Verrat im Rücken

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Es gibt gute Schmerzen. Das sind solche, die dich als Tänzer weiter bringen. Und dann die nervigen Schmerzen, die man loswerden möchte und schließlich die schlimmen Schmerzen. Schlimme Schmerzen, vor denen man Angst hat. Schmerzen, die dich am Tanzen hindern. "In meinem Jahr haben es nur drei von der Akademie ins Finale geschafft. Das war ein riesen Skandal. Im Wettbewerb kann alles mögliche passieren.", erklärte Saskia, als wir das Gebäude betraten, wo die Vorentscheidung für den Prix stattfand. Drinnen wärmten wir uns an der Stange auf. "Wer weniger Punkte hat, muss einen Tag ein Tütü tragen.", hörte ich Ben zu Christian sagen.
"Das steht dir doch sicher gut.", entgegnete Christian und schlug ein. Lachend verdrehte ich die Augen. "Tara, du bist ja heute besonders langsam. Was ist?", fragte Abigail, als sie sich zu uns gesellte. "Ich soll vorne stehen.", fügte sie dann hinzu.
"Wir sehen euch, egal wo ihr steht. Sehr schön, dass ihr alle hier seid. Ich bin Steven Heathcoat. Einer eurer Richter heute." Steven Heathcoat war zwanzig Jahre Solotänzer. Ich kannte ihn. Wer kannte ihn nicht?
"Wir beginnen mit einem normalen Balletttraining. “Dann, heute Nachmittag, zeigt ihr uns eure Soli. Es wird sicher ein schöner Tag.", sagte Steven und ließ uns dann die Übungen machen. Tara hatte Schmerzen, das sah ich sofort, aber sie wollte sich nichts anmerken lassen. Aber mir entging nichts. Was war bloß los mit ihr?

"Okay Ladies, Pirouetten. Wir beginnen mit dem rechten Fuß hinten und zur Ecke." Steven machte es vor und sah uns dann an. "Vier mal in der Diagonalen und dann abschließen."
"Wollen Sie doppelte oder dreifache, Steven?", fragte Abigail lächelnd.
"So viele, wie Sie schaffen. Sauber." antwortete er. Das war unsere Chance. Wir begannen mit den Pirouetten und was mir auffiel war, dass Grace ziemlich viele Drehungen machte. Sie musste natürlich Abigail beweisen, wie gut sie wirklich war. "Okay, das hat doch Spaß gemacht, oder? Also Jungs, klassische Variationen sind gleich nach der Mittagspause dran. Also bleibt in der Nähe, verlasst nicht das Gelände. Gut, danke." Wir applaudierten kurz und machten uns dann auf den Weg von der Bühne runter. Als Abigail und ich raus gingen, entdeckten wir Tara und Grace vor dem Gebäude. "Wo wollt ihr denn hin?", fragte ich neugierig. "Du hattest recht.", wandte sich Tara an Abigail. "Ich bin verletzt. Ich brauche noch eine Massage oder ein Schmerzmittel vor dem Solo." Abigail sah sie an.
"Dr Wicks lässt dich doch verletzt nicht tanzen.", sagte sie. Ertappt schloss Tara kurz die Augen.
"Du gehst zu einem Arzt außerhalb der Akademie?", fragte ich entsetzt. "Tara, das verstößt absolut gegen die Grundregeln.", fügte Abigail hinzu. "Bitte, verratet nichts.", bat Tara uns. "Ach endlich.", sagte Grace, als ein Taxi in unsere Richtung kam.
"Du willst mich doch besiegen oder?", fragte Tara an Abigail gewandt.
"Ich bin ohnehin besser als du.", antwortete diese.
"Wär dein Sieg nicht mehr wert, wenn ich auch antrete?", fragte Tara.
"Das ist schwachsinn. Es geht hier um deine Gesundheit.", sagte ich fassungslos.
"Tara ist nicht gesund. Und ihr denkt nur ans gewinnen.", keift Grace uns an. "Grace.", sprach Tara warnend. "Mir geht es um ihre Gesundheit. Nicht ums gewinnen.", entgegnete ich sauer. "Aber Tara hört ja nicht auf ihre beste Freundin.", sagte ich enttäuscht und ging wieder rein.

Niedergeschlagen saß ich in der Garderobe und spielte mit meinen Ballettschuhen, als Saskia hineinkam. "Saskia, ich möchte auch noch mit Ihnen reden. Über Tara. Ich mache mir Sorgen um sie.", sagte ich und sah sie durch den Spiegel an. Mir ging es nicht darum, zu gewinnen. Tara war verletzt und jemand musste ihr helfen. "Mir geht es genauso. Die Richter werden heute kein gutes Haar an ihr lassen." Saskia setzte sich zu mir uns sah mich an. "Also, ich weiß, das wird eine große Belastung für dich, aber es sollte wenigstens eine von euch im Finale tanzen. Und Grace ist unzuverlässig." Ich nickte langsam. "Wie gut kennst du die roten Schuhe?", fragte sie mich und hielt ein paar roter Ballettschuhe hoch. Verwirrt sah ich sie an.
"Ich habe Tara sehr oft gesehen, wie sie sich damit gequält hat. Aber Ethan hat ein Stück für mich choreographiert.", eklärte ich.
"Die roten Schuhe, wenn man sie wirklich gut tanzt, sind unschlagbar."

Auch wenn ich wusste, dass ich Tara damit vielleicht verletzen würde, stimmt ich zu die roten Schuhe zu tanzen. Mit Ethan hatte ich sowieso nicht genug geübt und die roten Schuhe waren meine Chance in der Vorrunde weiter zu kommen. Also machte ich mich dafür fertig. "Hallo.", hörte ich Ethan hinter mir. Er lehnte sich gegen die Wand und sah mich an. "Ich habe drei Tage die Socken nicht gewechselt. Soll Glück bringen.", sagte er lächelnd.
"Das war nicht nötig.", begann ich vorsichtig und sah ihn durch den Spiegel an. "Ich tanze jetzt ein anderes Solo." Ethan sah mich verdattert an.
"Was? Aber Bella, wir haben wochenlang daran gearbeitet." Ich nickte.
"Ja, schon...", sagte ich und schwieg dann. Mir war das ziemlich unangenehm. "Hey, ich weiß. Es ist riskant eine neue Choreografie zu zeigen, aber glaub mir, du wirst fabelhaft sein." Er stellte sich dicht hinter mich und blickte mich im Spiegel aufmunternd an.
"Ich werde die roten Schuhe tanzen. Das ist sicherer.", sagte ich entschlossen und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. "Ich weiß, du brauchst das für dein Demo, aber...", begann ich, doch Ethan ging und ließ mich sitzen.

Saskia führte mich durch den Flur und redete auf mich ein, aber ich war wirklich nervös und hatte dazu auch noch ein schlechtes Gewissen gegenüber Tara und Ethan. "Also, aus den Piqués musst du alles rausholen.", sagte Saskia neben mir.
"Ich habe auch nicht vor zu schluddern.", erwiderte ich Augen rollend.
"Und bei den Attitudes, konzentrier dich auf den Oberkörper. Tara ist nämlich ausdrucksvoll." Entgeistert blieb ich stehen und sah Saskia an. "Das ganze ist sinnlos, wenn du nicht besser bist als sie." Verwirrt schloss ich kurz die Augen. Jetzt wusste ich, was hier los war. "Das ganze Semester über, haben Sie sich eindeutig darüber lustig gemacht, wie schlecht sie das Solo tanzt und jetzt... weiß ich auch, warum Sie sie so hassen.", stellte ich fest.
"Nein, das tue ich nicht. Ich muss dabei an die Akademie denken." Ich schüttelte den Kopf.
"Bitte, ich habe gesehen wie neidisch Abigail auf Tara war.", lachte ich auf. "Ich bin die jüngste Solotänzerin in der Geschichte der Company. Ich bin auf niemanden neidisch.", widersprach Saskia mit verschränkten Armen.
"Ich wusste, dass sie gut ist. Ich ahnte nur nicht, dass sie gut genug ist, um Ihnen Angst zu machen. Entschuldigen Sie mich." Schnell ging ich wieder zurück, um mir mein eigentliches Kostüm anzuziehen.

Hinter der Bühne bereitete ich mich dann mental darauf vor und badete förmlich meine Schuhe in der Kreide auf dem Boden. Nervös atmete ich tief durch. "Hallo.", hörte ich jemanden hinter mir. Erschrocken drehte ich mich um, nur um in Ethans Gesicht zu blicken. "Du bist ja noch hier.", bemerkte ich überrascht und auch etwas erleichtert. "Ja, ich habe mich auf die Socken verlassen, dass du es dir nochmal überlegst und nach dem Kostüm zu urteilen..." Lächelnd senkte ich den Kopf.
"Damit wären wir mit der Gruppe der Jungen durch. Die Damen mit den Nachnamen E bis J bitte kommen Sie jetzt auf die Bühne.", hörte ich Steven durch das Mikro sagen. Nervös blickte ich mich um. Jetzt gab es kein zurück mehr. "Ich habe eine Frage. Tänzerin an Choreograf.", begann ich und sah Ethan an. Dieser nickte. "Schieß los." Ich hob meinen Kopf und legte dann meine Lippen auf seine. Zu meiner Überraschung erwiderte er den Kuss sogar. Als ich mich sanft von ihm löste, blickte er mich an. "Ich frage mich, ob das eine rein professionelle Beziehung ist, zwischen uns.", sagte ich. "Und jetzt folgt Isabella Johnson. Sie tanzt eine Original Choreo von Ethan Kamarakov und vertritt die National Academy.", hörte man Steven wieder. "Ist die Sache jetzt klarer?", sagte Ethan lächelnd. Ich nickte lächelnd und schaute dann gespielt ernst. "Total professionell." Ethan sah mich empört an, aber bevor er etwas sagen konnte, sprintete ich schon zur Bühne, um das zu tun,was ich am besten kann. Tanzen.

Nachdem Kat mir erzählte, dass Tara mitgekriegt hatte, dass Christian und sie sich gern haben und Tara nun doch auftreten will, rannten wir so schnell es ging zu ihr, um zu reden. "Tara, ich schwör dir. Ich habe ihm gesagt, dass nie etwas zwischen uns sein kann.", erklärte Kat sofort.
"Aber du wünscht es dir.", sagte Tara kalt. Kat schwieg einen Moment. "Bitte tanz nicht.", sagte ich.
"Tara, dass du gesund bleibst ist Tausend Mal wichtiger, als diese ganze Sache.", machte Kat weiter. "Das sagst du so. Aber für mich fühlt es sich an, als wärst du mir in den Rücken gefallen." Enttäuscht drehte sie sich um. "Als nächste, Tara Webster. Sie tanzt die roten Schuhe und vertritt damit die National Academy.", sagte Steven und Tara ging auf die Bühne.
Es ist schon vorgekommen, dass ich mich beim Tanzen völlig vergessen habe. Auch wenn meine Füße in den Spitzenschuhen geblutet haben, habe ich nichts gespürt. Bei Tara war das diesmal nicht so. Sie fühlte alles. Und das Tanzen machte alles nur schlimmer.

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