Abkürzungen

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Wir tanzten 60 Stunden in der Woche. Wenn das die Überholspur war, dann war die ziemlich verstopft. Ich war unendlich dankbar, dass ich als Ersatz in der Company einspringen durfte, aber wisst ihr, was ich hilfreich fände? So eine Zeitraffermontage, die es immer in Filmen gibt. Ihr wisst doch, die Person, die am Anfang ganz hoffnungslos ist, man hört dazu einen coolen Soundtrack und die ganze Arbeit besteht aus unterhaltsamen kleinen Häppchen. Und plötzlich ist die Zeit vergangen und das Leben der Person hat sich verändert. Ich könnte im Schnellgang vorspulen durch das Jahr. Und dann schneide ich rein, wie ich in die Company aufgenommen werde. Ich werde Solistin. Sogar erste Solistin. Ja, klar. Das hieße dann, man überspringt einfach sein Leben, aber wenn mir jemand so eine magische Abkürzung anbieten würde, würde ich mich ja selbst quälen, wenn ich nicht darauf einginge. “Ich hab mich völlig zurückgehalten. Ein Kuss stand im Raum, aber ich halte mich streng an den Pakt, keine Jungs.“, erzählte Tara eifrig. Belustigt schaute ich sie an. “War das Stärke oder vielleicht was anderes?“, fragte ich und deutete auf Christian, der an unserem Tisch vorbei lief. “Die Andeutung ist eine Beleidigung. Dann wäre ich ja nur bedauernswert.“, erklärte Tara.
“Und da sind wir uns einig.“
“Ich bin ja vieles, aber nicht bedauernswert. Ich bin gereift. Ich hab meinen Wert.“ Ich zog ungläubig eine Augenbraue in die Höhe. “Das ist langweilig. Genug von mir.“
“Nein, auf keinen Fall.“, lachte ich und sah zu Kat, die still ihr Obst auf dem Teller zurechtlegte, so dass es aussah wie ein Gesicht. “Und wie sieht es bei dir aus?“, fragte ich sie.
“An was denkst du da?“, fragte Kat.
“Ans Leben, Tanzen, an das Stück Melone, das du seit zwanzig Minuten hin und her schiebst.“, lachte ich.
“Willst du was? Eigentlich bin ich richtig satt. Allerdings, da fällt mir was ein. Dir vergeht vielleicht der Appetit bei diesem Auftritt hier.“ Schmunzelnd reichte Kat mir das Handy und spielte ein Video ab. Lachend hielt ich mir den Mund zu, als Ollie anfing zu rappen. Tara öffnete entsetzt den Mund. Kat rappte amüsiert mit. Wer auch immer dieses Video hochgeladen hatte, rettete mir den Tag.

“But I am hot like a chicken pocks! Chicken pocks!“, rappte der Kurs, als Ollie den Raum betrat. Offensichtlich hatten alle das Video gesehen und machten sich nun lustig über ihn, was er zunächst überhaupt nicht verstand. “Woher habt ihr meinen Song?“, fragte Ollie an Grace und Ben gewandt. Belustigt zeigte Grace ihm das Video, indem sie ihm ihr Handy vor die Nase hielt. Lachend schüttelte ich den Kopf. “Okay, Leute. Schluss jetzt, das reicht, ja?“, sprach Zach, doch als er Ollie sah, rappte er selbst mit, was den Kurs zum Lachen brachte. “Ich war damit noch nicht fertig.“, verteidigte sich Ollie.
“Oh, Abigail. Die Wunder der modernen Medizin.“, trällerte Zach. Abigail legte ihre Tasche ab und blickte den Lehrer an. “Nach der Gicht war es nur noch akute Langweile. Aber ich sollte mich nicht überanstrengen.“, erklärte sie lächelnd und ging an die Stange, während die anderen sich weiter über Ollie lustig machten.

Der Unterricht im dritten Jahr war härter und anstrengender. Trotzdem würde ich nicht behaupten, dass es mir keinen Spaß gemacht hatte. Und ich wette, Sammy hätte es ebenfalls genossen. “Das war nicht nur heute morgen. Ich glaub, ich hab sie ewig nicht essen sehen.“, erzählte Tara. Ihre Vermutung war, dass Kat Probleme hatte. Meiner Meinung nach übertrieb sie. Dennoch wollte ich ein Auge auf die Blondine werfen. “Und? Willst du wissen, ob mein Sensor für Essstörung angeschlagen hat?“, fragte Abigail beleidigt. “Kat träumt von Steakburgern. Es geht ihr gut.“
“Ja, aber wirkt sie nicht verändert in letzter Zeit?“
“Nein.“, sagte Abigail schlicht.
“Hey, der ist echt gut dein Windpocken Song.“, begann Tara ernst, als Ollie zu uns stieß. Zustimmend nickte ich und verkniff mir ein Lachen. Ollie seufzte. “Ich hab ihm gesagt, mein Computer ist tabu.“, meinte er und blickte zu Christian.
“Christian ist eher ein Handlanger als ein kriminelles Superhirn.“, warf Abigail ein. Überrascht öffnete Ollie den Mund. “Du?“, fragte er. Abigail tat geschockt und lachte. Lachend schüttelte ich den Kopf.
“Hi, entschuldigt bitte. Kann ich mir Ben mal kurz ausleihen?“, hörte ich eine mir bekannte Stimme. Überrascht schaute ich zu Saskia, die an der Tür stand und Zach ansah. “Das dauert nicht lange.“
“Na gut.“, antwortete Zach. Tara drehte sich um und sah mich irritiert an. Doch ich zuckte nur mit den Schultern. Ich wusste nicht, was sie vor hatte.

“Oh, Tara scheint ja voll dem Klischee zu entsprechen und hat eine Essstörung. Hat nur Kilomäßig nichts gebracht.“, sagte Grace und riss Tara die Broschüre aus der Hand. Genervt verdrehte ich die Augen. Tara hatte lediglich Angst, dass Kat krank war. Seit sie die vielen Schokoriegel entdeckt und Kat sich auf der Toilette übergeben hatte, war ich ebenfalls stutzig. “Ach Kleines, du bist nicht die einzige. Echt nicht. Ich hab hier schon überall heimlich gebrochen.“, erzählte Isabel ohne zögern. “Ja, ehrlich, die Duschen waren überall zerstopft.“, fügte ihre Freundin hinzu.
“Nein, nein, nein. Ich mach mich nur schlau. Ich mach's nicht.“, widersprach Tara sofort.
“Ach bitte.“, meinte Grace.
“Grace, Regel Nummer eins, nicht kritisieren. Nur akzeptieren. Du kannst keinem, wenn er sich verweigert zwingen.“, entgegnete ihr Isabel.
“Ach, das geht nicht?“, fragte Tara.
“Ich war so empfindlich, keiner traute sich vor mir mehr Worte wie fett oder dünn zu sagen.“
“Und ich hab auch immer fette Vollmilch-Smothies bestellt.“, erklärte Isabels Freundin. Seufzend legte ich den Pinsel und das Rouge weg. Ich war froh, wenn ich mir das alles nicht mehr anhören musste. “Ja, das war genial. Also eines steht fest, wir sind für dich da, Kleines. Ohne Einschränkungen.“ Isabel legte die Arme um Tara und ihre Freundin tat es ihr gleich. “Grace?“ Grace stand unbeholfen im Raum und kam langsam auf Tara zu. Erwartungsvoll sahen mich die Mädchen an. Seufzend erhob ich mich. “Tara ist nicht gestört. Das seid nur ihr.“

Überrascht blickte ich auf's Handy, als Christian mich anrief. Meine Stirn legte sich in Falten und ich blickte Tara fragend an. “Geh schon ran.“, meinte sie, also drückte ich auf den grünen Hörer.
“Hey, entschuldige, es geht um Kat. Ich glaub, sie braucht dich.“, sprach Christian und klang besorgt.
“Oh, nein, danke, dass du mir bescheid sagst.“, sagte ich und legte auf. Ich blickte zu Tara, die Ben und Saskia anstarrte. Zusammen gingen wir auf Sir Jefrey zu, der sich mit Grace unterhielt. “Verzeihen Sie. Sir Jefrey? Mein Rücken tut ziemlich weh und Dr Wicks sagte, ich soll es nicht übertreiben.“, log Tara.
“Du willst uns nicht erfreuen mit deinen nasalen Explosionen.“
“Entschuldigung, es geht mir morgen sicher wieder gut.“
“Ohne Zweifel, nein, nein. Du darfst dich auf keinen Fall überanstrengen. Maria? Schatz, verzeih, aber wir benötigen dich heute Abend im Chor.“ Sir Jefrey wandte sich von uns ab.
“Geh vor, ich komm gleich nach.“, teilte ich Tara mit und versuchte es noch einmal bei Sir Jefrey. Nachdem er es zuließ, dass ich ebenfalls ging, wenn auch sehr widerwillig, musste er es einfach akzeptieren. Für mich war Kat wichtiger als die Company. Ich wollte nicht noch jemanden verlieren.

Ich glaube, Abkürzungen haben ihre Nachteile. Unter Umständen verkauft man dem Teufel seine Seele ohne es zu merken. Oder man versäumt all die Versuche, Misserfolge und Kämpfe, wenn man ganz unten ist. Die einem angeblich erst zu dem machen, was man ist. Im Film sehen schnelle Schnittfolgen gut aus, aber sie bleiben eben auch oberflächlich. Christian saß auf der Treppe, als wir ankamen. “Danke.“, sagte ich und lief an ihm vorbei. Tara folgte mir. Für alle wichtigen Dinge gibt es keine schnelle Lösung. Vorsichtig öffnete ich die Tür zu Kats Zimmer und trat hinein. Kat lag zusammengerollt auf ihrem Bett. Erst als Tara und ich uns zu ihr setzten, setzte sie sich auf. “Das war wirklich furchtbar, was ich da vorhin gesagt habe.“, begann Tara entschuldigend. “Eigentlich wollte ich nämlich sagen, ich hab dich lieb.“
“Das ist zu unheimlich. Du bist Kat. Wir ertragen nicht, dass du das allein durchmachst.“, erklärte ich ihr.
“Ja, ich bin Kat. Die ihre Gefühle runterschluckt. Ist doch ein Witz oder? Ganz egal, wie viel ich esse, ich fühl mich nicht besser. Es ist so ein großes Loch, das ich nicht füllen kann.“, sagte Kat weinend.
“Ein Sammy-förmiges Loch?“, fragte ich vorsichtig.
“Natürlich.“, antwortete Kat schluchzend. “Vielleicht ist es auch noch was anderes. Seit ich zurück bin dieses Jahr ist es so, als gehöre ich nicht hier her.“ Vorsichtig umschloss ich Kats Körper und merkte, dass Tara es ebenfalls tat. Zusammen hielten wir unsere beste Freundin fest, denn diese brauchte uns. Sie brauchte jemanden, an den sie sich klammern konnte. Denn Sammy war nicht mehr da, um sie zu stützen. “Wir werden das schon schaffen. Ganz bestimmt.“, sagte Tara und fing selbst an zu weinen. Klar, wenn man Abkürzungen nimmt, kommt man schneller ans Ziel. Aber die Strecke kann auch viel holpriger sein.

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