Mit zitterndem Atem blähte die Stute ihre Nüstern auf. Die Augen hatte sie zusammengekniffen, in dem Versuch das Brennen zu unterdrücken. Dennoch bahnte sich eine Träne den Weg durch ihr braunes Fell und bildete einen kleinen glänzenden Fleck auf dem kalten Stein. Sie hatte versagt. Der Pfeil hatte zwar den Kopf des obersten Wächters verfehlt, doch sie war sich sicher, dass Sayero nicht so einfach aufgeben würde. Die Wachen um den Wächter waren zwar verdoppelt worden, aber das würde für Sayero kein großes Hindernis darstellen, immerhin war der graue Hengst nicht dumm. Und außerdem hatten sie den vermeintlich Schuldigen mit Nyria ja gefasst. Obwohl sie innerlich hätte schreien müssen, fühlte sich die Stute wie gelähmt. Ihr Inneres war leer. So unglaublich leer, wie ein schwarzes Loch, das alle Regung in sich aufsog und sie für immer begrub. Sie würde hier sterben. Denn Hochverräter, und als das galt sie nun, wurden gnadenlos hingerichtet.
Sterben. Unfähig sich deutlich zu machen, was genau das eigentlich bedeutete. Mit einem stoischem Blick in die Dunkelheit lauschte Nyria ihren Gedanken. Doch wie noch Momente zuvor bei ihrer Gefangennahme rasten sie nicht mehr. Stattdessen war alles still. Das Einzige was sie erfüllte war das Geräusch der Tropfen, die in regelmäßigen Rythmus auf den Stein fielen. Oder das knistern der Fackeln, deren Feuer die Zellen in ein schummriges Orange tauchte.
Dabei war es doch eigentlich ganz einfach. Sie würde nicht nur ihr Leben verlieren, sondern auch alles andere. Sie war oft schon dem Tod nahe gewesen, hatte ihm aber immer kalt entgegen geblickt. Er war als Fohlen ihr ständiger Begleiter gewesen. Doch heute war alles anders. Es gab etwas das sich im Gegensatz zu früher verändert hatte. Früher hatte Nyria außer ihrem Leben selbst nichts zu verlieren gehabt. Denn außer für den Überlebensdrang selbst, hatte sie für nichts zu leben gehabt. Aber nun warteten Freunde auf sie. Naur, Elana und Alerias.
Sie würde Naur nie wieder sehen. Sein warmes Lächeln, das ihr jedes mal das Gefühl gab, dass die Welt vielleicht doch kein so schrecklicher Ort war, wie es ihre Kindheit ihr gelehrt hatte. Seine fröhliche Art, die ihr gezeigt hatte, wie verbittert sie gewesen war und das glücklich sein viel schöner war. Und nun folgten der ehemals einzigen Träne unzählige weitere. Nyria war keine Stute die weinte. Doch bei dem Gedanken an den Dunkelfuchs überkam sie plötzlich eine unendlich tiefe Trauer. War er doch das erste Pferd in ihrem Leben, bei dem sie das Gefühl hatte, das nicht nur er ihr, sondern auch sie ihm wichtig war. Und für eine Stute die es gewohnt war von allen gehasst und betrogen zu werden, war das die Welt. Sie vermisste Elanas Lachen, das mehr an das Gackern eines Huhnes erinnerte, aber dennoch immer so ehrlich geklungen hatte. Die Stärke der Fuchstute hatte Nyria immer bewundert, ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein. Und selbst Alerias, der definitiv zu viel Selbstvertrauen für zu wenig von allem anderen hatte, selbst diesen eingebildeten Falben vermisste Nyria nun.
Die Stute biss die Zähne aufeinander und versuchte ihre Tränen zu unterdrücken. Das war alles, von dem sie nie auch nur zu träumen gewagt hatte. Sie hatte es alles gehabt, hatte es nach so langer Zeit endlich erreicht. Ehrliche Freunde, ein Leben ohne Hunger. Einen Sinn. Die Stute verzog das Gesicht und spannte ihre Muskeln an. Sie hätte diese verdammte Prüfung nicht verlassen sollen! Sie hätte sie bestanden und wäre für immer alle Sorgen los geworden! Sie hätte ein zufriedenes Leben haben können... Aber stattdessen war sie nun hier, lag zum Verotten, wie der elendige Streuner der sie war, auf dem Boden dieser verdreckten Zelle!
Sie vergrub den Kopf unter ihrer Brust und spürte wie die Tränen zurück kamen. Ein Schluchzen halte durch die Zelle. Was hatte sie nur angerichtet... Sie hatte alles zerstört... Nein. Sayero hatte alles zerstört. Er war der Grund, weshalb sie die Ausbildung abgebrochen hatte, um hier her zu kommen. Er war Schuld, dass sie nun hier war, um auf den Tod zu warten. Und nun lag sie hier, unfähig irgendetwas zu tun, der Willkür anderer ausgeliefert und dazu verdammt die letzten Stunden ihres Lebens in einem dunklen, kalten Loch zu verbringen. Regungslos blieb die Stute liegen. Für eine gefühlte Ewigkeit. Hoffnungslos und zusammengebrochen. Tropf... Tropf... Tropf... Das Einzige was zu hören war.
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Nyria - Kriegerin der Garde
PetualanganHunger. Gewalt. Hass. Mit all diesen Dingen und noch mehr hat Nyria schon seit ihrer Geburt zu kämpfen. Die junge Stute lebt als Streunerin in der Untersten der sechs Stände, die es im Königreich Catea gibt. Doch dieses Leben wird immer schwerer und...
