Unterwegs Zu Hause

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Es waren einmal lauter brave Mädchen und Jungen. Sie brachen zu einem großen Abenteuer auf. Jeden Abend traten sie an einem anderen Theater überall im Land auf und eine ganze Weile verlief die Tournee wie vorgesehen. Es wurde schön getanzt und es gab den üblichen Klüngel wie auf der Akademie. Das übliche Wer mag wen? Blah blah blah. Aber dann passierte etwas Ungewöhnliches. Je weiter sie sich von zu Hause entfernten, desto mehr veränderten sich die Jungen und Mädchen. Sie erfanden sich neu, so dass die alten Regeln keine Rolle mehr spielten. Durch das Reisen entstand eine Nähe, wie das häufig in so einer Situation ist. Und zum ersten Mal hatte eines der kleinen Mädchen sowas wie ein zu Hause gefunden. "Ich kenne durchaus den Rausch der Freiheit auf Tournee. Und ihr sollt auch euren Spaß haben. Aber das war eine Beleidigung. Für uns und für die Zuschauer. Wenn ihr euch nicht wie Profis benehmen könnt, kann die Besetzung auch völlig verändert werden. Bei irgendwelchen weiteren Vorfällen, auf oder abseits der Bühne, werden wir unbesetzen.", warnte Zach uns im Bus. Wir waren auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel der Tournee. "Er blöfft nur.", warf Ben ein, doch er hätte die Klappe halten sollen. "Okay, das reicht. Anhalten bitte.", meinte Zach an den Busfahrer gerichtet und ließ uns ausssteigen. Den restlichen Weg durften wir nämlich neben dem Bus her joggen.
"Vielleicht blöfft er doch nicht.", sagte Ben, der einen genervten Blick von mir kassierte. Nachdem ich ein paar wunderbare Tage mit Ethan verbracht hatte, als er da war, ging die Tournee los und alles war wieder normal. Dass wir nun bei einer enormen Hitze draußen laufen durften, war sowas von uncool. Und das nur dank Ben. "Wilkommen in Bellinger. Heimat des Frühsportlaufs und einer alten Akademietradition.", meldete Ollie sich zu Wort.
"Eine Tradition, die ich euch offiziell verbiete.", kommentierte Zach, der im Bus stand und uns beobachtete.
"Kein Stress, Zach. Ich halte die Kids schon in Schach.", sagte Grace grinsend.
"Das ist ein Nudistenlauf, oder?", fragte Ben neugierig nach.
"Der Frühsportlauf ist mehr als ein Nudistenrennen. Du brauchst Schlauheit und Geschick.", erklärte Ollie.
"Deshalb bist du letztes Jahr rausgeflogen?", fragte Christian, was mich auflachen ließ.
"Die kostbaren Erinnerungen. Gibt's hier immer so viele Fliegen?", warf Abigail ein. Lachend schüttelte ich den Kopf.

Nach einer halben Stunde kamen wir atemlos in dem Motel an, in dem wir übernachten sollten. Allerdings schien das ganze nicht so gut zu laufen, denn die Frau an der Rezeption behauptete, dass es keine Reservierung gab. "Aber die Bestätigung hatten wir gemailt.", meinte Zach entgeistert.
"Wir sind ausgebucht, tut mir leid.", entgegnete die Frau.
"Wir kommen doch jedes Jahr um diese Zeit."
"Oh ich weiß, der Frühsportlauf 1993. Solche Muskeln am Hintern vergisst keiner."
Peinlich berührt fuhr Zach sich mit der Hand über das Gesicht, während ich mit Grace belustigte Blicke tauschte. Mit meiner Hand fächerte ich mir Luft zu, da mir wirklich warm war. "Ihr super wichtigen Balletttypen kreuzt hier auf, macht jedes Mal einen Haufen Ärger..." Bevor die Frau zu Ende sprechen konnte, machte Grace einen Schritt nach vorne und unterbrach sie.
"Hi, Bob. Grace Whitney. Prix de Fonteyne Botschafterin." Lächelnd reichte Grace der Frau die Hand. "Ich würde gerne wissen, wie groß ist die Forelle?" Grace deutete auf den Fisch, der hinter der Frau an der Wand hing.
"Ich bin ja auch Spin-Anglerin. Aber ein solches Exemplar habe ich noch nie gefangen. Ich möchte wetten, Sie sind bestimmt die Vorsitzende des örtlichen Angelvereins." Die Frau begann zu lächeln und nickte stolz.
"Ja, man nennt mich auch die Fischflüsterin."
"Wow", sagte Grace beeindruckt. Tatsächlich hatte sie die Frau um den Finger gewickelt. Eins musste man ihr lassen, sie war überzeugend.

Am Abend trafen wir uns alle in einem der Zimmer, um Flaschendrehen zu spielen. Nachdem ich ein Glas mit irgendwas ekligem, das Ben zusammen gemischt hatte, trinken musste, war mir schlecht, so dass ich erstmal ausschied und zusah. Die Flasche zeigte nun auf Ollie. "Alles klar, ich wag es.", meinte dieser selbstbewusst.
"Ja, die Blase unter deinem eingewachsenen Nagel sieht lecker aus.", kommentierte Christian.
"Zach meinte es ernst mit der Umbesetzung. Also jetzt alle raus.", meinte Grace und versteckte sich unter der Decke. Ben zog daran. "Grace, bei dir laufen die besten Tourpartys und du wohnst am weitesten weg von Zach.", meinte er. Währenddessen öffnete Ollie den Verband um seinen Zeh. Angewidert verzog ich das Gesicht. "Das ist ja eklig.", sagte ich lachend, als ich sah, dass er einmal darüber leckte. Nun war mir wirklich übel. Plötzlich öffnete sich die Tür und Wes kam hinein. "Eins ist klar, ihr seid nicht so leise, wie ihr denkt.", teilte er uns mit.
"Machst du jetzt wieder auf Lehrer?", fragte Ben ungläubig.
"Erwachsener.", berichtigte ich ihn.
"Was treibt ihr denn überhaupt für Kindereien?", fragte Wes und schloss die Tür hinter sich. Ollie drehte die Flasche, welche auf Abigail deutete. "Abigail, Wahrheit, Wagnis oder..."
"Zungenkuss.", kam es wie aus der Pistole geschossen. Grinsend ging Abigail auf Ben zu und küsste ihn.
"Mhm, küssen kann er, Tara. Das war schön. Wer ist jetzt dran?" Lächelnd sah Abigail in die Runde. Fassungslos öffnete ich den Mund. Mit dem hatte ich echt nicht gerechnet.

Tara stand auf und rannte zur Tür, um Ben aufzuhalten. "Ben, bleib hier. Nimm doch Wahrheit.", sagte sie und versperrte ihm den Weg.
"Lass ihn doch in Ruhe.", warf Christian ein.
"Ja, Tara. Christian hat Wagnis gewählt. Er muss ran.", fügte Grace hinzu. Grinsend warf Ben sein Handy in die Luft und fing es wieder auf.
"Tara Webster, der Benster kneift nicht." Grinsend verließ er den Raum und kam mit einem Selfie von ihm und einem schlafenden Zach wieder. Abigail küsste so gut wie jeden außer Wes und Grace musste die Forelle stehlen. "Zungenkuss.", sagte Wes, als die Flasche auf ihn zeigte und küsste Grace. Abigail senkte den Blick.
"Ich bin ja so beliebt.", trällerte Grace fröhlich und lachte.
"Okay, und ich war jetzt schon ewig nicht mehr dran.", jammerte Ben und drehte die Flasche. Als sie auf mich zeigte, drehte er nochmal. So lange bis sie auf Christian zeigte. "Endlich. Endlich, du bist echt tot."
"Das ist Schummelei. Wenn ihr nicht nach Regeln spielt, geh ich ins Bett.", meinte Abigail gelangweilt und stand auf. Seufzend folgte ich ihr, da ich ziemlich müde war. "Ich geh auch, Leute. Gute Nacht.", meinte ich gähnend. Doch bevor wir gehen konnten, klopfte es an der Tür. Entsetzt blieben wir stehen.
"Versteckt euch.", wies Grace uns leise an. Sofort suchten wir uns ein Versteck, während Grace das Licht ausknipste und dann zur Tür ging, um sie zu öffnen und Zach verschlafen anzusehen. Erleichtert atmete ich aus, als er wieder ging. Das ging noch einmal gut.

Am nächsten Morgen hatten Christian und Ben eine Wette laufen. Beide machten beim Frühsportlauf mit. Der Gewinner durfte den Romeo für die nächste Show spielen. Auch Grace beschloss aus Spaß mitzumachen. "Die Regel Nummer eins, alle Teilnehmer starten splitternackt. Nur mit dem Handy. Regel zwei, jeder von euch muss sich drei Kleidungsstücke beschaffen. Und drittens, fotografiert euch, wie ihr eine Münze aus dem Brunnen auf der Hauptstraße holt. Der erste, der zurück ist ohne erwischt zu werden, geht in die Geschichte der Akademie ein.", erklärte Ollie die Regeln. "Frühsportler, seid ihr soweit?"
"Vive le tour.", trällerte Grace.
Die drei Teilnehmer zogen sich aus und liefen los, als Ollie das Zeichen gab. Wenig später entdeckten wir Ben und Christian auf uns zu laufen, doch Ben stolperte und fiel hin. Christian gewann. Von Grace gab es keine Spur.

Zach blickte uns wütend an. Grace wurde erwischt, was für uns alle Konsequenzen hatte, so viel stand fest. "Meine Frau rief heute morgen an. Schatz, deine Familie vermisst dich, aber wir verstehen, warum du alles gibst für die Tournee. Ich habe euch gebeten und ihr hört nicht auf mich. Ich drohe und ihr werdet festgenommen. Tara, ich gratuliere, du tanzt heute die Julia.", sagte Zach.
"Zach, ich ähm... Entschuldigung, die Pizza war wohl schlecht.", warf Ben ein. Er versuchte gerade tatsächlich seine Wettschulden zu begleichen.
"Ernsthaft?", fragte Zach. Ben nickte. "Na gut, der Ersatz, schaffst du den Romeo?"
"Ja", sagte Christian und nickte.
"Gut, ihr tanzt alternativ." Enttäuscht schüttelte Zach den Kopf und ließ uns stehen.

Ein tragisches Schicksal ereilte das kleine Mädchen. Obwohl sie sich so sehr angestrengt und auch wirklich verändert hatte, verfolgte sie ihr Schatten bis in ihr neues zu Hause. Ein Polizist führte Grace hinter die Bühne. Die Enttäuschung in Zachs Gesicht war deutlich zu erkennen. "Ich wette, Sie haben 93 den Lauf gewonnen, Zach.", sagte Grace.
"Miss Raine holt dich heute Nachmittag vom Bus ab.", teilte Zach ihr mit.
"Zach, es war nicht nur Grace.", mischte sich Ben ein.
"Ben!", unterbrach die Blondine ihn, woraufhin er schwieg.
"Ich denke, du bist krank?", fragte Zach und warf ihm einen undefinierbaren Blick zu. "Grace hat sich entschieden."
"Sie schicken mich wirklich zurück in die Akademie? Ist Ihre Autorität so schwach, dass Sie ein Exempel statuieren müssen an der bösen Grace?", fragte Grace sauer.
"Ich wollte das nicht."
"Die Tour wird nicht dieselbe sein ohne mich." Grace sah sich um. Schweigen breitete sich aus. Niemand sagte auch nur ein Wort. Grace' Blick blieb an Tara hängen. "Tu bloß nicht so, als ob du nicht froh wärst. Du wolltest doch unbedingt die Julia tanzen." Und so hat sich eigentlich gar nichts verändert. Außer vielleicht eine Sache. "Hey, vive le tour!", rief Ben Grace nach, was sie zum Lächeln brachte.

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