Zwei Laute.", sagte Sayero genervt. Aber man merkte, dass er sich zur Geduld zwang.
Nyria beachtete ihn nicht und fuhr fort.
"Zu deee... deee..."
"Den."
"Zu den Zee iii..."
"Zeiten. Ei wird ausgesprochen wie Ai."
Nyria atmete tief durch. Das könnte ein langer Tag werden.
"Zu den Zeiten des..."
"Königs."
"Zu den Zeiten des Königs Meee... Meeeoon..."
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Nyria - Kriegerin der Garde
AdventureHunger. Gewalt. Hass. Mit all diesen Dingen und noch mehr hat Nyria schon seit ihrer Geburt zu kämpfen. Die junge Stute lebt als Streunerin in der Untersten der sechs Stände, die es im Königreich Catea gibt. Doch dieses Leben wird immer schwerer und...
