Halt mich, wenn ich falle

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Beim Pas de Deux gibt es Vertrauensübungen, die wir absolvieren müssen. Eigentlich ist es etwas traurig, denn wenn das Vertrauen da wäre, wären auch keine Übungen nötig. Man würde dem Anderen glauben, was er sagt. Und man könnte in jeder Situation die Wahrheit sagen. Beim Pas de Deux ist es meistens Angst, die verhindert, dass man seinem Partner vertraut. Es sei denn, er hat dich schon mal fallen lassen. Dann hat man aus der Erfahrung gelernt. "Christian, du machst mich fertig. Du zeigst nur einen Bruchteil deiner Fähigkeiten. Ich glaube, wir brauchen alle etwas gegen das Tief in der Mitte des Semesters. Also, an diesem Wochenende könnt ihr Zirkuskenntnisse erwerben bei tollen Profis.", erklärte Zach uns im Unterricht.
"Dieses Wochenende heißt auch Sonntag. Wieso nehmen Sie uns auch noch unseren einzigen freien Tag weg?", fragte Grace empört.
"Da lernt ihr Vertrauen zu eurem eigenen Körper. Und auch Vertrauen untereinander." Das hatten Kat und Tara bitter nötig. "Das sind Grundlagen, die sehr wichtig für euch sind. Wir sehen uns dann morgen.", beendete Zach die Stunde dann. "Leute?", begann Sammy und wir schauten zu ihm. "Im Wohnheim, um sechs. Eine wichtige Ansage." Nichtsahnend nickte ich und verließ mit Abigail das Studio.

Um sechs versammelten wir uns also im Wohnheim und sahen Sammy erwartungsvoll an. "Danke, dass ihr so pünktlich seid.", begann Sammy. "Passt Popcorn zum Anlass?", fragte Grace belustigt und nahm auf dem Sessel Platz.
"Also, ich wollte es unserem inneren Kreis sagen bevor ihr es von anderen erfahrt. Äh... Ich geh jetzt mit Olly." Fröhlich sprang ich auf und fiel Sammy um den Hals.
"Ich bin so stolz auf dich.", lachte ich. "Und er ist echt toll.", quietschte auch Kat vor Freude und umarmte Sammy ebenfalls stürmisch.
"Ich hab's gewusst. Ich habe den Schwulensensor.", gab Ben von sich. "Du hast gar keinen Sensor. Und ich sag nicht, ich bin schwul. Ich habe nur einen Freund.", erklärte Sammy. "Also, Hetero-flexibel. Cool.", kam es von Grace.
"Und für sowas verpasse ich Trainingszeit." Abigail stand genervt auf und verließ dann den Raum.
"Also wer hat denn jetzt wen gefragt? Ich will alle Einzelheiten wissen.", sagte Kat und hüpfte auf und ab. "Wieso akzeptiert ihr das alle einfach so? Tara, du bist schockiert. Du siehst so aus." Tara sprang auf und umarmte Sammy. "Ich hab mir schon immer einen schwulen besten Freund gewünscht!"

Dank Zach durfte Kat mit zum Zirkus kommen, was Tara sehr zu freuen schien. Obwohl sie sauer auf sie war, wollte sie versuchen sich wieder mit ihr anzufreunden. Sie gab es zwar nicht zu, aber ich war mir sehr sicher, dass sie Kat vermisste. Als Kind mochte ich den Zirkus sehr gerne mit den bunten Farben und den verschiedenen Menschen. Am meisten hatten mich die Seiltänzer beeindruckt, was sicher niemanden überrascht. "Hey, wer hat euch denn hier reingelassen?", lachte eine junge Frau, die auf uns zu kam.
"Ja, Freunde, das ist Charlie. Akrobatin und" Zach gab der Frau einen Kuss und sah uns dann an. "Meine wunderbare Frau." Lachend sah ich die Frau an. Sie hatte dunkle Haare und ein strahlendes Lächeln. "Ich bin sowas wie eure Flugbegleiterin dieses Wochenende. Eure Sicherheit ist mein Hauptanliegen. Gibt's noch Fragen?" Niemand meldete sich zu Wort. Mein Blick blieb an einem Akrobaten hängen, der auf einem großen Stapel Stühlen herumturnte. "Wow.", sagte ich beeindruckt. Das würde ein lustiger Tag werden.
Es dauerte nicht lange,da turnten Kat und ich schon mit Tüchern, die an der Decke hingen. Währendessen liefen Grace und Tara auf Stelzen. "Ja, sehr gut, Leute. Holt die Kraft aus der Körpermitte.", teilte Zach ihnen mit.
"Ich kriege schon einen Krampf im Bauch.", lachte Tara leicht.
"Und schwupps sind wir synchron.", trällerte Grace. "Das gibt es, nicht Sammy?"
Sammy sah Grace irritiert an. "Was?"
"Dass man seine Periode gleichzeitig mit der besten Freundin kriegt."
"Das ist nur ein Gerücht. Das wurde nie bewiesen. Hey, warum fragst du mich das?"
Langsam ließ ich mich nach unten rollen und sah hoch zu Sammy, der ebenfalls versuchte auf den Stelzen zu laufen. "Okay, Ben, Christian, ihr kommt jetzt mit mir, ja?", fragte Zach an die beiden Jungs gewandt.
"Ich auch, Zach?" Fragend sah Sammy ihn an.
"Ladies, ihr geht jetzt nach draußen zu Charlie."
Während die anderen raus gingen, blieb ich drinnen und turnte weiter auf dem Seil herum. Dieses Mal mit Abigail. "Ist Trapez nichts für dich?", fragte Sammy Abigail.
"Ich steh nicht so auf Teamwork."
"Du, was hat das wohl zu bedeuten, wenn ich hier eingeteilt werde zu den Hullahoops?"
Belustigt sah ich zu wie Sammy mit dem Hullahoopreifen spielte. "Vermutlich gar nichts, denn du bist grauenvoll.", lachte ich. Dann ließ ich von dem Tuch ab und ging.

Wenig später, als ich wiederkam, hing Sammy oben am Tuch und schien sich kaum bewegen zu können. "Was macht unser Hullahoopprofi denn da?", fragte ich an Abigail gewandt. Diese beobachtete Sammy mit verschränkten Armen. "Sich den Hals brechen." Langsam nickte ich.
"Nein, ich schaff's nicht.", stellte Sammy fest, was mich ein wenig zum Lachen brachte.
"Ist schon gut. Lass dich fallen, wie ich es dir gezeigt habe.", rief Charlie ihm zu.
"Er hat große Probleme.", sagte Abigail schlicht.
"Entspann dich. Lass dich einfach fallen.", rief Ben ihm hoch.
"Ja, wieso stürze ich mich nicht zu Tode.", zischte Sammy genervt.
"Sammy, du wolltest unbedingt da hoch.", sagte Zach.
Perplex sah ich ihn an. "Ehrlich? Er ist nicht schwindelfrei.", sagten Tara und Kat, wie aus einem Mund und sahen sich dann an. Auf einmal wirbelte Sammy hinunter und schrie auf. Erschrocken sahen wir zu, wie er sich langsam nach unten bewegte und dann in der Luft hängen blieb. "Atmest du noch?", fragte Zach und half ihm aus dem Tuch zu kommen.
"Abgesehen von den Mädchenschreien war das beeindruckend.", bemerkte Ben, doch das gefiel Sammy nicht.
"Lass mich bloß in Ruhe, du Idiot!" Er schubste ihn und verschwand mit hochrotem Kopf nach draußen.
Das schwerste beim Pas de Deux ist sich zu trauen, einem anderen zu vertrauen. Man braucht jemanden, der einem Halt gibt. Der vertrauen zu dir hat. Und dann kannst du auch über dich hinaus wachsen.

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