Kapitel 50

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Ein gleißend helles Licht schnitt durch die nächtliche Dunkelheit. Nyria schloss geblendet die Augen. Der Wind peitschte den Regen gegen das provisorische Dach, das aus nicht mehr als einer alten Plane bestand. Nyria drehte seufzend die Ohren nach hinten. Und trotzdem konnte sie noch das laute Knarzen der Bäume hören, die sich unter dem Sturm beugten. Ihre Äste tanzten gefährlich im Wind, einige schienen unter der unbändigen Kraft schon beinahe zu brechen. Das monotone Rauschen des Regens, und das prasseln der Tropfen auf die Plane erfüllten Nyrias Gedanken. Die Stute starrte in die Nacht, wie als würde sie hoffen am Himmel die Sterne zu erkennen, die aber hinter dicken Wolken für immer versteckt zu sein schienen. Als ein weiterer Blitz die Umgebung plötzlich erhellte wie als wäre es Tag, drehte Nyria ihren Kopf ruckartig zur Seite. Als sie die zusammen gekniffenen Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf Alerias, der neben ihr liegend mit geweiteten Augen in den Himmel starrte. Als der laute Donner dem Blitz folgend durch die Luft grollte, zuckte sein angespannter Körper zusammen.
"Beruhig dich, der Blitz kommt hier nicht her. Ganz im Gegensatz zum Wasser...", sagte Nyria, während sie ein Stück zurück kroch, um einem kleinen anschwellenden Bach auszuweichen, der sich seinen Weg über den Boden bahnte. Es regnete nun schon seit Sonnenuntergang, doch das Gewitter war erst vor wenigen Minuten dazugekommen.
"Ja, aber...", setzte Alerias an, doch er wurde vom nächsten Donnergrollen unterbrochen. Erschrocken zog er den Kopf ein und kroch noch weiter unter die Plane, die das einzige war, das ihnen und den anderen Auszubildenen Schutz vor diesem Wtter bot. Sie waren gerade auf dem Weg zurück zu Fort Mathar, und machten hier über Nacht Rast.
"Da hinten, die Bäume da auf dem Berg. Da wird der Blitz viel eher einschlagen als hier.", versuchte sie ihn zu beruhigen.
Alerias seufzte.
"Mir geht es nicht darum, wo der Blitz einschlägt... ich mag Gewitter allgemein einfach nicht...", missmutig blickte er in den strömenden Regen. Ja, Nyrias Lieblingswetter war das auch gerade nicht. Sie seufzte und atmete die kühle, feuchte Regenluft ein. Wasser. Von oben nicht so schlimm wie von unten. Aber immernoch hassenswert.

Die Stute versuchte eine angenehme und möglichst trockene Stelle zu finden um zu schlafen. Doch sie fand keine Ruhe. Auch wenn sie mit diesem Wetter wohl oder übel leben konnte, blieb ihr Blick ständig an Alerias hängen. Mit jedem Blitzschlag spannte er seine Muskeln mehr an und kroch immer weiter nach hinten. Selbst wenn Nyria die Augen schloss, konnte sie seine ungleichmäßige und angestrengte Atmung neben sich hören. Er wälze sich so lange unruhig hin und her, bis er schließlich gegen einen braunen Hengst stieß, der ihn genervt ankeifte:
"Wenn du es nicht auf die Reihe bringst bei Gewitter zu schlafen, dann lass verdammt noch mal wenigstens die anderen schlafen, kapiert? Also nimm deine Beine aus meinem Bauch! Oder braucht das kleine Fohlen etwa Nähe, wenn es laut 'Groll Groll' macht?" Er schnaubte einmal und drehte sich seufzend um. Alerias, der wieder weiter mach vorne gerutscht war, legte den Kopf auf die Vorderbeine und kniff die Augen zusammen. Sein Atem zitterte gebauso wie die dünnen Äste im stürmenden Wind.
Nyria gab sich einen Ruck, solange er da so elend und zusammengekauert rumlag, würde sie ohnehin nicht schlafen können.

"Sag mir... was ist es, das dich an Gewittern so beunruhigt?", fragte sie vorsichtig.
"Nichts.", erwiderte der Falbe kurz.
"Achso, dann siehst du immer so aus als hättest du gleich einen Nervenzusammenbruch?", sagte sie mit einem leichten Lächeln. Keine Antwort. Also war es wirklich ernst. Wenn er nicht mal mehr auf Sticheleien reagierte. Nyria blickte zu Boden. Die Regentropfen hüpften, als sie auf den schon lange mit Wasser gesättigten Boden auftrafen.
"Ich kann Wasser auch nicht leiden.", gab sie schließlich monoton zu und musste dann kurz lachen, " 'nicht leiden' ist gut. Ich habe Angst davor. Wirklich panische Angst. Seit meiner Kindheit schon. Eigentlich seit fast schon immer..."
Nun hob Alerias doch den Kopf und betrachtete sie interessiert.
"Warum?"
"Weil... weil ich als Fohlen einmal fast ertrunken wäre.", presste sie zwischen den Lippen hervor. Es viel der Stute sichtlich schwer darüber zu reden. Sie hatte das noch nie jemandem erzählt. Niemandem außer Ilano.
"Das tut mir leid...", er machte eine Pause. Ein heftiger Schauer fegte für einen kurzen Moment über ihr Dach hinweg. Die Tropfen prasselten laut auf den mittlerweile völlig durchnässten Stoff, der stellenweise schon einige Trofen durchsickern ließ. Alerias verkrampfte sich, wie als würde er gleich wieder einen Blitz erwarten. Doch als dieser nicht folgte, ließ die Anspannung seiner Muskeln wieder nach. Der Falbe seufzte.
"Ich kann Gewitter einfach nicht leiden.", sagte er trotzig. Nyria entgegnete dem nichts. Die Stille schien den Hengst nachdenklich zu machen. Bis er schließlich mit einem Seuftzen zu erzählen begann.
"Als ich ein Fohlen war, lebte ich mit meinen Vater und meinem großen Bruder auf einem Bauernhof. Meine Mutter war kurz nach meiner Geburt an einer schlimmen Kramkheit gestorben... Aber wir waren trotzdem glücklich! Mein Vater kümmerte sich gut um uns und mit meinem Bruder konnte ich alles machen. Er war mein Vorbild, mein ein und alles. Ich wollte schon seit ich denken konnte immer so sein wie er... er war stark, geschickt mit dem Schwert und intelligent. Er hat jeden Tag das Kämpfen geübt, sein großer Traum war es, eines Tages ein Kriger der Garde werden zu können um dem König zu dienen...", Alerias machte eine Pause, als ein weiterer Donner ihm das Wort zerschnitt. Mit zitternden Stimme fuhr er fort, als das Grillen verklungen war.
"Wir sind jedes mal am ersten Tag der Woche zum Markt gegangen. Haben dort unsere Erträge verkauft und dafür Vorräte gekauft. So wie auch an diesem einem verdammten Tag. Es war eigentlich ein wirklich schöner und warmer Sommertag. Die feuchte Luft kündigte Regen an. Wir sind den Weg gegangen der wir jedes mal gegangen sind. Den wir seit Jahren gegangen sind. Den unser Vater schon immer mit unserer Mutter gegangen war... Aber an diesem einen Tag da... haben sie uns überfallen. Die Banditen kamen einfach aus einem Hinterhalt, von allen Seiten. Dabei hatten er nicht einmal wertvolle Ware dabei! Aber dennoch haben sie uns angegriffen. Und mein Bruder... er... er hat alles gegeben. Er hat gekämpft wie er konnte, um mich und meinen Vater zu retten. Denn das war ja die Pflicht eines guten Ritters, alles zu geben um seine Nächsten zu schützen. Aber... Aber...", er schloss die Augen, eine Träne rann ihm über die Wange. Er zitterte am ganzen Körper.
"Als die Räuber dann merkten, dass es sich nicht lohnte uns zu überfallen und mein Bruder sie eigenhändig in die Flucht geschlagen hatte... Mein Vater und ich haben nur dank ihm überlebt, nur dank seines Mutes. Aber er selbst... ich kann mich noch erinnern, wie er uns mit röchelndem Atem angelächelt hatte. Er stand einfach da... im Regen des Geitters, das während dem Kampf angefangen hatte. Aus seiner Brust war so viel Blut geflossen... und während er am Boden lag und wir nichts tun konnten... wie sich das Blut mit dem Regenwasser vermischt hat... und er verblutet ist, während der Himmel über ihm zusammengebrochen ist. Diese Bilder werde ich nie vergessen können. Niemals. Der Donner als er erstochen wurde... er geht mir einfach nicht mehr aus dem Gedächtnis..."

Nyrias Blick huschte über den Falben, wie er da vor ihr auf dem Boden kauerte. Sie hatte keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Ihr war klar, dass sie nicht sonderlich feinfühlig war, daher wollte sie nicht das falsche sagen.
"Das... das ist schrecklich...", sagte sie schließlich leise. Für eine Zeit könnte sie nur den schweren Atem Alerias hören, der unter dem Rauschen des Regens fast unterzugehen drohte.
"Weißt du", begann der Hengst, während er den Kopf zu Nyria drehte und sie aus glänzenden Augen ansah. "Ich habe mich an diesem Tag so verdammt hilflos gefühlt. Und dieses Gefühl war furchtbar... ich habe mir damals geschworen, dass ich mich nie wieder so fühlen darf. Dass ich nie wieder so nutzlos sein darf, daneben zu stehen und nichts tun zu können. Mein Bruder war immer der Mutigere von uns beiden gewesen. Ich weiß, dass -was auch immer ich machen werde- nie so werden kann wie er es war. Aber ich kann mein Bestes tun so nah wie möglich an ihn heran zu kommen. Daher ist dies hier die einzige Möglichkeit für mich, sein Andenken zu Ehren. Ich mache diese Ausbildung für ihn. Damit sein Opfer, nicht umsonst gewesen ist."
Alerias Blick war so ernst, wie Nyria es von dem Hengst noch nie gesehen hatte. Er war ihr Freund, dennoch war sie immer der Meinung gewesen, dass er einfach nur ein aufgeblasener Angeber ohne wirkliches Rückkrat war. Dabei hatte sie nie versucht zu verstehen warum et so war. Dass es da mehr gab, als nur das was sie sah. Dass er darum kämpfte besser zu werden und mit seinen eigenen Schwächen nur nicht zurecht kam, weil es ihn an diesen einen Tag erinnerte. Auf einmal bewunderte Nyria ihn für seine Stärke. Sie machte diese Ausbildung nur für sich Selbst, aber Alerias trug gewisser maßen die Last für zwei. Selbst wenn sie das alles vielleicht nicht komplett nachvollziehen konnte. Er hatte sein Zuhause und seinen Vater aufgegeben, um seinen Bruder zu Ehren.
"Du wirst ein guter Krieger. Da bin ich mir sicher.", sagte Nyria mit fester Stimme. Ein leichtes Lächeln blitze in Alerias Gesicht auf, bevor er sich umdrehte. Das Gewitter trieb noch immer sein Unwesen zwischen den dunklen Wolken. Blitz und Donner rissen durch die Luft. Doch Alerias lag nun ganz entspannt da, sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Und so schloss auch Nyria die Augen. Sie lauschte ruhig dem Regen und dem sampften Rauschen der Blätter, die im Wind wie ein riesiges Orchester spielten. Und so dauerte es nicht lange, bis auch sie in die erholsame Schwärze des Schlafes eintauchte.

Nyria - Kriegerin der Garde Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt