Kapitel 60

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Sie hätte gehen können. Sie hätte ihren Plan einfach wahr machen und gehen können. Zu verschwinden und sich ein neues Leben aufzubauen. Irgendwo weit weg von Catea und den Streunern. Sie hätte jetzt, zum ersten mal in ihrem Leben, die Chance dazu endlich zu entkommen.

Doch Nyria dachte nicht einmal im hintersten Teil ihres Verstands an all das, als sie in diesem Moment Sayero sah. Wie der hellgraue Hengst sich vor dem am Boden liegenden Wächter aufgebaut hatte. Den Dolch erhoben, jeden Moment breit zuzustechen. Nyrias Blick war wie festgefroren, mit weit aufgerissenen Augen sah sie zu wie sich die Lippen des Wächters bewegten. Er redete auf Sayero ein. Trotz seiner Situation wirkte er ruhig und gefasst. Nyria konnte allerdings weder verstehen was er sagte, noch sehen wie Scar Sayero darauf reagierte, denn er stand mit dem Rücken zu ihr. Die Stute blinzelte einige Male und wendete den Blick ab. Es war aber auch vollkommen egal. Sie musste hier sofort raus und Sayero aufhalten!

Stolpernd folgte sie so schnell sie konnte dem dunklen Gang weiter, während sie mit ihrer Schulter an der Wand entlang striff. Die rauen Steine zerkratzen ihr das Fell, doch da sie hier nichts sehen konnte, musste sie so nach einem Ausgang suchen. Nach wenigen Pferdelängen ertastete sie dann schließlich eine Unebenheit in der Wand. Ein Tüerahmen. Sie suchte nach dem Griff, doch als sie ihn fand musste sie feststellen, dass er abgebrochen war. Nyria biss die Zähne aufeinander. Sie hatte keine Zeit! Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis Sayero dem obersten Wächter die Kehle durchschneiden würde. Mit einem wütenden Schnauben drehte Nyria sich in dem kleinen Gang um und verlangerte ihr Gewicht auf die Vorderhand. Sie holte Schwung, dann trat sie mit voller Wucht zu. Das Holz der Türe knackte gefährlich, doch hielt der Kraft stand. Ohne zu warten setzte Nyria gleich darauf einen zweiten Tritt hinterher und einen dritten. Danach riss es die kleine Türe endlich aus den Angeln. Nyria drehte sich blitzschnell auf den Hibterbeinen wieder um und stürmte in die Bibliothek.

Sayero hatte erschrocken den Kopf zu ihr gedreht, sein finsterer Blick fraß sich geradezu durch ihr Fell. Nyria galoppierte direkt auf die beiden zu, der Wächter schien geschwächt zu sein und nicht aufstehen zu können. Aber immerhin war er noch wach, ganz im Gegensatz zu den zwei Wachen, die wenige Pferdelängen von ihm am Boden lagen wie als wären sie tot. Auch wenn es sich für die Stute wie eine Ewigkeit anfühlte, dauerte es nur wenige Sekunden, bis sie sich schwungvoll zwischen Sayero und den Wächter warf. Überrumpelt machte der Hengst einen Schritt zurück und riss den Kopf nach oben.

Nyrias Brust hob und senkte sich schwer, doch ihre Hufe standen fest auf dem Boden. Sie baute sich selbstbewusst vor dem Hengst, der bestimmt zwei Köpfe größer war als sie, auf und Schütze so den obersten Wächter hinter ihr. Ihr Blick durchschnitt scharf die Luft und legte sich unerschütterlich auf den grauen Hengst vor ihr.
"Lass ihn in Ruhe.", sagte sie kalt und legte die Ohren an. Sayero starrte ihr nüchtern entgegen. Der Wächter hinter der Stute röchelte, sein Atem ging schwer.
"Verschwinde. Das hier geht dich nichts an.", Sayeros Stimme schien ruhig, doch seine Ohren zuckten aufgeregt immer wieder hin und her, wie als würde er auf etwas warten. Allgemein wirkte er fast zerstreut. Er schien zu zittern, doch seine Mimik war entschlossen. Alles an ihm widersprach sich selbst. Er wirkte fast so als hätte er Angst, die er zwanghaft zu unterdrücken versuchte. Doch das änderte nichts. Nyria würde alles geben, um den obersten Wächter zu schützen, was auch immer Sayero tat.

Doch als den Hengst hinter Nyria plötzlich ganz die Kräfte verließen, und er bewusstlos zusammenbrach, war sie nur für eine Sekunde unaufmerksam. Doch das war schon genug.
"Du hättest bei der Ausbildung bleiben sollen.", fauchte Sayero sie wütend an und sprang im selben Moment zur Seite. Als er sein hölzernes Bein ruckartig anzog war ein kurzes Klicken zu hören. Erschrocken zuckte die Stute zusammen, hielt die Luft an und wartete gespannt auf irgendetwas. Doch nichts geschah. Ihr fiel allerdings auf, dass Sayero ein anderen Holzbein trug als sonst immer. Er hatte den plumpen Holzklotz durch eine viel Komplexere Konstruktion ausgetauscht. Zahlreiche Gelenke und Zahnräder aus Holz und Metall verliehen ihr nahezu die Beweglichkeit eines echten Beines.
"Verdammt.", murmelte Sayero und lenkte Nyrias Aufmerksam wieder von seinem Holzbein auf sich selbst.
"Wenn meine Betäubungspfeile leer sind, dann müssen wir das wohl auf die altmodische Art lösen!", mit diesen Worten zog der Hengst eine lange Klinge aus seinem Gurt. Nyrias Herz begann zu rasen. Sie stand ihm unbewaffnet gegenüber.

Nyria - Kriegerin der Garde Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt