Die Theorie mit der Leiter

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Der Tag ist da. Nach neun Monaten Training und Quälerei für das Solo. Dies ist das nationale Finale für den Prix de Fonteyne. Das jüngste Gericht. Nur zwei Mädchen und zwei Jungen aus dem ganzen Land schaffen es zum internationalen Wettbewerb. Aber das schlimmste ist, unsere ganze Technik, unser künstlerischer Ausdruck, unsere Individualität, all diese mühsam errungenen Dinge, reduzieren die Richter auf kalte, unerbittliche Noten. “Isabella Johnson, National Academy, klassische Runde, 7,6.“

Im Studio redeten alle durcheinander. Nicht nur ich wurde so schlecht bewertet, sondern auch die anderen. Sogar Grace war kaum besser als ich, obwohl alle sie immer so lobten. “Jetzt beruhigt euch alle mal.“, rief Zach und brachte uns zum Schweigen.
“Zach, wir sind keine sieben.“, sagte Christian.
“Man, du vielleicht, aber wir nicht.“, meldete sich Ben zu Wort und das Gemurmel ging von vorne los. Zumindest bis Miss Raine kam. “Schluss jetzt!“, rief sie im strengen Ton und sah uns an. “Ich sehe ein, ihr seid streng beurteilt worden, aber das ist kein Grund zum Jammern.“ Als mein Handy vibrierte, packte ich es schnell aus der Hosentasche. “Halten wir dich auf, Isabella?“, fragte Miss Raine. Entschuldigend sah ich sie an und drückte Misti weg. “Ich werde vorsprechen beim Komitee, ob eventuell Voreingenommenheit im Spiel ist. Als nationales Institut, genießen wir Privilegien und das kann nachteilig sein. Das sollte nur nicht eure Sorge sein. Ihr nehmt euch jetzt zusammen und konzentriert euch auf den zeitgenössischen Teil morgen.“

Zögernd betrat ich den Probenraum für das Musical. Ich fühlte mich schlecht so kurzfristig einfach abzusagen, also wollte ich noch einmal mit Finn und Misti reden und ihnen weiterhin etwas helfen. “Hallo.“, sagte ich vorsichtig. Fröhlich drehte Misti sich um und umarmte mich stürmisch. “Danke, Finn hat alles umgeschrieben, aber wir verstehen echt nichts von Choreografie.“, erklärte sie.
“Und du spielst jetzt beide Rollen, ja?“, fragte ich sie.
“Ja, deine und meine. Das ist eine Jackell und Hyde Herausforderung. Finn, sieh mal, wer den Notruf erhalten hat.“ Misti drehte mich zu Finn und sah ihn begeistert an. Finn, der gerade ein paar Scheinwerfer positionierte, sah mich weniger fröhlich an. “Ich sagte doch, wir brauchen keine Hilfe.“, sagte er und wandte sich von mir ab. Er war sauer.
“Das ist glatt gelogen.“, widersprach Misti.
“Ist schon okay. Er meint, ich hab euch hängen lassen. Ich habe die Nachricht erhalten. Ich hätte sowieso nicht mitmachen können, weil morgen eure Premiere ist, das ist gleichzeitig mit dem nationalen Finale, also...“, begann ich.
“Ja, ich weiß, Süße. Und er weiß das und ich auch. Der sehr renommierte Ballettwettbewerb übertrumpft das unbezahlte Vorstadtmusical. Klarer Fall.“

Der Wettbewerb machte mich völlig nervös. Ich trainierte hart dafür, schon seit Monaten. Aber ich vermisste es, dass jemand mir beim Training half, jemand, der mich motivierte. Manchmal arbeitete ich mit Abigail zusammen, doch sie tanzte lieber alleine. Also trainierte ich auch allein,jede freie Minute.Die Richter beschlossen nun die Noten für sich zu behalten, also stand ich nervös neben Tara und Kat und schaute Ben beim Tanzen zu. “Unglaublich, nicht?“, fragte Tara verträumt.
“Frag ihn mal, wieso er sich so um dich bemüht.“, sagte Christian grimmig.
“Weil er fasziniert ist von Taras bezauberndem Wesen.“, antwortete Kat.
“Er will mich mental fertig machen.“
Irritiert sah ich Christian an.
“Ach ja?“, fragte Tara. “Bin ich so hässlich, dass keiner mich ohne Hintergedanken mögen würde?“
“Und wieso, sag doch mal, würde dich das fertig machen?“, fragte ich nun mit hochgezogener Augenbraue.
“Genau, wird es ja nicht. Lass dich nicht verletzen, ja?“ Christian blickte Tara noch kurz an und ging dann weg.
“Ignoriere ihn. Der Wettbewerb schlägt ihm nämlich auf's Gehirn.“, murmelte Kat. Und ich nickte zustimmend.

Verwirrt betrachtete ich den Blumenstrauß, der in der Garderobe an meinem Platz stand. “Sag bloß, da lauert noch irgendwo ein Junge.“, sagte Laurel schmunzelnd. Vorsichtig nahm ich die Karte heraus. “Herz und Wimpernbruch, Finn und Misti.“, las ich vor und lächelte.
“Wer ist das?“, fragte Laurel und blickte selbst auf die Karte.
“Ach, die von deinem Musical. Ist das süß.“, sagte sie und lächelte mich an. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht beim Musical war. Das war der Moment, in dem ich mich entscheiden musste, ob ich im Wettbewerb tanzen wollte oder ob ich zurück zu Finn und Misti ging.
Und obwohl es mir so schwer fiel und sich ein Knoten in meinem Magen gebildet hatte, entschied ich mich für das Tanzen. Wieder. Man sagt, wenn man sich ständig für das selbe entscheidet, ist es genau das, was man will. Und ich wollte es unbedingt.
Fertig angezogen und geschminkt ging ich hinter die Bühne und schaute sammy beim Tanzen zu. Verwirrt blickte ich die anderen an, als die Musik ausging. “Wie wäre es, wenn Sie einfach in die Situation eintauchen und sie stellen sich die Musik vor.“, sagte Sammy und machte einfach weiter. Ohne Musik. Aber die brauchte er auch nicht. Einige Sekunden später, ging die Musik wieder an und das Publikum klatschte. Sammys Auftritt war einer seiner besten. Er war toll, das war er schon immer. Aber diesmal haute er sogar seinen Vater vom Hocker.
Nach Sammy war ich soweit. Nervös betrat ich die Bühne und tanzte, als die Musik anging. Ich gab mein bestes, so wie immer und noch viel mehr. Nun entschied sich bei der Entscheidung, ob ich Australien vertreten durfte. Mein Herz raste, mein Atem hielt an. Manche Leute sind der Meinung, dass es beim Ballett keine Wettbewerbe geben dürfte, da es eine Kunstform ist und kein Sport.
“Die folgenden vier Tänzer, vertreten dieses Mal Australien in der internationalen Endrunde des Prix de Fontayne.“ Aber Wettbewerbe holen aus manchen das beste heraus und bei anderen kristalisiert sich heraus, was ihnen wirklich wichtig ist. Mir gefällt nicht, dass alle in einer Rangliste eingestuft werden. “In der Kategorie der Mädchen erhält die Silbermedaille Grace Whitney, National Academy.“ Aber vielleicht sage ich das nur, um mich gegen die Enttäuschung zu wappnen. “Und die Goldmedaille geht an Tara Webster. Auch von der National Academy.“ Lächelnd applaudierte ich meiner Freundin. “Bei den Jungen, geht die Silbermedaille an Michael Slade, Tasmanian School of Dance.“ Die Leute applaudierten, doch Slade war nirgends zu entdecken. “Später wird er sie sich holen.“ Somit gehörte ich nicht zu den zwei Mädchen, die Australien vertreten durften. Ich war nicht mal wirklich überrascht oder enttäuscht darüber. Viel mehr freute ich mich für jemanden, den es sogar sehr überraschte die Goldmedaille zu bekommen. “Und die Goldmedaille verleihen wir an Samuel Lieberman, National Academy.“ Fröhlich umarmte ich Sammy und drückte ihn an mich. “Australien, durch sie wirst du vertreten!“

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