Angestrengt balancierte Nyria das Tablett zwischen ihren Zähnen. Die Gläser wackelten gefährlich, als sie sich vorsichtig ihren Weg durch die zahlreichen Pferde suchte. Niemanden berühren, niemanden ansehen und schon gar niemanden anrempeln, wiederholte sie in Gedanken die Worte Niseros, die er mit seinem freundlichen Lächeln nochmal allen eingeschärft hatte. Aus seinem Mund hatten sie nicht im Ansatz so unfreundlich geklungen, wie sie eigentlich waren. Nur wie zum toten Wald sollte sie in diesem Gedränge niemanden berühren, während sie eine Metallplatte vor der Schnautze hatte, obwohl sie durch diesen Schleier sowieso alles nur wie durch dicke Nebelschwaden sah.
Sie zog erschrocken die Luft ein, als sie den Kopf nach oben reisen musste, damit ein grauer Hengst ihr nicht alle Gläßer zu Boden warf. Mit großen Augen beobachtete Nyria Die heftig schwankenden Gläser und betet das sie nicht vom Tablett kippten. Als alles glücklicherweise wieder zum stehen kam, hielt die Stute für einen Moment inne und atmete tief durch, bevor sie sich vorsichtig einen Weg an den Rand des vergleichsweise recht kleinen Saales bahnte und das Tablett auf einer verzierte hölzernen Anrichte abstellte. Durch den dünnen Stoff ihres Schleiers beobachtete de die Pferde, die an ihr vorbeizogen ohne die Roanstute überhaupt zu bemerken. Es waren hautsächlich Hengste, die auf die Hauptversammlung der Garde geladen worden waren und nun gemeinsam feierten. Die Luft war erfüllt von dem Geruch nach Bier und Wein. Nyria war sich sicher, das die meisten der Hengste hier schon mehr Alkohol getrunken hatten, als sie in ihrem ganzen Leben zu Gesicht bekommen hatte. Dabei sollte man erwarten das auf einer der wichtigsten Versammlung in ganz Catea etwas mehr Anstand walten würde. Immerhin waren die wichtigsten und bedeutensten Pferde der Garde Cateas hier anwesend. Sie würden ihre Pläne für die nächsten Jahre beschließen und neue Pferde zum Wächter ernennen, denen die Ehre zu Teil wurde in diesen kleinem Kreis an der Spitze der Garde aufgenommen zu werden. Und obwohl die Stimmung ausgelassen wirkte, lag doch eine gewisse Anspannung im Raum. Denn obwohl das Treffen feierlich anmutete, war es noch immer auch ein Kriegsrat. Der Krieg mit Aaren, dem Nachbarkönigreich Cateas, begann langsam an den Vorräten der Garde zu zähren. Und so wie es gerade auszusehen schien, würde der Krieg auch noch einige Zeit anhalten, da noch immer kein Frieden in Sicht war.
Sayero selbst war zu den Festlichleiten wohl eingeladen worden, da er ein Meister des Wortes war. Immerhin verwaltete er in Fort Mathar eine der vier größten Bibliotheken ganz Cateas. Nur die Büchersammlung des königlichen Schlosses, die der Handelsstadt Sel und der Festung der Wächter überragten ihre Größe. Nyria atmete einmal tief durch. Aber wie sollte sie Sayero hier nur finden? Sie hatte den ganzen Tag schon nach ihm Ausschau gehalten. Doch in diesem dichten Gedränge war es eine unmögliche Angelegenheit alles im Auge zu behalten. Und außerdem waren die Aufgaben einer Dienerin weitaus anspruchsvoller und vor allem zeitaufwändiger als die Stute es erwartet hatte. Immerhin konnte sie nicht einfach ihre neuen Pflichten vernachlässigen, wenn sie nicht sofort aus der Festung geschmissen werden wollte. Und so zupfte Nyria mit einem Seufzen ihren Schleier zurecht, nahm das Tablet wieder auf und stürzte sich erneut in die Menge.
Mit respektvoll abgewandten Blick bot sie den Gästen die unterschiedlichen Getränke an, von denen sie selbst einige noch nie zuvor auch nur gerochen hatte. Nyria ging ihren Pflichten so lange gewissenhaft nach, bis sie aus dem Augenwinkel plötzlich ein hellgraues Fell zwischen den Pferden aufblitzen sah. Blitzschnell reckte sie den Hals nach oben, sodass es die Gläser und Krüge fast vom Tablet haute. Nur mit Mühe konnte sie über die Köpfe der anderen Pferde hinwegsehen, die so gut wie alle einige Köpfe größer waren als die Stute. Doch sie konnte ihn dennoch erkennen. Geschickt und zielstrebig bahnte sich Scar Sayero seinen Weg durch die Krieger, wie eine Schlange die ihre Beute fest im Blick hatte. Nyria schaute sich kurz um und drückte beiläufig einer weiteren Dienerin ihr Tablet mit den flüchtigen Worten 'Übernimm mal kurz für mich...' ins Maul. Den Blick wendete sie nicht von der Richtung ab, in die Sayero gerade unterwegs war. Mit Mühe konnte sie noch gerade so erkennen, wie er den Saal verließ und durch eine offene Türe in den nächsten Raum verschwand.
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Nyria - Kriegerin der Garde
AdventureHunger. Gewalt. Hass. Mit all diesen Dingen und noch mehr hat Nyria schon seit ihrer Geburt zu kämpfen. Die junge Stute lebt als Streunerin in der Untersten der sechs Stände, die es im Königreich Catea gibt. Doch dieses Leben wird immer schwerer und...
