Kapitel 43

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Mit weit geöffneten Augen starrte Nyria in die Dunkelheit. Doch ihre Aufmerksamkeit galt nicht den sich regelmäßig hebenden und wieder senkenden, nur schemenhaft zu erkennenden Körpern der anderen Pferde. Obwohl sie ihren Kopf entspannt auf dem Stroh abgelegt hatte und ihre Beine bequem unter ihrem Körper lagen, rasten ihre Gedanken fieberhaft.
'Aber das schwimmen ist doch für die Endrüfung wichtig.'
Für den Krieger war es nur ein Halbsatz gewesen, doch für Nyria war es die Welt.

Seit vier Tagen schon ging ihr dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Es war die dritte schlaflose Nacht, in der sie überlegte und sinnierte, was sie tun sollte. Ob sie sich irgendwie vor dem Schwimmen in der Prüfung drücken könnte? Ob sie versagen würde? Ob es eine andere Möglichkeit gäbe, Krieger zu werden? Oder ob Ilano ihr erneut helfen würde? Doch Ilanos Verhalten legte ihr genauso viele Rätsel offen, wie die Abschlussprüfung.

Aber eigentlich sollte sie schlafen. Den letzten Tag über hatte sie reihenweise Kämpfe verloren, da ihr müder Geist nicht mehr schnell genug reagieren konnte. Ihr ganzer Körper fühlte sich schwer an. Doch die Gedanken ließen ihr keine Ruhe.
Sie vergrub ihren Kopf im Stroh. An etwas anderes denken... Stille... langsam beruhigte sich ihr Herzschlag.
Doch dann Blitze in ihrem Geist erneut das Bild Ilanos auf, wie sie von seinem riskalten Blick durchbohrt wurde. Wie er sagte, sie solle verschwinden. Und das, obwohl er sie Sekunden davor noch gerettet hatte.

Die Stute setzte sich auf und seufzte. Ihr Blick fiel auf Naur. Sein schwarzes Fell verschwamm geradezu mit der Dunkelheit. Sie hatte in letzter Zeit oft darüber nachgedacht, ob sie es ihm erzählen sollte. Alles. Von ihrer Kindheit und ihrer Angst bis hin zu Ilano. Doch sie hatte es nicht übers Herz gebracht. Naur war seit langem das erste Pferd, dem Nyria sich wirklich verbunden fühlte, dem sie ehrlich vertrauen konnte. Vielleicht sogar das erste überhaupt. Zwar waren die anderen Pferde in der Ausbildung nett und sie war unendlich froh, sie zu haben. Doch das mit Naur war etwas anderes. Etwas, das viel tiefer ging. Das erste mal in ihrem Leben, hatte sie keine Angst davor, sich jemandem anzuvertrauen. Nein. Sie hatte Angst davor, wie Naur reagieren würde. Sie hatte Angst ihn zu verlieren. Wenn er wüsste, was sie als Fohlen alles gesehen und getan hatte... Nyria schloss die Augen. Ein zitternder Atemzug. Wenn er die Ausbildung schaffen würde und sie versagte... dann... dann wäre sie wieder ganz allein. Früher hatte sie das alles gerade so ertragen. Die Gewalt, den Hunger, die Einsamkeit und das Blut... Doch jetzt wo sie das alles hier kannte, wusste wie es sich anfühlte zu leben... Sie konnte einfach nicht mehr zurück. Eher würde sie sterben...

Nyria starrte zur Türe. Sie war geschlossen um die Kälte auszusperren, es wurde langsam Winter. Doch heute war es eigentlich ein schöner Hebstabend. Nyria dachte kurz nach. Dann blickte sie noch einmal flüchtig zu Naur, bevor sie vorsichtig aufstand, bedacht darauf kein Geräusch zu machen und leise zur Türe schlich...
Als sie nach draußen trat, wehte ihr eine angenehm kühle Briese entgegen. Die Luft roch nach alter Rinde und feuchtem Laub. Die letzten Strahlen der Sonne waren schon lang hinter dem Horizont verschwunden. Nur noch einige wenige Fackeln und der bewölkte Mond beleuchteten die Burg. Geduckt trabte Nyria mit leichtem Schritt in den Schatten der Gebäude. Zügig überquerte sie den kleinen Haupthof. Nun stand sie unter dem Torbogen, der auf den großen Platz führte. Auf der anderen Seite befand sich das große Tor. Zu dieser Zeit war es geschlossen, doch direkt daneben gab es eine kleinere Türe, die immer offen stand. Und immer bewacht wurde.

Nyria zögerte. Eine Wache stand direkt vor der Türe, die zweite lief den Rand des Platzes ab. Er kam direkt auf sie zu. Sie machte einige Schritte zurück und drückte such in den Schatten eines Türrahmens. Müde schlürfte der Hengst vorbei, ohne sich richtig umzusehen. Nachdem er vorüber gegangen war, begab sich die Stute vorsichtig aus ihrer Deckung und nahm den entgegengesetzten Weg. Mit schnellem Schritt lief sie um den Platz, immer bedacht in den Schatten zu bleiben. Sie musste vor der zweiten Wache an der Türe ankommen.

Nyria - Kriegerin der Garde Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt