Als Tänzer lernt man seinen Körper zu beherrschen. Bis auf den letzten Millimeter. Wenn auch nur ein Finger nicht da ist, wo er hingehört, stimmt nichts mehr. Deshalb übt man die Bewegungen bis zur Perfektion. Man kämpft mit der Schwerkraft und mit den Schmerzen und erlaubt sich selbst nie zu schummeln. Aber eins hält sich an keine Regeln und lässt sich trotz aller Anstrengung nicht beherrschen. Das eigene Herz. “Nein, das ist doch bescheuert.“, lachte Sammy. In seiner Hand hatte er einen Schokocupcake, mit dem er Kat bewerfen sollte. Es war ihr Geburtstag. Jeder freute sich über seinen Geburtstag. An diesem Tag drehte sich alles nur um sich selbst. Kat mochte Geburtstage sehr. Es war fast wie Weihnachten und Ostern zusammen. Nur ohne Tannenbäume und Ostereier. “Jetzt tu es endlich. Es muss sein.“, sagte Kat und wartete darauf, dass wir sie bewarfen.
“Na schön.“ Sammy zielte auf Kat, warf jedoch völlig daneben. Christian, Petra, Ethan und ich fingen an zu lachen während Kat ihren besten Freund enttäuscht ansah. “Ich werf wie ein Mädchen, seht ihr?“, lachte Sammy.
“Hast recht.“, stimmte Kat zu.
“Ich bin dran.“, sagte ich eifrig und warf sie mit dem Cupcake ab. Ich traf ihre Stirn und die anderen applaudierten mir. “Okay, für meine Schwester. Süße 16 und noch immer ungeküsst.“, hielt Ethan seine Rede. Jedoch warf er auch daneben.
“Oh, ich treffe auch nicht.“, lachte er. “Was ist denn mit euch los? Ich hab mir von euch nur genau das eine zum Geburtstag gewünscht diesmal. Ihr sollt mir nichts schenken. Ihr sollt mir nur helfen die Welt durch eine Zuckerbrille aus Torte und Sahne und Lecker Schmecker zu sehen.“ Petra holte aus und warf den Cupcake direkt in Kats Gesicht. Lachend wischte Kat sich den Kuchen aus dem Gesicht. Auch ich konnte nicht mehr und hielt mich an Christian fest, damit ich nicht umfiel vor lachen. “Petra, ich bin so froh, dass du hergekommen bist.“, sagte Kat. “Immer wieder gern.“, lachte Petra. “Hey was gibt's denn?“, fragte Tara, als sie zu uns stieß. Auf einmal änderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig, als sie Kats verschmiertes Gesicht sah. “Du meine Güte,dein Geburtstag.“ In letzter Zeit schien Tara mit ihren Gedanken ständig woanders zu sein. “Du hast fünfzig SMS von mir gekriegt.“, sagte Sammy.
“Ich weiß, ich bin einfach total...“, begann Tara.
“Durch den Wind? Kann passieren.“, beendete Kat ihren Satz und Tara nickte.
“Und ist was geplant? Unternehmen wir was?“ Ich reichte Kat ein Taschentuch und sah dann zu Tara, die uns fragend ansah. “Negativ.“, beantwortete ich ihre Frage.
“Meine lieben Eltern sind ab morgen wieder da und ich hab mir von Natascha gewünscht, dass sie uns irgendwas Genießbares kocht.“ Kat wischte sich mit dem Tuch durch das Gesicht während sie erzählte.
“Diese Frau schafft 64 Fouettés, aber am Herd ist sie eine Katastrophe.“, sagte Ethan. Als Kats Handy klingelte, ging sie fröhlich ran. “Hallo. Ach ja,wir haben gerade von dir gesprochen.“ Ich lachte leicht und sah Kat erwartungsvoll an. “Hoffentlich gehst du schon mal die Rezepte durch.“ Kat verschwand mit dem Handy in eine Richtung und ließ uns zurück. “Dass ich das vergessen habe. Irgendwas stimmt mit mir nicht.“, murmelte Tara. Ich biss in einen der Cupcakes, die übrig blieben und sah sie an. “Dass mit dir was nicht stimmt, das wusste ich ja schon immer.“, sagte ich mit vollem Mund und Sammy lachte. “Oh nein.“, kam es von Ethan, der zu Kat starrte. “Diesen Blick kenne ich.“ Kat kam bedrückt zu uns zurück und sah uns an.
“Die erwähnten lieben Eltern verlängern die Tournee. Estland kommt wohl nicht ohne sie aus.“ Man sah ihr an, dass sie enttäuscht war. Auch wenn sie es nie zugab, sie liebte ihre Eltern. Und sie hatte sich gefreut, sie an ihrem Geburtstag zu sehen. “Sie haben mir einen Haufen Kohle auf's Konto überwiesen. Ich soll mir kaufen, was ich will.“ Ich schmiss das Papier vom Cupcake in die Mülltonne und stellte mir vor, es wären Kats Eltern. Dass sie tatsächlich dachten Geld würde alles Regeln. “Aber ich will überhaupt nichts. Ich denke bloß daran,dass bei uns niemand da ist.“ Grinsend sah ich sie an. “Zeit für 'ne Geburtstagsparty.“
Die Ballettstunde verlief völlig normal. Abigail beschwerte sich über Sammy, Miss Raine korrigierte uns und Tara war unkonzentriert, was in letzter Zeit öfter der Fall war. Es schien als würde sie Christian überhaupt nicht mehr vertrauen. “Und Fouetté, los Tara. Nicht in deinem Tempo.“, wies Miss Raine sie an. Tara jedoch bekam es einfach nicht hin. “Das ging doch letzte Woche noch gut. Was ist los?“ Tara ignorierte die Frage von Miss Raine und versuchte es nochmal. “Ich habe dich was gefragt.“, sagte Miss Raine streng. “Ich glaube, ich habe Angst zu stürzen.“, antwortete Tara.
“Vertrau doch deinem Partner.“, schlug Miss Raine streng vor.
“Dazu muss man zunächst sich selbst vertrauen.“, murmelte Christian. Tara fuhr sauer herum und funkelte ihn an. “Was soll das denn bitte bedeuten?“, fragte sie vorwurfsvoll. “Soll ich es wirklich sagen?“, fragte Christian, doch Miss Raine stoppte die beiden. “Moment mal. Jede Art von persönlichen Querelen löst ihr bitte außerhalb des Unterrichts. Ihr werdet,wenn ihr Glück habt, vielleicht mal Profitänzer. Verhaltet euch auch so.“ Irgendwas stimmte zwischen Tara und Christian nicht. Sie mussten sich gestritten haben. Anders konnte ich mir dieses Verhalten nicht erklären. Im weiteren Verlauf der Stunde tauschten Kat und Tara die Partner. Jedoch nahm weder Kat noch Christian den Unterricht wirklich ernst. Beide kicherten andauernd los. Es sah lustig aus, was sie da taten, daher konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. “Du kriegst noch richtig Ärger,Kat.“, flüsterte Tara. Kat sah sie stirnrunzelnd an.
“Danke für die Warnung, Mutter.“ Sie packte Christian an den Hüften und stemmte ihn hoch. Sie konnte jedoch sein Gewicht nicht halten, was dazu führte, dass beide lachend auf dem Boden landeten. Als Miss Raine sauer zu den beiden rüber ging, hörte ich sofort auf zu lachen. “Ich habe besseres zu tun als meinen Samstag mit sowas zu vergeuden. Raus! Brecht euch den Hals, wenn ihr wollt, aber nicht hier.“, sagte Miss Raine streng und zeigte auf die Tür. Christian und Kat versuchten nicht zu lachen, doch es gelang ihnen nicht. “Raus!“ Schnell liefen sie aus dem Raum. Tara sah den beiden nach. Ihrem Gesicht nach zu urteilen war sie nicht sonderlich begeistert.
Nach der Stunde zogen wir uns um und verließen dann die Kabinen. Ich wusste nicht, was mit Tara los war, aber ich wollte nicht fragen. Das hatten Kat und ich schon viel zu oft getan. Wir bekamen nie eine Antwort. Und wenn doch, dann war es bloß eine Ausrede. Kat kam uns entgegen, doch sie lächelte nicht. Viel mehr sah sie Tara ein bisschen genervt an. “Petra und ich machen Zuhause schon alles klar für...“, begann sie.
“Ich habe heute Nachmittag 'ne Einzelstunde, aber danach helfe ich euch dann.“, lächelte Tara. Kat schüttelte den Kopf.
“Stress dich bloß nicht.“, entgegnete sie kühl.
“Kat, habe ich was falsch gemacht? Das geht bereits die ganze Woche so.“ Tara sah sie bedrückt an.
“Ja, aber mir geht es auch schon die gesamte Woche so. Dass meine Eltern nicht zu meinem Geburtstag kommen und andere Kleinigkeiten.“ Kat brauchte ihre Freunde.
“Lass uns nachher reden, ja?“, schlug Tara vor.
“Nachher, da habe ich meine Party.“, erklärte Kat. Merkte Tara denn gar nichts mehr?
“Achso, ja.“ Tara machte eine Pause. “Dann gehe ich noch schnell zu der Einzelstunde und-“, begann sie, wurde aber von Kat unterbrochen. “Wir sehen uns dann.“ Und dann war sie auch schon verschwunden. Tara sah mich kurz an, doch ich zuckte mit den Schultern. Dann lief ich Kat nach. “Kat! Warte!“
Ich beschloss Kat bei ihren Vorbereitungen zu helfen. Genug Zeit hatte ich dafür. Außerdem wollte ich, dass sie die beste Party gab, die sie je hatte. Petra und ich bliesen ein paar Ballons auf und Ethan kam aus der Küche mit einem Tablett voller bunter kleiner Becher. “Spezialwackelpudding direkt aus dem Kühlschrank.“, sagte er fröhlich. “Ach die sind zu schwach, das ist doch doof.“, lachte Kat. Als es klingelte, drückte Ethan ihr das Tablett in die Hand. “Ich geh schon. Eh Sammys Mum.“ Er gab Petra das Telefon in die Hand.
“Ich gehe schnell auf die Toilette.“, sagte ich und ging hoch. Als ich wiederkam, waren schon viele Leute da. Und es wurden immer mehr. Irgendwann war das Haus voll, worüber sich Kat ziemlich freute. Sogar Abigail tauchte auf, was mich ziemlich überraschte. Die Musik dröhnte in meinen Ohren, als ich mich durch die Menge hindurch drängte. Meine Augen suchten den Raum nach Tara ab, aber ich konnte sie nirgends finden. “Ethan, hast du Tara gesehen?“, fragte ich ihn. Er stand bei ein paar Jungs und spielte den großen Bruder, der auf alle aufpasst. Er drehte sich kurz zu mir um. “Nein, leider nicht.“, antwortete er. Enttäuscht seufzte ich und sah mich um. Die meisten der Leute kannte ich gar nicht. “Sind das alles Kats Freunde?“, fragte mich Ethan ein paar Sekunden später. Ich hob abwehrend die Hände. “Keine Ahnung. Du kennst sie länger als ich.“, entgegnete ich und ging nach draußen. Kat stand bei ihrem Freund Lucas, weshalb ich sie nicht mit Fragen über Tara belästigen wollte. “Wer schmeißt die Party überhaupt?“, hörte ich die Stimme eines Mädchens. “So eine Ballettmaus, die denkt sie kann sich mit coolen Leuten schmücken.“, lachte eine andere und ich verdrehte die Augen. Wieso waren die denn hier, wenn sie Kat nicht einmal kannten? Ich nahm mir eins von den bunten Getränken und kippte es in meinen Hals. Diese Party würde noch ein schlimmes Ende nehmen.
Ungefähr eine halbe Stunde später ging ich noch einmal nach draußen und entdeckte Ethan mit Tara. Doch einen Moment später haute sie einfach ab. Verwirrt ging ich zu Ethan rüber. “Was hast du gemacht, dass sie weggelaufen ist?“, fragte ich sofort. Entsetzt sah er mich an.
“Nichts, wir haben nur zu Kat und Christian geschaut und dann ist sie einfach weg.“, erklärte Ethan total verwundert.
“Tut mir leid, Mann. Das wollte ich nicht.“, sagte Christian, als er an Ethan vorbei lief. Kat kam auf uns zu und sah uns fragend an.
“Was ist denn passiert? Hab ich was verpasst?“ Ich zuckte mit den Schultern und suchte in meiner Tasche nach meinem Handy. “Ich ruf sie an.“, murmelte ich. Doch während ich mein Handy entsperrte, sah ich, dass ich eine neue Nachricht hatte. Ich runzelte meine Stirn, öffnete den Anhang und erstarrte. Jemand hatte ein Foto von Christian und Tara verschickt. Sie küssten sich. Geschockt sahen Kat und ich Ethan an, der wie erstarrt wirkte. Deswegen war Tara so komisch gewesen. Es lag an ihren Gefühlen für Christian.
“Alkohol. Eine Prügelei. Muss ich euch daran erinnern, dass ihr an der National Academy of Dance seid?“ Mr Kennedy war stinksauer. Reuevoll standen wir in seinem Büro und obwohl er saß und wir standen, fühlte ich mich kleiner als er. Viel kleiner. “Ich will jetzt sofort wissen, wer für das alles verantwortlich ist.“ Alle fingen an durcheinander zu reden und die Schuld auf sich zu nehmen. Nur ich schwieg. “Das reicht. Ihr ward alle beim Eintreffen der Polizei auf der Party. Also bekommt ihr auch allesamt Hausarrest bis auf Weiteres.“, sagte Mr Kennedy streng. “Aber ich-“, versuchte Abigail sich herauszureden, doch Mr Kennedy unterbrach sie. “Das war's. Katrina, dich hätte ich gern allein gesprochen.“ Ich tätschelte beim Vorbeigehen ihre Schulter und verließ mit den anderen den Raum. So wie es gerade lief war ich in einem Moment im siebten Himmel und im nächsten völlig am Boden.
Ich war so neben der Spur, dass ich nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Miss Raine hatte unrecht. Manchmal musste man wirklich Angst haben zu stürzen.
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Dance Academy
FanfictionIsabella Johnson lebt in Australien und wird an der renomierten National Academy of Dance angenommen, an der sich ihr Leben ändert. Sie lernt mit ihren Mitschülern nicht nur Ballett, sondern auch Hip-Hop-Dance und Modern Dance. Doch die Freunde müss...
