Gegen Ende des Jahres spitzt sich alles zu. Ich glaube, jeder spürt das. Und Veränderungen lauern an allen Ecken. "Christian, Tara. Das müsst ihr euch ansehen.", unterbrach ich die beiden bei einem Gespräch und griff nach der Fernbedienung, um den Fernseher lauter zu machen. "Nach 16 Jahren als künstlerischer Leiter des National Ballet und einem langen Leben am Theater ist für mich der Tag gekommen, um in Würde zurückzutreten.", sprach Sir Jeffrey in die Kamera, was mich ungläubig den Mund öffnen ließ. Die ganze Zeit hatte man uns darauf vorbereitet, was dieser Mann von uns erwartete. Und nun standen wir an einem Wendepunkt. Denn Sir Jeffrey trat in den Ruhestand. Und wir standen somit quasi vor dem Nichts. "Neues Spiel, neues Glück.", entfuhr es Abigail neben mir, die ich mit einem kritischen Blick musterte. Da schien jemand die Sache ja sehr positiv zu sehen. Mein Blick richtete sich wieder auf den Fernseher. "Ich weiß mein Vermächtnis in guten Händen bei der neuen künstlerischen Leiterin meiner langjährigen Mitarbeiterin Rebecca Braithwaite.", fügte Sir Jeffrey hinzu und die Kamera drehte sich zu der jungen Frau, die wir schon öfter neben ihm gesehen hatten. Der Nachrichtensprecher schien noch irgendwas über Rebecca zu sagen, doch mein Gehirn hatte längst abgeschaltet. Die große Frage war nun, was erwartete Rebecca?
Kat machte einen großen Freudensprung und fiel Tara und mir quietschend um den Hals, nachdem sie einen Blick auf die Besetzungsliste geworfen hatte. "Ich hab sie! Ich bin Swanilda!" Lachend erwiderte ich die Umarmung und grinste triumphierend in Lulus Richtung. Sie war alles andere als begeistert. Ich streckte ihr kurz frech die Zunge raus und stolzierte an ihr vorbei in den Unterricht, wo Miss Raine uns erwartete. Bevor wir jedoch richtig anfingen, verkündete sie uns, wer genau was vortanzen sollte. "Ollie, Macbeth. Ben und Christian, ihr tanzt beide den Prinzen. Tara, du tanzt den Feuervogel." Tara lächelte zufrieden, verzog jedoch kurz darauf das Gesicht. Sie hatte immer noch Schmerzen, was kein gutes Zeichen war. "Ich vereinbare für dich einen Termin bei Dr. Wix. Und Abigail und Isabella -"
"Entschuldigen Sie, wie können Sie unsere endgültigen Vortanzsoli verteilen, wenn wir gar nicht wissen, worauf Rebecca Wert legt?", unterbrach Abigail unsere Lehrerin. Eins musste ich ihr lassen, sie hatte absolut recht.
"Frag sie doch, ob Sie Jeffreys Liste Vergangenheit ist.", schlug Ollie draußen vor, während wir eine Feueralarmübung machten. Ben zählte alle durch und Abigail, Ollie und ich beobachteten Rebecca, in der Hoffnung, sie würde uns irgendwie ein paar Hinweise geben. Als ich Ethan von allem erzählt hatte, lachte er nur und sagte, ich würde es auch so schaffen. Wie schön es auch war, dass er an mich glaubte, Abigail hatte recht. Rebecca war moderner. Anders. Sie war eben nicht Sir Jeffrey. "Ich dachte, du wärst jetzt dringend an Kontakten interessiert?", entgegnete ich irritiert, ließ Rebecca jedoch nicht eine Sekunde aus den Augen.
"Es ist noch nie jemand in die Company gekommen mit einem Macbeth Solo. Da liegt ein Fluch drauf.", meinte Abigail locker.
"Welch ein Glück, dass ich noch eine andere Option hab."
Verwirrt schaute ich Ollie hinterher.
"Meint er seine Karriere als Musiker?", fragte ich mit verschränkten Armen.
"Mir doch egal.", entgegnete Abigail mir und lief zielstrebig auf Rebecca zu. Seufzend sah ich ihr nach.
Irritiert blieb ich mit Kat hinter dem Sofa stehen, auf dem Tara lag und sich ein Video von Saskia auf dem Fernseher ansah. Sie tanzte den Feuervogel, das gleiche Solo, das auch Tara tanzen würde. "Seht euch Saskia an.", seufzte Tara verträumt.
"Wieso?", fragte Kat berechtigt. Diese Frau hatte nur Ärger verursacht. Unmöglich, dass wir ihr jetzt auch noch zusahen. "Ach an dem Abend bricht sie sich den Knöchel.", lachte Kat schadenfroh.
"Wenn ich nicht proben darf, wie kann ich an das heranreichen?"
"Die Hauptrolle in der Abschlussaufführung, das ist ja toll!", rief Ben begeistert und zog Kat mit sich mit. Grace folgte ihnen grinsend. Lachend Schüttelte ich den Kopf.
Gemeinsam mit Ollie und Abigail beschloss ich in die Company zu gehen und den Profis beim Tanzen zuzusehen. Wir hofften, dass wir so herausfanden, auf was Rebecca wirklich Wert legte. Was ihre Vorstellungen waren. "Laut Vertrag dürfen wir nur in der Economy Class reisen. Brauchen wir einen Agenten?", fragte Abigail, während sie sich den Vertrag durchlas, den eine Sängerin ihr und Ollie angeboten hatte.
"Hör doch mal auf, das zu lesen.", entgegnete Ollie ihr. "Jetzt geht es aber um uns. Wie gehen wir die Sache an?"
"Also, streng objektiv gesehen, die Tour ist nur der Spatz in der Hand."
"Jeden Abend treten wir vor Tausenden von Leuten auf. Sowas zählt doch."
"Und die Company ist total unsicher.", stellte Abigail fest. Irritiert schaute ich zwischen meinen beiden Freunden hin und her.
"Moment, heißt das..."
"Wir wären echt blöd, wenn wir das Angebot ausschlagen und Rebecca keinen von uns nimmt.", erklärte Abigail und schaute zu den Tänzern. War das echt das Ende des Traums? Ihre Liebe zum Ballett hatte ich wohl viel zu schlecht eingeschätzt.
Ich fühle mich unwillkürlich beeinflusst. Von all den Liebesgeschichten in Filmen, in Büchern und im Ballett. Da lernt man, wenn man genug leidet, wird am Ende alles gut. Es heißt nicht umsonst Liebesgeschichte. Ich kann jetzt nicht mehr in einer verzauberten erfundenen Welt leben. Ich muss mich jetzt dazu zwingen, dass die Wirklichkeit entscheidend ist. Mit der Liebe so umgehen, wie mit meinem besten Tanzen. Mühelos, schmerzfrei und schlichtweg schön.
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Dance Academy
FanficIsabella Johnson lebt in Australien und wird an der renomierten National Academy of Dance angenommen, an der sich ihr Leben ändert. Sie lernt mit ihren Mitschülern nicht nur Ballett, sondern auch Hip-Hop-Dance und Modern Dance. Doch die Freunde müss...
