Kapitel 44

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Der kalte Herbstwind zerzauste Nyria die Mähne. Man konnte in der Luft bereits den Winter spüren, der langsam immer näher kroch. Die Roanstute stand mit einigen anderen Pferden auf dem großen Platz und schaute ihrer Lehrerin und Ilano zu, wie sie die Schwerttechnik, die sie heute gelernt hatten, noch einmal zeigten. Mit einer ruckartigen Bewegung stieß Lady McKara nach vorne und zielte dabei direkt auf Ilanos Brust. Der schwarze Hengst aber sprang zur Seite und zog elegant das Schwert auf Halshöhe der Stute. Diese blieb rechzeitig stehen, sodass das Schwert nur vorsichtig auf ihrer Kehle auflag. Nachdem sie den Bruchteil einer Sekunde so verharrten, nahm Ilano sein Schwert zurück und steckte es mit einer geschmeidigen Bewegung in seinen Gurt. Lady McKara tat es ihm gleich. Ausweichen mit Angriff hatten sie diese Technik genannt. Doch Nyria starrte heute wie die meisten anderen nur resigniert nach vorne. Sie hatte den Kopf gesenkt und stand zusammengekauert da, denn der unerträgliche Wind zog heute mit beißender Kälte an ihrem Fell.
"Damit beenden wir das Schwerttraining für heute. Da in eurer nächsten Prüfung die Disziplin Nahkampf geprüft wird, werden wir uns heute mal wieder dem Kampf ohne Waffen widmen.", Lady McKara kniff die Augen zusammen und legte die Ohren nach hinten, als ihr eine Böe entgegenkam. Man sah ihr an, das ihre Laune durch das Wetter auch nicht gerade die Beste war.
"Also!", kämpfte die Stute gegen den Wind an, "zuerst Kämpfen... Nyria und Heros!"

Nyria riss erschrocken den Kopf nach oben, als sie ihren Namen hörte. Hatte sie sich gerade verhört? Sie sollte gegen Heros kämpfen? Einen der Besten Kämpfer und wahrscheinlich auch einen der größten Streunerhasser. Aber wahrscheinlich lag es daran, dass außer ihr eigentlich jeder aus ihrer Gruppe schon einmal gegen den kräftigen Hengst gekämpft hatte. Die Stute seuftze. Sich darüber aufzuregen hatte ohnehin keinen Wert. Wenigstens war es ein Kampf ohne Waffen...
Die Roanstute versuchte ihre Atmung zu beruhigen und richtete sich auf, bevor sie sich auf das Kampffeld begab. Heros stand ihr bereits gegenüber und blickte ihr voller Vorfreude entgegen. Sie wusste genau, auf was er sich freute. Seit fast einem halben Jahr keinen Streuner mehr zu verprügeln hatte sicherlich für Entzug gesorgt... Nyria atmete tief durch. Nein. Die müsste positiv denken. Sie hatte eine Chance, sie konnte es schaffen... Was machte sie sich eigentlich vor. Sich so etwas einzureden schaffte war unmöglich. Das hier würde schmerzhaft werden. Er war der Sohn eines Adligen und trainierte den Kampf seit seiner Kindheit. Er hatte Erfahrung, die Nyria mit einem halben Jahr Training unmöglich hätte wettmachen können. Und nun konnte sie nichts tun, außer in seine Hufe zu rennen. Sich vor dem Kampf zu drücken, war ihr nicht möglich. Und Ilanos Blicke in ihrem Rücken, machten die ganze Sache ebenfalls nicht wirklich besser. Die Stute hatte noch immer mit dem aufkommenden Hassgefühl zu kämpfen, jedes Mal wenn sie ihn sah.
"Los!", gab Lady McKara das Startzeichen. Nyria fixierte den Hengst mit den Augen und lenkte ihre ganze Konzentration auf ihn. Heros ging langsam einige Schritte nach rechts. Nyria drehte sich mit ihm, blieb aber auf ihrer Postition. Sie würde warten. Auszuweichen war hier ihre beste Chance. Also musste sie darauf achten, immer frontal zu dem Hengst zu stehen, nie die angreifbare Seite zeigen.

Mit einem Mal galoppierte Heros auf Nyria zu. Nach zwei kräftigen Sprüngen war er bei ihr angekommen und sie wich zur Seite aus. Allerdings blieb sie nicht stehen, sondern brachte sofort einen Galoppsprung Abstand zwischen sich und den Palominohengst. Sie hatte an seinem Blick gemerkt, dass Heros nicht direkt angreifen wollte. Er hatte darauf gesetzt, das Nyria auswich, um dann einen Tritt in diese Richtung zu setzten. Doch nun trafen seine Hufe bloß ins Leere. Mit einem grimmigen Schnauben drehte er sich um und griff Nyria direkt an. Sie wich erneut zur Seite aus, während Heros schon zu einem neuen Schlag ansetzte. Die Stute machte ein paar Schritte zurück, doch sie hatte die Größe ihres Gegners und damit seine Reichweite falsch eingeschätzt. Und so traf er sie hart an der Schulter. Mit einem schmerzvollen stöhnen knickten ihre Vorderbeine ein, doch sie zwang sich sofort wieder zu einem aufrechten Stand. Ihre Schulter pochte vor Schmerz. Die Stute biss dir Zähne zusammen. Sie durfte sich jetzt nicht ablenken lassen. Also versuchte sie den Schmerz auszublenden. Während Heros noch immer seinen Zwischensieg auskostete, drehte sie sich vollends mit der Hinterhand zu ihm und trat zu. Ein schmerzerfülltes Aufstöhnen und der Palomino fixierte sie. In seinem Blick lag der reine Hass, er blutete geradezu vor Verlangen zu kämpfen. Wie versteinert blieb Nyria stehen, gefesselt von diesem Blick, dem Gegner mit großen Augen entgegenstarrend. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, doch das war bereits zu viel. Und so konnte sie nicht rechzeitig reagieren, als erneut Hufe auf sie zurasten. Mit einem unterdrückten Aufschrei ertrug sie die Schmerzen, die sich in ihrem Bauch breit machten und sich im Bruchteil einer Sekunden über ihren gesamten Körper ausbreiteten. Sie wehrte sich gegen ein Würggefühl und hob den Kopf. Ihr Atem ging stoßweise, sie musste ihn wieder unter Kontrolle bekommen. Doch sie hatte keine Zeit, sich wieder zu sammeln. Ein tritt gegen ihren Brustkorb und ihre Atmung setzte für einen Moment aus, bevor sie wieder unregelmäßig weiterging.

Nyria - Kriegerin der Garde Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt