Das Märchen, das ich als Kind am wenigsten mochte war die kleine Meerjungfrau. Mit 15 beschloss sie kein Fabelwesen mehr sein zu wollen. Sie wollte fühlen und lieben wie ein Mensch. Also tauschte sie ihren Fischschwanz gegen einen Mann ein. Jeder Schritt auf ihren neuen Beinen tat ihr weh wie ein Messerstich. Ich konnte die Geschichte nie leiden. Wäre es ein schönes Märchen gewesen, hätte sie für das eine nicht auf das andere verzichten müssen. “Denkt dran. Der Prinz sieht das Aschenputtel in diesem Moment das erste Mal.“, erinnerte uns Miss Raine im Unterricht. “Sie können die Augen nicht voneinander lassen. Gut Isabella. Lass die Arme fallen.“ Ich lehnte mich nach hinten, während Zach mich festhielt und ließ meine Arme sinken. Dann zog er mich wieder hoch und wir sahen uns in die Augen. “Ja, es funkt zwischen ihnen. Wer sagt es denn, endlich bekomme ich Ausdruck zu sehen.“, sagte Miss Raine fröhlich und ich lächelte stolz. Auf einmal klingelte das Handy von Tara. Sie war gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Deswegen kam sie nicht zur Aufführung. Sie und Christian konnten daher nicht mitmachen und saßen auf dem Boden herum. Tara ging schnell ran. “Max, ich ruf dich später an.“, sprach sie und legte dann schnell auf, nur um in Miss Raines strenges Gesicht zu sehen. “Tara, was ist es diesmal? Die entschiedene Farbe für die Serviettenfarbe?“, fragte Miss Raine genervt und nahm ihr das Handy aus der Hand. “Entschuldigung.“, sagte Tara sofort.
“Als du darum gebeten hast hier diese Festivität ausrichten zu dürfen, hieß es, es gäbe keine Störungen für den Ausbildungsbetrieb.“ Tara organisierte für uns alle eine Feier. Es sollte wie ein Ball werden. Wie zu Hause. “Ich weiß Miss Raine, ich verspreche es kommt nicht wieder...“,doch ehe sie den Satz beenden konnte, klingelte das Handy erneut. Ich biss mir auf die Zunge, um nicht zu lachen. Der Gesichtsausdruck von Miss Raine war göttlich. “Tara kann gerade nicht.“, sagte diese, als sie ran ging. Dann legte sie schnell auf und fuhr mit dem Unterricht fort.
Christian hielt Tara das Handy ans Ohr, während sie den Gang entlang humpelte. Die Krücken erschwerten ihr es Dinge gleichzeitig zu tun. Besonders stressig war es, da sie mit der Organisation der Feier beschäftigt sein. Es sollte ein Winter Wonderland werden mit viel Schnee. Doch das schien schief zu laufen. “Was, die Schneemaschine ist vergeben? Wie kommt das? Aber ich habe sie doch bestellt. Seifenblasenmaschine?“ Tara sah uns fragend an, doch Kat machte ein Würggeräusch.
“Sowas lahmes. Das war schon out, als es mal inn war.“, sagte sie dann.
“Also keine Seifenblasen. Danke, Max.“ Christian legte für Tara auf.
“Nein, ich meinte das gesamte Fest an sich, Tara.“, erwiderte Kat und blieb stehen. “Das ist doch einer der wenigen Vorteile hier. Dass man die ganzen dämlichen Highschool Rituale weg lässt.“ Mir erschien Taras Winter Wonderland alles andere als dämlich. “Aber die gehören einfach zum Leben für uns Teenager. Das weiß man doch.“, sagte Sammy und ich kicherte. “Bitte Tara. Jetzt gib doch wenigstens zu, dass du nur das Fest willst, weil du mit deinem Freund hingehen kannst.“
Die Nachmittagsstunden waren langweilig. Die meiste Zeit saß ich nur rum und habe die anderen Tänzer beobachtet. Um so mehr freute ich mich mit Tara und Kat shoppen zu gehen. Tara suchte ein neues Kleid für die Tanzparty und ich brauchte auch dringend ein neues. Während Tara in der Umkleidekabine war, sahen Kat und ich uns um. “Hast du nicht auch Angst, dass wir unsere coolsten Jahre verpassen,weil wir...“, hörte man Tara in der Umkleide. “nichts tun außer tanzen?“, fragte Kat und unterbrach sie somit. “Ja.“ Kat schaute durch die Kleider an der Stange. “Der Ansicht bin ich auch.“,sagte sie.
“Deshalb wollte ich ja so gern einen Ball gegen AWZV.“ Verwirrt schaute ich zur der Kabine. “Was sagst du?“ Tara öffnete den Vorhang und sah mich an. “Angst, was zu verpassen heißt das.“ Kat und ich sahen uns an und prusteten los. “Das wird Kat morgen Abend kennenlernen. Wenn sie im Bett liegt, während wir auf dem Fest sind und feiern. Und dabei werde ich so aussehen.“ Tara kam in einem rosa Tüllkleid raus, das aber nicht wirklich schön aussah. Kat betrachtete das Kleid kritisch. “Ist doch einfach perfekt oder?“, fragte Tara strahlend. Kat hielt ihr ein anderes Kleid hin,woraufhin Tara sie böse ansah. “Vertrau mir.“
Letztendlich hatten wir doch die perfekten Kleider gefunden. Am Nachmittag half ich Tara bei den Vorbereitungen. Sie stand auf der Leiter, um die Lichterketten anzubringen und ich hielt sie fest. “Habt ihr meine Schwester gesehen?“, fragte Ethan uns, als er herein kam. Ich drehte mich zu ihm um ohne die Leiter loszulassen. “Sie hat glaub ich 'nen Anfall von AWZV.“, antwortete ich lachend, doch er sah mich nur verwirrt an. “Vergiss es. Was ist denn los?“, fragte ich.
“Ach gar nichts außer,dass sie schon überall rumerzählt hat, dass ich ein Angebot in der Company habe.“, antwortete er. Er schien jedoch nicht besonders glücklich zu sein.
“Du hast es wirklich? Mensch irre, ich gratuliere!“, rief Tara fröhlich von oben.
“Ja, das ist doch großartig.“,lachte ich. “Ja, aber ich bin der Ersatz für Damien Lang. Und dass er für immer aufhört, ist gerade erst bekannt geworden. Darum wollte ich es nicht rauspusaunen.“ Tara und ich schauten uns kurz an. Damien liebte das Tanzen. Vor kurzem hatte er sich eine Beinverletzung zugelegt, von der er sich wohl nicht mehr erholen würde. “Damiens Karriere ist zu Ende?“, fragte Tara bedrückt und etwas geschockt.
“Das schon. Aber jede Knieverletzung ist anders. Das muss also nichts heißen.“, stellte Ethan klar, doch Tara winkte ab.
“Oh ja klar. Vollkommen richtig.“ Dann widmete sie sich wieder der Lichterkette. Ethan und ich wechselten Blicke. “Was ist mit dir, Tara? Ich dachte, du willst bloß eins. Nämlich wieder tanzen.“,sagte Ethan. Tara sah uns an und stieg dann von der Leiter. “Wisst ihr. Vor dem Sturz, da hatte ich immer Angst, dass mir sowas passiert.“, erklärte sie.
“Das haben wir doch alle.“, warf ich ein.
“Und das ist jetzt anders. Kein Tanzlehrer schnauzt mich an,seit Wochen schon nicht. Außerdem muss ich nicht täglich trainieren und trotzdem glauben, ich wär noch zu schlecht. Auch wenn man sowas nicht sagt. Ich finde es gut verletzt zu sein.“, erzählte sie. “Denn ich habe endlich ein-“
“Einen Freund.“, beendete Ethan den Satz.
“Ein Leben. Das nicht nur tanzen ist.“,widersprach sie.
“Wenn es für immer wäre, würdest du anders reden.“, sagte Ethan. Ich stimmte ihm zu.
“Woher willst du das wissen?“,fragte Tara. Ethan zuckte mit den Schultern. “Ich kenne dich.“, war seine Antwort. Und in diesem Moment dachte ich, das wäre etwas Intimes zwischen den beiden. Dass ich nicht hätte hier sein sollen. Tara lächelte leicht. Und ich tat es auch.
Die Feier war schon in vollem Gange,als ich ankam. Das Einzige, das fehlte war Schnee. Doch dank Max, dem Typen, der uns keine Schneemaschine verleihen konnte, mussten wir ohne auskommen. “Hey,du siehst toll aus!“, strahlte Kat mich an. Überrascht sah ich zu ihr. “Danke. Du bist ja doch gekommen.“, lachte ich.
“Ja,ist zwar zweite Wahl, aber ich habe noch 'nen Begleiter aufgetrieben. Er war nämlich auch Solo.“, erzählte Kat und deutete auf Ethan neben ihr. Er trug ein blaues Shirt und darüber ein weißes Sakko. Kat hingegen trug ein schwarzes eng anliegendes Kleid. “Du siehst wirklich toll aus.“, meinte Ethan und anstatt wie immer sarkastisch zu sein, nahm ich das Kompliment gerne an. “Danke.“, lächelte ich und drehte mich einmal. Das Tüllkleid, das ich trug war lila und drehte sich mit. “Tara hat ja ihren Gips nicht mehr.“, stellte ich fest, als ich sie mit Christian enteckte. “Sieht wohl so aus.“, sagte Kat fröhlich. Ethan hatte es tatsächlich geschafft, als er mit ihr geredet hatte. Scheinbar lag ihm doch noch etwas an Tara. Und umgekehrt.
Kat und ich verbrachten den halben Abend damit zu tanzen. Da wir beide kein wirkliches Date hatten, schlug ich vor trotzdem Spaß zu haben. Wer brauchte schon Jungs, wenn man Freunde hatte? Völlig außer Atem kamen wir bei Ethan an, der sich nicht von der Stelle bewegt hatte. Er schaute zu ein paar Jungs, die ihn die ganze Zeit beobachteten. “Es war keine Absicht, enstchuldige. Die Worte kamen einfach aus meinem Mund.“, entschuldigte sich Kat aufrichtig. Ethan lächelte leicht.
“Ach weißt du, jetzt wo ich hier weggehe,sollen die doch alle denken, was sie wollen.“ Lachend stimmte ich zu. “Richtige Einstellung.“ Ich nahm mir einen Becher und füllte mir etwas zu trinken ein. Auf einmal spürte ich wie etwas Weißes vom Himmel fiel. Kat lief sofort zu Tara, doch ich blieb stehen und schaute nach oben. “Schnee? In Sydney?“, lachte ich. Ethan stimmte in mein Lachen ein. “Sieht wohl so aus.“ Er lächelte mich an. Das typische Lächeln, das jedes Mädchen zum Schmelzen bringen würde. Außer mir.
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Dance Academy
أدب الهواةIsabella Johnson lebt in Australien und wird an der renomierten National Academy of Dance angenommen, an der sich ihr Leben ändert. Sie lernt mit ihren Mitschülern nicht nur Ballett, sondern auch Hip-Hop-Dance und Modern Dance. Doch die Freunde müss...
