Choreografie des Lebens

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Am tanzen gefällt mir eine Sache besonders. Es gibt eine Choreografie. Man weiß in jedem Augenblick, was man zu tun hat. Jeder Augenblick wird ausgefeilt, damit er so perfekt wie möglich wird. Wenn man sich sowas im Leben vorstellt, wenn es für das Leben eine Choreografie gäbe, dann würde man in jeder Situation das Richtige sagen. Alle wären im Einklang. Als Ethan die Musik stoppte, hörte ich auf zu tanzen und sah ihn fragend an. “Es ist zu viel drin.“, gestand er und sah mich seufzend an. “Es ist dynamisch. Und für Dynamik gibt es Bestnoten.“, widersprach ich ihm.
“Nicht bei der Bewertung von Choreografien.“, sagte Ethan mit einem kleinen Lächeln. “Die müssen nicht spektakulär sein, sondern sauber ausgeführt. Nochmal von vorne.“ Ethan drückt auf Play und ich stelle mich auf Position. Man sagt ja immer, das Unerwartete ist das, was fasziniert. Aber mal ehrlich, wär es nicht genial, wenn jemand einem die Schritte vorgeben würde?

“Ist es das, wenn die Leute in der Öffentlichkeit tanzen?“, fragte Tara, als Ben auf die Idee kam, einen Flashmob zu machen.
“Ja, Flashmobbing. Das ist die neue weltweite Bewegung.“, erklärte Ben eifrig und ging zu Sammy rüber. “Also, wir beginnen kurz an der Stange.“, sagte Saskia, als sie ins Studio kam. Widerwillig stellte ich mich an die Stange und begann mit den Übungen. Ein Flashmob war vielleicht keine so schlechte Idee. Das konnte ziemlich lustig werden. “Tara, was war denn das? Statt dich hinter'm Schuppen rumzudrücken, solltest du trainieren.“, wies Saskia Tara zurecht, als diese kurz das Gleichgewicht verlor. Die anderen lachten. Sie schien es jedoch nicht lustig zu finden. Auch später lief es nicht besser für Tara. “Und Tara ist nicht im Takt. Pas de Bourré. Tara hat einen Schritt ausgelassen. Könnte mal bitte eine andere patzen, damit ich nicht nur auf ihr rumhacke?“

Nach dem Unterricht traf ich mich mit Ethan, um an dem Solo weiter zu arbeiten. Während ich tanzte, schlich Ethan um mich herum, um es sich anzuschauen. Dann machte er die Musik aus und ich lief fast in ihn rein. “Na, siehst du? Es ist alles in dir. Wir müssen es nur offen legen.“, sagte Ethan lachend und hielt mich fest, damit ich nicht hinfiel. Völlig außer Atem sah ich ihn an und lachte leicht. “Ja.“, sagte ich und gab ihm einen müden Highfive.
“Oh, eine Botschaft.“, hörte ich Grace hinter mir.
“Hi, Grace.“, begrüßte Ethan sie. Verwirrt blickte ich sie an.
“Die Schwingungen hier im Raum, wirklich sagenhaft. Da bekomme ich ja eine Gänsehaut.“ Ich wusste nicht, was sie genau von uns wollte, weshalb ich sie einfach nur anstarrte. “Was meint sie damit?“, fragte Ethan mich schmunzelnd, doch ich zuckte mit den Schultern. “Ist schon klar. Ihr wollt es noch nicht publik machen. Meine Lippen sind versiegelt.“ Grinsend verließ sie den Raum und ließ uns verwirrt zurück.
“Okay, was war das jetzt?“, fragte Ethan mich.
“Sie hat eine lebhafte Fantasie.“, sagte ich genervt. “Nochmal vom Sprung?“, fragte ich und drehte mich um, nur um dann wieder in in reinzulaufen. “Ja, gut.“, sagte er und ich stellte mich in Position. Keine Ahnung, warum es mir peinlich war. Schnell fing ich wieder an zu tanzen, doch Ethan sah mich schmunzelnd an. “Eh, willst du Musik dazu haben?“, fragte er belustigt. Peinlich berührt blieb ich stehen und ging wieder zu meiner Position. “Ja.“

Ben hatte den großen Plan für den Flaschmob, also trafen wir uns im Studio, damit er uns die Informationen mitteilen konnte. Dank Ethan kam ich etwas zu spät, doch ich kam noch gerade rechtzeitig, um mitzutanzen. Ben zeigte uns die Choreografie und wir taten es ihm gleich. Nach dem Treffen, gingen Kat, Sammy und ich zu Tara auf den Hügel, die allein trainierte. “Daran bist nur du Schuld.“, jammerte Kat. “Ich wusste gar nicht, dass du so genervt reagierst auf den Benster.“, lachte Sammy und ich lachte mit. “Und seinen Dackelblick.“, fügte ich hinzu.
“Er ist ja auch wie ein junger Hund. Die gehen einem ständig auf den Geist bis man mit ihnen spielt oder ihnen einen Tritt gibt.“ Geschockt sah ich sie an. “Du willst dem Hündchen einen Tritt verpassen?“Kat stöhnte genervt auf, während Sammy anfing zu lachen. “Das kann ich doch überhaupt nicht. Ich will es ihm vorsichtig klar machen. Nochmal.“, erklärte sie uns. “Für wen sparst du dich eigentlich auf?“, fragte Sammy und ich sah Kat ebenso neugierig an.
“Christian nervt unglaublich.“, unterbrach Tara unser Gespräch, als wir bei ihr ankamen. “Warum hast du die jetzt auf?“, fragte sie Sammy und nahm ihm die Mütze vom Kopf. Sie war ein Geschenk von Taras Eltern an Christian. “Christian hat sie mir gegeben.“, erklärte er verwirrt.
“Ich halt es nicht aus. Das verstehe ich einfach nicht.“ Tara klang völlig hysterisch.
“Hey, atme tief durch.“, sagte Kat.
“Er sagt, du wolltest 'ne Pause.“,erklärte Sammy. Geschockt sah ich Tara an. “Vor der Prüfung 'ne kleine Auszeit.“, fügte Sammy hinzu.
“Hast du denn wirklich das Wort Pause benutzt?“, fragte ich sie.
“Das sagt man,wenn man bald Schluss machen will.“, sagte Kat und ich nickte zustimmend.
“Das habe ich aber nicht gemeint.“, klärte Tara uns auf.
“Bei ihm ist es so angekommen. Er ist jetzt ein Iglu.“ Fragend sah ich Sammy an.
“Was haben wir für schöne Vergleiche heute.“, lachte ich.
“Na, eigentlich ist er der Schneemann, der im Iglu hockt. Sein Leben lang gab es nur Schneestürme. Seine Mutter stirbt, sein Vater setzt sich ab...“, begann Sammy.
“Und was hat das mit der Vorbereitung für die Prüfung zu tun?“, fragte Tara etwas genervt. “Zum ersten Mal lässt er jemanden wirklich an sich ran. Und was passiert dann? Bam. Der Schneesturm setzt wieder mit voller Kraft ein.“ Sammy hatte schon komische Vergleiche. Aber er hatte recht.

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