Kapitel 31

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Sie folgte den anderen Pferden in den Teil der hinter der Türe lag. Es war ein rießiger Raum in dem sich zahlreiche Bücherregale aneinander reihten. Sie reichten fast bis zur Decke, was in anbetracht der Höhe erstaunlich war. Denn die Decke erstreckte sich in circa vier Pferdehöhen. Nyria konnte nicht genau erkennen wie groß der Raum insgesamt war, da ihr die teilweise bis zum überlaufen gefüllten Regale die Sicht versperrten. Dennoch war sie sich sicher das die Kuppel, die sich vor ihnen erhob, die Mitte der Bibliothek darstellte. Denn das halbkugelförmige Deckenfenster, das bestimmt noch einmal 5 Pferdehöhen maß, wirkte ganz wie das Herzstück der Bibliothek.

Die Sonne schien durch das Fester auf einen langen Tisch, der aus schwerem Holz gefertigt war. In der Mitte der Platte befand sich ein Loch aus dem sich eine steinere Statue erhob. Sie zeigte einen steigenden Hengst der wieherd der Sonne entgegen blickte. In der staubigen Luft zeichneten sich die Sonnenstrahlen ab, die leuchtend auf den Hengst herabschienen und dem Raum eine geradezu magische Atmosphäre verliehen.

Ein seltsames klappern zog Nyrias Aufmerksamkeit auf sich. Sie blickte zu einem der Bücherregale hinter dem ein hellgrauer Hengst auftauchte. Überrascht sog ein Pferd neben Nyria die Luft ein. Und auch sie blickte überrascht auf das hölzerne linke Hinterbein des Hengstes.
"Wer es noch länger anstarrt, darf die komplette Bücherei abstauben. Verstanden?", gab er gereizt zurück.
Beschämt wendeten die Pferde ihren Blick ab. Doch Nyria musterte den Hengst kurz. Er war kräftig, trotz seines fehlenden Beines. Sein fast weißes Fell schien sauber und gepflegt, seine graue Mähne war recht kurz geschnitten. Sein Körper wirkte stolz, trotz der Behinderung. Doch dieser Stolz wurde überschattet, von einer unfreundlichen Ausstrahlung, die den Hengst umgab. Sie lies ihn alt und unzufrieden wirken. Sie brachte alles vom Gleichgewicht ins Durcheinander. Die Stute bezweifle, das er ausgebildet wurde um über eine Bücherei zu wachen. Sie vermutete eher, dass es sich um eine Kampfverletzung handelte, nach der er aus der Armee genommen worden war. Wohl nicht zu seiner Freude.

Er ließ seinen Blick kurz über die Gruppe von elf Pferden schweifen. Dann ging er an jedem vorbei und musterte ihn ausgiebig. Als er bei Nyria angekommen war hob er den Kopf und blickte ihr herablassend in die Augen.
"Streuner.", schnaubte er missbilligend und lief weiter ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Nyria seufzte unhörbar. Das könnte lustig werden.
"Setzt euch.", wies er die Pferde kurz an, als er an allen vorübergegangen war. Er bewegte sich auf den langen Tisch zu und meinte Nyria zu erkennen, wie viel Mühe sich der Hengst damit gab das Humpeln zu unterdrücken.

Die Roanstute setzte sich an den Rand des Tisches. Sie konnte gut darauf verzichten im Zweifelsfall zwischen zwei Pferden zu sitzen, die genauso viel von ihr hielten wie ihr Lehrer. Die Anwärter saßen alle auf nur einer Seite des Tisches, füllten sie aber dennoch nicht annähernd ganz aus.
"Also.", begann der Graue, während er sich auf der anderen Seite des Tisches vorsichtig in einen großen Stuhl setzte.
"Ihr denkt euch bestimmt, das dieser Unterricht doch eigentlich Schwachsinn ist. Das ihr lieber bei den anderen sein
solltet und kämpfen lernen oder eure Ausdauer verbessern solltet. Aber da liegt ihr falsch.
Wissen ist Macht. Ein altes Sprichwort, aber es ist so wahr wie eh und je. Ein Krieger kann noch so stark sein, wenn er dumm ist, stirbt er dennoch.", er machte eine kurze Pause und versicherte sich, das er die Aufmerksamkeit jedes einzelnen hatte, "Krieger der Garde zu sein bedeutet so viel mehr als zu Kämpfen. Es ist ein Amt der Ehre! Ihr sollt es nicht nur ausüben, ihr sollt es Leben! Und um dies zu können, müsst ihr euren Horizont erweitern. Über die Grenzen eures Wissens, eures Zuhauses. Und vor allem über die Grenzen Cateas... ihr vertretet euer Königreich, also solltet ihr keine unwissenden kleinen Nichtsnutze sein."

Mit diesen Worten stand er auf und verschwand zwischen den Bücherregalen, bis er einige Augenblicke mit einem dicken, in kunstvoll verziertes Leder eingebundenen Buch zurück kehrte.
Er ließ es auf den Tisch fallen und eine Lawine an Staub löste sich.
"Ein wichtiger Teil unseres Lebens und auch ein großer Teil des Lebens für Pferde in anderen Königreichen bildet die Religion. Religion ist etwas wichtiges. Es ist der Glaube, der viel bewegen kann und der viele zu Taten ansport, die sonst unmöglich wären. Also, versteht ihr die Religion und den Glauben der anderen, versteht ihr ihre Handlungen besser."

Er öffnete das Buch und eine neue Ladung Staub wühlte sich durch die Luft. Der Hengst blätterte so lange, bis er auf einer Seite mit einem großen Bild angekommen war. Es zeigte Sonne und Mond.
Nyria atmete tief durch. Sie hatte noch nie viel von Religion gehalten. Es hatte ihr damals weder geholfen, noch hatte es sie satt gemacht, also war es für sie reine Zeitverschwendung gewesen. Besser noch, manche Pferde stützten sogar ihren Hass gegen die Streuner auf ihrem Glauben. Dementsprechend hatte sie sich davon fern gehalten und  wusste nun auch nicht sonderlich viel darüber. So wie über viele andere Dinge. Was sie aber wusste war, dass Catea die Sonne verehrte. Das hatte sie bei dem großen Sonnen-Tempel mitten in der Schkossstadt auch schwer übersehen können.
"Sonne und Mond, die Kinder der Ewigkeit.", begann er und drehte das Buch so, dass die Pferde das Bild betrachten konnten. Seine Stimme war nun etwas sanfter geworden, wie als würde sie von einem anderen Ort aus zu ihnen sprechen.

"Vor unzähligen Jahren, als es noch keine Pferde gab. Auch keine anderen Tiere oder Pflanzen. Es existierte kein Leben. Nur die Ewigkeit, die alles ausfüllte. Doch auch die Ewigkeit fühlte sich nach einiger Zeit einsam. Und so schuf sie Planeten, doch die Einsamkeit blieb. Also bevölkerte sie die Welt mit Lebewesen. Sie sollten der Ewigkeit Gesellschaft leisten und ihrer Existenz einen Sinn geben. Doch schon bald merkte sie, dass sie sich nicht alleine um die alle Lebewesen - eingeschlossen die Pferde - auf der Erde kümmern konnte. Und so schuf die Ewigkeit Sonne und Mond und trug ihnen auf für die Pferde und Lebewesen zu sorgen und ihnen Licht und Dunkelheit zu schenken.

Doch eines Tages gerieten Sonne und Mond in einen Streit.
Die Sonne, Herrscherin über das Licht, wollte den Pferden einen längeren Tag schenken, damit ihr Leben lebenswerter wurde.
Während der Mond, Herrscher über die Dunkelheit, den Pferden eine längere Nacht schenken wollte, damit sie länger in ihren Träumen verweilen konnten.
Und so begannen Sonne und Mond einen Krieg, der schon bald alle Pferde betraf. Im Namen ihrer Gottheit bekämpften sich die Pferde bis aufs Blut.

So lang, bis die Ewigkeit erkannte was ihre Kinder anrichteten. Voller Wut verbannte sie Sonne und Mond für immer getrennt voneinander, fest gebunden in Tag und in Nacht.
Und die Pferde, die sich noch immer für ihre Gottheit bekriegten, trennte die Ewigkeit mit einem Wald, geschaffen, um nicht überwunden zu werden.
Und so entstanden die sieben getrennten Königreiche, die alle entweder die Sonne oder den Mond anbeten, getrennt durch den Wald von Eda Yomon.
So beschreibt Antoras, einer der größten Philosophen und Historiker der Zeit, die Entstehungsgeschichte Mitäas und der Welt."

Er bückte sich nach vorne und blätterte eine Seite weiter. Sie war voller Text. Nyria starrte die Buchstaben verstädnislos an. Sie konnte nicht lesen. Ihr hatte es nie jemand beigebracht.
Ihr Ausbilder musterte sie und mit jedem Augenblick wurde sein spöttisches Lächeln deutlicher. Nyria bemerkte seinen Blick und schaute ihm nüchtern in die Augen. Natürlich wusste er es. Woher sollte ein Streuner auch das lesen gelernen haben.

"Na, Streuner. Willst du die Erzählung vielleicht noch einmal für uns vorlesen?", er schaute sie triumphierend an, aber Nyria blickte ihm nur weiter ohne ein Wort stur in die Augen. Also fuhr er mit gespielten Mitleid fort: "Ach, du kannst gar nicht lesen? Welche ein Jammer..." Er legte den Kopf für einen Moment schief. Dann schüttelte er sich und wendete seine Aufmerksamkeit den anderen zu.

"Wer möchte vorlesen? Man kann diese Geschichte nicht oft genug hören. Sie ist wichtig. Vor allem da sie genau so in allen Königreichen seit Jahrhunderten weitergegeben wird."
Ein Mausgrauer kleinerer Hengst hob den Kopf und begann vorsichtig zu sprechen:
"Sir -"
"Nicht Sir! Ich bin doch kein Ritter... Ich erkläre euch ein mal, welche Anrede ihr wann zu benutzen habt. Danach will ich sowas nie wieder hören. Also... Ritter werden mit Sir angesprochen. Alle anderen Mitglieder der Garde mit Serr und die Pferde, die ein spezielles Amt ausführen, so wie ich oder beispielsweise ein Artzt werden mit Scar angesprochen. Mein Name ist Scar Sayero. Damit das ab jetzt klar ist."
Er schaute noch einmal in die Runde und fixierte wieder den Hengst.
"Und jetzt lies."
Und so begann der Hengst die Legende über die Entstehung Mitäas vorzulesen. Alles stand genauso wie Scar Sayero es erzählt hatte Wort für Wort auf dem Papier.
Als der Hengst fertig war, las jemand anderes erneut vor. Sie sollten die Geschichte verinnerlichen, sie auswendig können.

Nyria - Kriegerin der Garde Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt