In gleichmäßigem Tempo ruckelte der Karren über die steinige Straße. Mit großer Mühe versuchte Nyria ihre Augen offen zu halten. Sie waren die ganze Nacht hindurch gefahren, hatten nicht einmal angehalten. Und nun stand die Sonne bereits wieder hoch am Himmel. Die Stute hatte sich verboten zu schlafen. Sie musste wachbleiben, um rechzeitig vom Wagen abspringen zu können. Wenn die Hengste sie entdecken würden... Nyria schüttelte sich die Vorstellung zusammen mit ihrer Müdigkeit aus dem Fell. Sie musste aufmerksam bleiben. Mit einem Seufzen legte sie ihren Kopf auf den Rand des Karren und beobachtete die vorbeiziehende Landschaft. Schon vor einer ganzen Weile war der dichte Wald weiten Wiesen gewichen. Überall blühten bunte Wildblumen zwischen den Grashalmen. Um sie herum schwirrten zahlreiche Insekten, die die Luft mit einem leisen Surren erfüllten. Ein sanfter Wind strich Nyria über das Fell. Es war wirklich ein wundervoller und sonniger Tag. Welch grausame Ironie, dass dies vielleicht der Tag war, an dem der oberste Wächter sterben sollte... doch Nyria würde alles dafür tun dies zu verhindern.
Sie drehte ihre Ohren interessiert nach vorne, als links neben ihr ein See hinter einer leichten anhöhe auftauchte. Ihre Augen wurden groß, als sie erkannte wo sie sich befanden. Blutrot glitzerte die Wasseroberfläche im Licht der Sonne. Das stehende Wasser hatte einen leicht roten Ton, sodass der gesamte See aussah, als wäre er mit dem Blut tausender Pferde gefüllt. Die Stute hatte in Büchern von diesem Ort gelesen, doch nie hätte sie gedacht, das es stimmen würde was über den See von Estador erzählt wurde. Doch nun sah sie es mit eigenen Augen. Ein großer, roter See inmitten grüner Wiesen. Am Ufer lag die Festung der Wächter, die nun langsam aus der Ferne auftauchte. Der See selbst wurde nach einem der größten Krieger vergangener Zeiten benannt. Sir Estador, der erste oberste Wächter Cateas, verteidigte diese Festung im großen Krieg der Neun Heere ganz alleine gegen eine komplette Armee. Es heißt, dass es noch immer das Blut tausender seiner Feinde ist, dass bis heute das Wasser des Sees rot färbt. Es soll allen als Mahnung dienen, es nicht einmal zu wagen, diese Burg anzugreifen. Es gab sogar Gerüchte, das die Festung der Wächter besser geschützt war als das königliche Schloss selbst.
Ehrfürchtig blickte die Roanstute der immer näher kommenden, steinernen Festung entgegen. Sie hatte sich beim Lesen vorgestellt welchen Eindruck sie wohl machen musste. Doch trotz allem was sie sich ausgemalt hatte, machte sie das was nun in der Ferne vor ihr trohnte volkommen sprachlos. Wie fehl am Platz stand die riesige Burg zwischen leeren Feldern an diesem See, weit und breit nichts das nur ansatzweise an ihre Höhe heranreichen konnte. Nicht einmal ein einziger Baum. Die Burg hätte verloren aussehen müssen, aber das tat sie nicht. Ganz im Gegenteil. Es wirkte als wären die Steine schon vor Ewigkeiten zusammen gesetzt worden, schon lange bevor es dieses Land überhaupt gegeben hatte. Die Festung unterlag nicht der leeren weite der Ebene. Sie machte den Ort zu etwas Besonderem. Sie verlieh ihm eine bedrohliche und doch schützende Ruhe, strahlte unendliche Kraft aus, die ihren Weg durch das Gemäuer nach draußen fand. Die Festung der Wächter war mehr als nur eine Burg, sie war ein Ausdruck der Macht. Sie war das Zentrum der größten Streitmacht ganz Miträas, der Garde des Königreiches Catea. Nyria atmete tief durch. Hier würden sie also auf den obersten Wächter treffen. Als sie näher kamen konnte die Stute erkennen das bereits mehrere Dutzend Karren und Kutschen aller Größen und Klassen auf der Straße und dem Platz vor der Festung standen. Das rege Treiben würde es Nyria leichter machen unbemerkt vom Karren zu springen. Und so stand sie mit wackeligen Beinen auf, als sie an den ersten abgestellten Wägen vorbeifuhren. Sie schüttelte sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und fixierte den Boden. Mit einem Ruck sprang sie vom wagen, viel in einen leichten Galopp und suchte hinter einem anderen Wagen Deckung. Als sie vorsichtig hinter dem Holz hervorsah, konnte Nyria erkennen das Sayero und der Dunkelfuchs ungestört weiterfuhren. Sie hatten sie also nicht bemerkt.
Nyria schnaubte erleichtert. Doch nun war nicht die Zeit für Ruhe. Sie musste den zweiten Karren des Dunkelbraunen finden, um nach der Streunerin zu sehen. Vorsichtig wagte Nyria sich aus ihrem Versteck und schaute sich nach dem Karren um. Doch er fuhr nicht mehr vor Sayero her, sondern war verschwunden. Nyria ließ ihren Blick über die zahlreichen Wägen gleiten, während sie sich sich die größte Mühe gab möglichst unauffällig durch die aufgeregt umherlaufenden Pferde zu gelangen. Die meisten beachteten sie gar nicht, nur wenige sahen ihr verwirrt oder verärgert entgegen. Doch sie konnte den Karren nirgends finden. Und so folgte sie weiter möglichst unaufällig dem Wagen auf dem Scar Sayero saß. Vor dem Eingang blieb der Karren dann einen Moment lang stehen. Der Graue sprang vom wagen ab und eilte zu den Wachen die vor den großen und aufwändig verzierten Toren postiert waren. Nachdem Sayero ein paar Worte mit ihnen gewechselt hatte, trat er durch das Tor und verschwand in der Festung. Nyria schnaubte. Dorthin würde sie ihm so leicht nicht folgen können. Die Wachen würden sie nie hinein lassen. Also müsste sie einen anderen Weg finden um hinein zu gelangen. Aber bevor sie sich darüber den Kopf zerbrechen würde, würde sie zuerst dem Fuchs folgen, der in diesem Moment das Zugrind mit der Peitsche dazu bewegte wieder loszulaufen. Er fuhr zu einigen Karren, die etwas abseits der anderen Kutschen standen. Einer davon war der, auf den sie die Streunerin auffeladen hatten. Nyria blieb in sicherer Entfernung stehen und wartete gespannt, bis sich der Fuchs in schnellem Schritt davon machte. Als Nyria sich nach ein paar Momenten sicher war, dass er nicht gleich wieder zurückkam, trabte die Stute zu dem Karren.
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Nyria - Kriegerin der Garde
AventuraHunger. Gewalt. Hass. Mit all diesen Dingen und noch mehr hat Nyria schon seit ihrer Geburt zu kämpfen. Die junge Stute lebt als Streunerin in der Untersten der sechs Stände, die es im Königreich Catea gibt. Doch dieses Leben wird immer schwerer und...
