“Der Nussknacker ist Claras Geschichte. Und das ist mehr als eine Rolle.“, sagte Mr Kamarakov, während er mir den Nussknacker in die Hand drückte. “Du musst die Zuschauer ein Abenteuer erleben lassen. Du musst sie verzaubern. Sie in eine andere Welt versetzen.“ Als die Musik anging, fing ich an zu tanzen. Ich war mit acht das erste Mal am Meer. Als wir am Strand ankamen, sprang ich aus dem Wagen und stürzte mich in die Wellen. Ich glaubte, ich wüsste alles und hörte nicht auf die Warnungen meiner Eltern. In drei Minuten hatte mich die Strömung ins Meer hineingezogen. Ich war völlig überfordert. Aber das war mir gar nicht bewusst. “Sehr schön, Isabella. Sehr schön. Halt dich warm bis die anderen da sind.“ Ich nickte und gab Kats Vater den Nussknacker wieder, bevor ich an die Stange ging.
“Für wen bist du die Zweitbesetzung?“, fragte Abigail mich, als sie an die Stange kam.
“Für niemanden.“, antwortete ich. Abigail verzog das Gesicht, als würde ich ihr leid tun. “Oh sorry. Ich dachte wirklich, sie geben dir was. Ich bin die für Clara.“, sagte sie dann.
“Wie schön.“, erwiderte ich. Wenn sie wüsste.
“Oh Ethan, wie schön, dass du da bist. Meine Assistenten kommen in der Regel vor den Tänzern.“, meckerte sein Vater. Vertieft in sein Handy blickte er gar nicht hoch und half seinem Sohn nicht einmal, der versuchte ein paar Sachen zu tragen. “Okay, erster Akt, zweites Bild. Schneeflockenwalzer. Isabella in die Mitte bitte.“ Lächelnd stieß ich mich von der Stange ab und hüpfte in die Mitte,um mich in Position zu bringen. Da noch niemand wusste, dass ich die Clara tanzte, wurde ich von allen angestarrt. Die Leute tuschelten, doch ich ignorierte es. “Ich gratuliere. Halt dich nicht zurück beim grande jeté.“, sagte Ethan leise zu mir und ich nickte. Sein Vater stand mit verschränkten Armen angelehnt an seinem Tisch und sah uns an. “Ethan, ich brauche dein Fachwissen hier.“, sagte er und Ethan ging zu ihm rüber. Sie redeten kurz und Ethan sah seinen Vater entsetzt an, nur um dann zu gehen,um ihm einen Kaffee zu holen. “Schneeflocken auf Position bitte.“
“Eine Probe und ich hab jetzt schon das Gefühl, dass ich...“ , begann ich zu jammern. Sammy und ich liefen die Treppe herunter. Die Probe war hart gewesen. Härter als ich es mir je vorgestellt hatte. “Ertrinke?“, beendete Sammy meinen Satz und ich nickte. “Es ist einfach so viel, was man sich merken muss.“, machte ich weiter, doch Sammy schien nicht ganz bei der Sache zu sein. Hin und wieder kam ein zustimmendes Brummen, doch ich bezweifelte, dass er mir ernsthaft zu hörte geschweige denn, dass es ihn interessierte. “Sammy!“, hörte ich hinter mir eine Stimme. Christian kam auf uns zugelaufen. “Hallo.“, begrüßte er mich, als er vor uns stehen blieb. “Und wie ist das Leben im Rampenlicht?“ Ich lachte leicht.
“Ich habe mich wenigstens noch nicht total blamiert.“, bemerkte ich.
“Der Tag ist noch lang.“, ärgerte mich Christian und ich verdrehte die Augen. “Oh danke.“, lachte ich, “Wir sehen uns.“ Somit verabschiedete ich mich von den Jungs und ging weiter.
“Okay, denk dran, was wir gesagt haben.“, redete Ethan auf mich ein, während ich ein paar Drehungen machte. “Ganz konzentriert, behalte deinen Punkt im Auge und...“ Da mir ein wenig schwindelig geworden war, stoppte ich und blieb stehen. Die Proben machten mich müde und erschöpften mich. Ethan hörte auf zu reden und sah mich an. “Ihr erwartet einfach zu viel von mir. Clara ist die ganze Zeit auf der Bühne. Ich glaub, ich bin noch nicht so weit.“, sagte ich und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ethan öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wurde jedoch prompt unterbrochen.
“Wenn du nicht so weit wärst, hätten wir dich nicht besetzt.“ Sein Vater stand in der Tür und sah mich an. “Es war ein langer Tag. Ruh dich aus für morgen.“, ergänzte er und ich nickte dankbar. “Ich möchte dich kurz sprechen, Ethan.“ Ich ging zu meiner Tasche und sah kurz zu Vater und Sohn, die miteinander reden wollten. Sie warteten bis ich aus der Tür verschwunden war. Obwohl ich es eigentlich nicht tun sollte, blieb ich an der Wand stehen und lauschte. Es war eigentlich nicht meine Art, doch ich war neugierig, worüber sie sprachen. “Assistent eines Choreografen zu sein ist eine komplizierte Aufgabe, Ethan.“, kam es von Mr Kamarakov.
“Ehm Bella war unsicher bei Teilen der Choreografie.“, entgegnete Ethan. “Ich habe eine unerfahrene Tänzerin in der Hauptrolle und du willst ihr unaufbesichtigt Ratschläge geben?“ Das war sein Problem? Dass er mir helfen wollte?
“Ich dachte, es spart uns viel Zeit.“, verteidigte sich Ethan.
“Du hast beim Vortanzen für Isabelle plädiert und ich habe genug Potenzial gesehen, um ihr die Chance zu geben. Aber sie muss kämpfen. Du musst professionell bleiben. Ist dir das klar?“ Ich hörte nichts mehr. Ethan musste genickt haben. Bevor sein Vater die Tür erreichte, war ich schon weg.
Die Proben am nächsten Morgen gingen weiter. Doch mir fehlte jegliche Motivation, um wirklich mein bestes zu geben. Ständig hatte ich die Worte von Ethans Vater im Hinterkopf. Ich wusste, dass ich nicht gut genug war. Der einzige Grund, wieso ich die Rolle hatte war Ethan. Ich wusste nur nicht, wieso er sich für mich eingesetzt hatte. Oft verwirrte er mich einfach. In einem Moment war er wirklich nett und im anderen Moment ein großer Idiot. “Musik aus.“, kam es von Ethans Vater. Die fehlende Konzentration musste man mir anmerken. Ich hielt mit meinen Bewegungen inne und schaute zu ihm. “Stage left, Isabella. Stage left.“ Am liebsten hätte ich mich selbst für diesen Fehler gohrfeigt. “Nochmal bitte.“ Schnell stellte ich mich in die Ausgangsposition. “Musik ab.“ Ethan startete die Anlage, doch ich verpasste meinen Einsatz. Verwirrt sah ich zu Ethan. “Wo ist mein Einsatz?“, fragte ich.
“Da war er.“, antwortete er. Als ich realisierte, dass er recht hatte, fing ich schnell an zu tanzen.
“Musik aus. Du bist um einen halben Takt zu spät. Wir haben keine Zeit für sowas.“, sagte Ethans Vater genervt. “Was ist das Problem?“, fragte er noch.
“Ehm, ich fürchte ich habe meinen Punkt verloren.“, sagte ich leise.
“Wir müssen weiter machen. Hol dir 'ne DVD. Bei der nächsten Probe muss das sitzen. Wir machen mit den Schneeflocken weiter, danke.“ Atemlos ging ich an den Rand. Wenn das so weiter ging, würde ich noch durchdrehen.
Auch wenn Ethan versuchte mich auf dem Weg zum Wohnhaus aufzumuntern, schaffte er es nicht. Das alles war einfach zu viel für mich. Und ständig spielte sich in meinem Kopf das Gespräch zwischen Ethan und seinem Vater ab. Sie ist unerfahren. Sie ist unsicher. Ethan öffnete die Tür zum Haus und ließ mich eintreten. Aus dem Aufenthaltsraum hörte ich die Stimme von Abigail. “Wir wissen ja, wieso sie sie tanzt. Es hilft sehr, wenn man den Assistenten des Choreografen um den Finger wickeln kann.“ Sprachlos sah ich Abigail an. Als sie mich bemerkte, schwieg sie. Ohne ein Wort zu sagen, ging ich einfach an Ethan vorbei. Hätte ich noch Kraft gehabt, hätte ich ihr eine runter gehauen. Doch ich hatte keine mehr.
Die Tatsache, dass alle dachten, ich hätte Ethan um den Finger gewickelt, um die Rolle zu bekommen, machte es nicht besser. Dadurch war ich noch unkonzentrierter und die Probe am nächsten Tag verlief wieder nicht so wie Mr Kamarakov sich das gewünscht hatte. “Das reicht nicht, Isabella. Sei größer, höher. Du trägst das Ballett an dieser Stelle. Musik aus. Aus.“ Ich stoppte und fuhr mir mit der Hand über mein Gesicht. “Wir machen es so lange bis du es hast, Isabella. Von Anfang bitte.“, sagte Ethans Vater streng.
“Oh ehm mein Knie tut etwas weh.“, log ich gekonnt.
“Wie schlimm ist es?“, seufzte Mr Kamarakov.
“Ich glaube, ich habe es verdreht beim letzten Pas de chat.“, log ich weiter.
“Vielleicht hast du recht. Vielleicht bist du noch nicht so weit.“ Ethans Vater tätschelte mir die Schulter und ging an mir vorbei. “Abigail, übernimm bitte Isabellas Rolle für diese Probe, ja?“ Ich schaute vom Boden auf direkt in Ethans Gesicht. Ohne etwas zu sagen stellte ich mich an den Rand. “Ich weiß, dein Knie ist okay. Sag ihm, du kannst es.“, flüsterte Ethan, doch ich schüttelte den Kopf.
“Was macht das Knie?“ Ich öffnete die Augen und entdeckte Ethan über mir. Ich war nach der Probe in den Park geflüchtet. Das hatte ich früher sehr gern gemacht, wenn ich nachdenken musste. Im Park habe ich mich dann ins Gras gelegt, die Wolken beobachtet und nachgedacht. Manchmal schloss ich auch einfach die Augen, um der Realität zu entfliehen. Genau wie in diesem Moment. Seufzend sah ich zu ihm hoch. “Du hättest dich nicht für mich einsetzen müssen.“, sagte ich dann. “Doch sicher.“ Er hielt mir die Hand hin, um mir zu helfen mich aufzurichten. Wenn man sich zu weit hinaus wagt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man ertrinkt. Aber wenn man die Hand ausstreckt, ist vielleicht jemand da, um zu helfen den Kopf über Wasser zu halten. Ethan setzte sich neben mich ins Gras und schaute mich an. Er hielt mir ein vierblättriges Kleeblatt hin, das ich lächelnd entgegen nahm. “Du bist die richtige für die Clara. Du musst dafür kämpfen.“, sagte er sanft und schaute mir dabei in die Augen. Ich blickte nachdenklich auf das Kleeblatt. Vielleicht hatte er recht. Und vielleicht war er gar nicht so ein Idiot, wie ich gedacht hatte.
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Dance Academy
FanfictionIsabella Johnson lebt in Australien und wird an der renomierten National Academy of Dance angenommen, an der sich ihr Leben ändert. Sie lernt mit ihren Mitschülern nicht nur Ballett, sondern auch Hip-Hop-Dance und Modern Dance. Doch die Freunde müss...
