Die eigene Geschichte

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“Vergesst Bücher und vergesst auch Blogs. So wurden Geschichten über Tausenden von Jahren erzählt. Der Körper ersetzt Stift und Papier.“, erklärte Zach im Unterricht. “Jetzt bekommt ihr alle eine Aufgabe. Jeder von euch hat eine eigene Geschichte. Eine Geschichte, die euch geformt hat. Ihr sollt jetzt einen entscheidenden Moment eures Lebens auswählen. Und den werdet ihr dann am Donnerstag darstellen.“ Ich nahm den Zettel von Zach entgegen und verließ dann den Raum, um mich mit den anderen zum Mittagessen zu treffen. “Hallo, Kat. Hey.“, sagte Ben, als er sie erblickte. “Hier ist frei, wenn du willst.“ Kat sah ihn an und stammelte vor sich hin. “Äh... echt dumm von mir. Ich habe meine Spitzenschuhe drin vergessen.“ Sie drehte sich um und wollte gehen. So lief es immer in letzter Zeit, denn sie wollte Tara aus dem Weg gehen. Die beiden hatten sich immer noch nicht vertragen, was eine Qual war. Nicht nur für die beiden, sondern auch für uns. “Die hängen an deiner Tasche, wie man sieht.“, bemerkte Ben verwirrt. Kat blickte zu ihrer Tasche und sah dann ertappt zu uns. “Jetzt setz dich doch schon. Ich seh das ganz entspannt. Was passiert ist, ist Vergangenheit. Wenn ihr zusammen sein wollt, dann macht das doch. Ich glaube trotzdem noch an die große Liebe.“, begann Tara, was mich überrascht aufhorchen ließ. Kat lächelte leicht. Sie schien mehr als erleichtert darüber zu sein. “Ich muss jetzt los.“ Christian ließ seinen Teller stehen und erhob sich. “Ähm, und ich auch.“, sagte Kat und ging ebenfalls. Schien doch noch nicht alles in Ordnung zu sein.

Von Ethan hatte ich nur am Anfang etwas gehört. Mittlerweile meldete er sich immer weniger, was mich nervte. Das ganze Gerede wir sollten ausgehen und dass er mich so mochte, war anscheinend nur so daher gesagt. Enttäuscht davon, dass es wieder nichts neues gab, legte ich mein Handy beiseite und schaute mir den Aufgabenzettel an. “Da steht nur, wir sollen unsere Geschichte erzählen und darstellen zur Musik.“, bemerkte Ben und ich nickte.
“Okay, ich bin zwölf Jahre alt, seit Monaten gab es keinen Regen und schlagartig gibt es dann einen Schauer und ich tanze unter einem Regenbogen.“, begann Tara und breitete die Schmetterlingsflügel aus, die sie sich angelegt hatte.
“Nein, ich denke sie meinen was sehr wichtiges. Was entscheidenes für unser Leben. So wie den Zorn, den ich fühlte, als ich erpresst wurde, das Royal Ballett aufzugeben.“ Verwirrt blickte ich Grace an.
“Ich wusste gar nicht, dass das so war.“, stellte ich fest. Aber sie ignorierte mich. “Oder die Verzweiflung, als ich versucht habe die Nachbarskinder vorm Ertrinken zu retten. Oder diese Wut bei der Festnahme beim Protest gegen den G20 Gipfel.“, machte Grace stattdessen weiter.
“Du wurdest festgenommen?“, fragte Tara schockiert.
“Oh ja, ja das kann ich gut verstehen. Genauso habe ich mich gefühlt im entscheidenden Spiel der Rugby Saison 2001.“, sagte Ben und fing an loszusteppen. Lachend verdrehte ich die Augen. “Verzweiflung, Wut. Aber dann der Triumph in der 64. Minute beim weiten Pass von Peyton.“ Natürlich war das ganze nicht so passiert. Beide erfanden diese Geschichten nur. Aber ich wollte nichts erfinden. Doch trotzdem wusste ich nicht, was ich Zach am Donnerstag zeigen sollte.

Ben wollte uns zeigen, was er sich ausgedacht hatte, also trafen wir uns im Studio. Ben war rot angezogen und weiße Ballons waren an seinen Handgelenken befestigt. “Gefangen auf der Leukämiestation, bin ich das rote Blutkörperchen, das versuchte eine Gruppe von Weißen einzuschüchtern. Sie rücken näher. Ich versuche ihnen zu trotzen, aber wie mir scheint, ist keine Hoffnung in Sicht. Ich bin allein und rot. Die Weißen sind sehr viele. Ich verliere den Kampf.“ Er ließ die weißen Ballons platzen und legte sich am Ende auf den Boden. Geschockt sah ich ihn an. “Ich finde es sehr eindrucksvoll.“, begann Tara. “Grace?“, fragte Ben sie.
“Es ist etwas zu ernst.“, gestand sie. “Nein, nein. Es ist ergreifend. Und ehrlich.“ Ben sah mich dann auch an. “Was sagst du?“, fragte er. Aber mir brannte nur eine Frage auf der Zunge. “Du hattest Krebs?“
Nachdem ich verdaut hatte, was Ben erzählt hatte, sahen wir Grace beim Tanzen zu. “Ich kämpfe gegen die Flammen. Finde das Baby, drücke es an mich und spreche ein Stoßgebet. Tapfere Feuerwehrmänner loben mich und ich laufe hinaus in die kühle Nachtluft.“ Aber es war einfach nur eins. Eine große Lüge.

Am nächsten Morgen wussten alle von Bens Krankheit. Ich wusste nicht genau woher sie das wussten, aber Ben war überhaupt nicht begeistert davon. Jeder blickte ihn mitfühlend an. Sie hatten Mitleid mit ihm. Ich stattdessen trauerte um einen Jungen, der sich in Barcelona vergnügte und es nicht für nötig hielt, sich zu melden. Ich wusste nun, wieso Ben verschwieg, dass er mal krank war. Er wollte nicht, dass man ihn genau so ansah, wie die Leute es nun taten. Wie ich es getan hatte. Aber Ben änderte schnell sein Solo und am Donnerstag gab es eine Komödie anstatt einer traurigen Krebsgeschichte. Tara hingegen ließ all ihre Wut raus, die sich in ihr angesammelt hatte. Abigail feierte in ihrer Präsentation einen Sieg. Christian aber kam zu spät. Er und Sammy waren auf einem Ausflug, weil Sammy noch einmal für den Prix vortanzen wollte. “Schön, dass ihr wieder da seid, Gentlemen.“, begrüßte Zach die beiden, als sie in den Raum kamen. Christian ging nach vorne, um seine Geschichte zu erzählen. Er verdeutlichte, dass er sich verändert hatte. Wie er zu der Person geworden war, die er jetzt war. Und ich? Ich für meinen Teil wollte nicht mit allen teilen, was ich in der letzten Zeit durchgemacht hatte. Ich wollte auch nicht vom Tod meiner Mutter erzählen oder davon wie es war als mein Vater jemand Neues mit nach Hause brachte. Ich erzählte von etwas, das mein Leben völlig verändert hatte. Nämlich über den Moment, in dem ich mich für das Tanzen entschieden habe.

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